Wenn Bier gezwungen ist, Politik zu machen

Was wäre Amerika ohne seine Einwanderer? Wirtschaftlich wahrscheinlich immer noch Cowboy- und Farmer-Country, kulturell ähnlich staubig. Das Land der bisher unbegrenzt scheinenden Möglichkeiten schmückte sich schon immer gern mit Namen einstmals Fremder, als seien sie alleinige Geschöpfe des American way of live. Da wären beispielsweise Henry A. Kissinger (= Heinz Alfred Kissinger), der erste US-Aussenminister mit fränkischem Akzent; Levi Strauss (= Löb Strauss), der Hinterteile in aller Welt blau verkleidet hat;

Henry E. Steinway (= Heinrich Engelhard Steinweg), der Holz und Gusseisen himmlische Klänge entlockt; Raketeningenieur Wernher von Braun; Sprachschulgründer Maximilian Delphinius Berlitz (= David Berlizheimer), Psychoanalytiker Erich Fromm oder Wilhelm Böing, der Vater von Flugzeugingenieur William Edward Boeing. Alles Amerikaner, oder?! Was hat Nationalität eigentlich mit Können zu tun?

D’accord, auch für die Deutschen ist Wolfgang Amadeus Mozart meist ein Deutscher, während Adolf Hitler Österreicher bleiben darf. Und mit Blick auf die USA schien es bisher eher liebenswert als verlogen, dass jeder, der etwas bewegt und irgendwann einmal amerikanischen Boden betreten hat, automatisch zum Amerikaner wird. Man rühmt sich gern der erfolgreichen Söhne und Töchter des Landes.

 

In den USA heisst es nun «der Millionär gegen die Tellerwäscher».

 

Doch plötzlich ist alles anders: In den USA heisst es nicht mehr «vom Tellerwäscher zum Millionär», sondern «der Millionär gegen die Tellerwäscher». Während grosse Teile der Bevölkerung protestieren und ihnen das gar nichts nützt, die Welt schockiert den Atem anhält und die amerikanische Wirtschaft in Deckung geht, reagiert wenigstens die Werbung – jedenfalls wenn man für deutliche, aber gut verpackte Botschaften empfänglich ist.

Die Bierbrauerei Budweiser hat den Werbespot, den sie zum Super-Bowl-Finale zeigen wird, schon jetzt in voller Länge ins Internet gestellt (Bit.ly/2knCvmh). Er erzählt vom Weg des Adolphus Busch nach Amerika, einem jungen Deutschen mit dem unerschütterlichen Traum vom Bierbrauen, der schliesslich mit Eberhard Anheuser, ebenfalls ein US-Immigrant, die Brauerei Anheuser-Busch gründet. «You dont look like you’re from around here, go back home», muss sich Busch sagen lassen, während er sich durch Regen, Schlamm und Feuer seinem Traum entgegenkämpft. Busch setzt all dem nur einen Satz entgegen: «I want to brew a beer.» Botschaft von Budweiser: «When nothing stops your dream, this is the beer we drink.»

Einerseits ist das Filmchen von Budweiser ein sehr amerikanischer Spot, der eben den Tellerwäscher-Millionär-Traum zitiert. Aber er ist genauso eine gestreckte Linke in Richtung des neuen Mächtigsten des Landes, der nicht mit seiner Meinung über Immigranten hinter dem Berg hält, ihnen ihre Daseinsberechtigung abspricht, während die Welt zuschaut. Zwar konnten Fremdenhass und Vorurteile Adolphus Busch 1857 nicht stoppen – aber wie sähe Buschs Weg 2017 aus? Das ist die unausgesprochene Frage, die im Spot mitschwingt, und die ihn zu einem wichtigen Stück Politik macht.

Beim Tagi-Meeting am 31. Januar hat Philipp Hildebrand Vertreter von Wissenschaft, Medien, Politik und Geldwirtschaft dazu aufgefordert, die Wahrheit zu sagen, damit «Postfaktisches» und «alternative Fakten» – der neue American way of live – nicht alles überlagern. Ja, die Wahrheit. War sie nicht bisher für uns alle selbstverständlich? Und doch gibt es an den höchsten Entscheidungspositionen der Welt Menschen, die Lügen verbreiten und dennoch ihre Macht behalten. Wie kann und darf das sein? Während wir versuchen, diese Fragen intellektuell zu bearbeiten, gehen die Lügen weiter und machen Träume, Chancen, Leben kaputt.

Höchste Zeit für jeden von uns, die Augen und den Mund aufzumachen und – ganz amerikanisch – fest daran zu glauben, dass das etwas nützt. Ein gehässiger Tweet von Mr. Sturmfrisur als Kommentar zum Budweiser-Spot ist bisher nicht überliefert. Vielleicht ein guter Anfang.

 

Anne-Friederike HeinrichChefredaktorin

f.heinrich@werbewoche.ch

Fr 10.02.2017 - 15:36
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