Zur Sache: Jetzt ist es weg! Und ich bin wieder allein, allein

Es ist eine uralte Weisheit, dass man immer erst merkt, welche Bedeutung etwas für einen hat, wenn es nicht mehr da ist. So ist der erste Freund exakt so lange ein unromantisches Trampeltier, bis er davontrampelt.

Und dann vermisst man ihn. Wenn’s doof läuft, ganz schrecklich. Ein Klassiker.

Ähnlich ging es mir mit meinem weissen, alten iPhone: Hundertmal herumgestossen, herunter­geworfen, verflucht, den Kindern als Stillhalte­abkommen in die Hände gedrückt, zwischen zwei Sofakissen gesteckt, wenn es klingelte, Bier darübergeplempert; auf dem WC lieblos auf den Seifenspender geknallt, damit es nicht wieder einmal von der Hecktasche in den Orkus klatscht … und plötzlich ist es nicht mehr da! Weg!

Mein liebes Handy, nicht nur achtlos liegen ge­lassen (von mir), sondern auch noch gemein mit­genommen (von einem, der auch mal musste). Hätte ich mein iPhone auf dem Seifenspender wieder­gefunden, als ich eine halbe Stunde später danach suchte, wüsste ich nun allerdings nicht so genau, wie oft ich binnen eines Tages auf sein Display schaue, rasch mal eine Nachricht schicke, ein Foto mache, meine Mails abrufe. Kurz: Ich vermisste mein ­iPhone, meine Bilder, meine Daten und das Gefühl, erreichbar sein zu können, wenn ich das wollen ­würde. Ich fühlte mich seltsam hilflos, abgenabelt, als hätte mich jemand ohne Wasser in der Wüste ausgesetzt. Und was mache ich jetzt im Tram mit meinen Händen? Mit meinen Augen??

Am nächsten Morgen hatte ich Besuch in der Redaktion. Dieser kam zehn Minuten zu spät und entschuldigte sich damit, er sei heute etwas unkoordiniert, denn er habe sein Handy daheim liegenlassen. Ha! Noch so einer. Wenn man seinen Herzschrittmacher irgendwo liegenliesse, wäre die totale Funktionsstörung ja noch zu erklären. Aber es geht um ein Telefon. Und wir sind offensichtlich abhängig davon.

Da weder Fundbüro noch Polizei, weder iCloud noch Findmyiphone mir Hoffnung auf ein Wiedersehen mit meinem Handy machen konnten, überwand ich den Trennungsschmerz und besass bereits knapp 24 Stunden nach dem Verlust ein neues ­iPhone, natürlich die übernächste Generation, mit noch mehr Bites und noch mehr Tools. Nicht mal das Täschchen vom Verschollenen passte dem Neuling mehr. Aber wissen Sie, als Journi und Mami muss man natürlich … stellen Sie sich vor … wenn etwas wäre. Und ich habe mich dafür nicht einmal fest geschämt.

Das Handy ist heutigentags nicht nur ein zentrales Tool, es ist Teil der Person, um nicht zu sagen: der Persönlichkeit. Es wird nah am Körper getragen, ist der treueste Kommunikationspartner beim Bier und im ÖV, es wird eingekleidet und geschmückt, aufgeräumt und gefüttert, geputzt und auf den neuesten Stand gebracht. Damit geht es ihm besser als so manch einem Kollegen, der sich nach Wochen beklagt, ewig keine Nachricht mehr bekommen zu haben.

Zu diesem Befund über unsere Mobile-Abhängigkeit passen die Ergebnisse einer neuen Studie der finnischen Aalto-Universität, die vom schwedischen Mobilfunkausrüster Ericsson in Auftrag gegeben wurde: Dieser Studie zufolge erzeugen Verzögerungen beim Herunterladen von Videos aufs Handy beim User so viel Stress wie das Lösen einer Rechenaufgabe oder das Anschauen eines Horrorfilms. Uahhhhhhh!!!

Für die Studie mussten Probanden innerhalb ­einer festgelegten Frist eine Aufgabe erledigen. Dadurch waren sie gezwungen, sich schlecht gepufferte und ruckelnde Videos anzusehen. Dabei wurden die Pulsfrequenz, die Hirnaktivität und die Augenaktivitäten der Versuchsteilnehmer gemessen. Das Ergebnis: Dauerte die Ladepause sechs Sekunden oder länger, erhöhte sich der Herzschlag der Probanden um durchschnittlich 38 Prozent, deutlich stressiger als beispielsweise das nervige Warten an einer Supermarktkasse. Dazu muss man ergänzen, dass die Studie in Dänemark stattfand, das weltweit zu den Ländern mit den höchsten Streaminggeschwindigkeiten im Internet gehört. Den Probanden platzte also wahrscheinlich noch schneller der ­Kragen, als es bei uns der Fall gewesen wäre. Obwohl ich schon bei der Beschreibung des Studiensettings ganz nervös werde.

Item: Das langsame Laden von Videos aufs ­Handy ist der Horror von heute – und nach einer kleinen privaten Studie kann ich sagen: unmittelbar nach dem Verlust des Mobiltelefons.

Sie können sich nun in etwa vorstellen, wie sehr es aufs Herz schlägt, sein Handy auf einem Seifenspender liegen zu lassen und hernach wie ein Rohrspatz zu fluchen, weil man in dem Moment, in dem man das Handy aus der Hand legte, genau gewusst hat, dass man es dort liegen lassen wird. Ein Wunder, dass ich das überlebt habe. Ich sah schon die Blick-Schlagzeile: «Handy weg: Kollaps.»

Künftig werden Krankenkassen Diebstahl­versicherungen fürs Handy anbieten, um die Gesundheitskosten zu drücken. Wahrscheinlich wäre es aber auch nicht schlecht, wenn wir alle das Handy ab und zu mal irgendwo liegen liessen. Wählen Sie einfach einen sicheren Ort für Ihr Schätzchen und merken Sie ihn sich gut. Vielleicht notieren Sie auf einem Zettel, wo Sie es hingelegt haben. Nein! Nicht «Notizen» …

Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin Werbewoche

f.heinrich@werbewoche.ch
 

 

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