Gross im Geschäft: die «Bezwinger» der Eigernordwand

Christinger ist in vielen Zielmärkten tätig, grossformatig und dreidimensional. Die wichtigsten sind: Aussenwerbung, damit verbunden CI-Umsetzungen, Öffentliche-Verkehrsmittel-Werbung, Displays für den Point of Sale, kurz: Werbetechnik in allen Schattierungen.

Weltrekord: grösstes frei hängendes Plakat. 4067 Quadratmeter gross, gedruckt auf winddurchlässigem PVC-Netzvinyl. Das Plakat wog 1,8 Tonnen und wurde per Helikopter aufgezogen.

Vom Siebdruck, von der Werbetechnik herkommend, begann bei Christinger vor genau 20 Jahren die Ära des Digitaldrucks. Damit nahm das Schlieremer Unternehmen in der Schweiz die Vorreiterrolle im grossformatigen Digitaldruck ein. Karlheinz Kaiser, Geschäftsführer bei Christinger AG, reflektiert: «Heute haben wir, genau betrachtet, zwei Bereiche: Print & Cut und Werbetechnik.» Print & Cut basiere jeweils auf einer Offertanfrage, die es im Tagesrhythmus umzusetzen gilt. Anders im Bereich Werbetechnik, wo es um grössere Projekte geht, etwa um CI-Umsetzungen im Beschriftungsbereich, für Banken, Kioske und andere Auftraggeber. So wurden beispielsweise im vergangenen Jahr über 700 Bankfilialen für einen Auftraggeber durch Christinger neu beschriftet.

Markt- und Technologieführerschaft

Christinger gilt mit seinen rund 60 bis 70 Mitarbeitenden – die Zahlen variieren – als schweizerischer Marktführer. Gründer Emil Christinger hatte das Unternehmen im Rahmen einer Nachfolgeregelung im Dezember 1994 an Toni Fricker und Karlheinz Kaiser übergeben. Damals zählte das Unternehmen 19 Mitarbeiter. In diese Zeit fällt auch der Start in den Digitaldruck: Einen Monat vor Geschäftsübernahme durch die Herren Fricker und Kaiser wurde schweizweit die erste grossformatige Digitaldruckmaschine installiert. Diese Maschinen seien ursprünglich für Architekten entwickelt worden, um Blueprints zu drucken, so Kaiser. Erst anschliessend seien die ersten Softwarelösungen hinzugekommen, die es ermöglichten, Bilder zu drucken. Weshalb die sukzessive Abkehr vom bewährten Siebdruck? «Bei Auflagen für Plakate unter 50 Stück war der Siebdruck nicht mehr wirtschaftlich. In der Folge haben wir den Plakat- und Beschriftungsbereich mit der grossformatigen Digitaldrucktechnologie richtiggehend industrialisiert. Der Siebdruck, vor zwanzig Jahren noch vorherrschend, ist nun praktisch inexistent; er wird nur noch in besonderen Fällen eingesetzt.» Christinger folgte somit als einer der ersten Betriebe einer Maxime, die Digitaldruckpionier Beny Landa bereits Ende der neunziger Jahre so formulierte: Everything that can be digital, will be digital.

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Poster für Ford von Ogilvy & Mather an der Zürcher Weinbergstrasse, gedruckt auf starres Material (oben); Schaufenster-Dekoration bei UPC Cablecom. Doppelseitiger Digitaldruck,
sichtbar von innen und von aussen.

«CMYK-art»

Die Metapher vom Schuster mit den schiefen Absätzen hat für Christinger keine Gültigkeit. Das Unter- nehmen aus Schlieren wirbt, wie könnte es anders sein, mit einer Aufsehen erregenden Plakatkampagne für sich selbst; mit einer Kampagne, die durch ihre auffällig bunten Sujets auch im Hauptbahnhof Zürich zu besichtigen war. Klar, Christinger hat seine Plakate selbstverständlich inhouse produziert; gestaltet wurden sie jedoch von der ganz jungen Agentur Karling. Lanciert wurde die Kampagne unter der Bezeichnung «CMYK-art» (Das Akronym CMYK steht für die drei Farbbestandteile Cyan, Magenta, Yellow und den Schwarzanteil Key als Farbtiefe = Vierfarbendruck). Kaiser will das Konzept in den kommenden Jahren weiterführen: «Wir wollen damit jungen Gestaltern im Rahmen eines jährlich wiederkehrenden Wettbewerbs eine Plattform bieten – das ist die Idee dahinter.» Eine lobenswerte Idee, der Talentförderung dienend, zumal sie laut Kaiser grosses Echo ausgelöst hat. «Es gab Anfragen für Plakate dieser Art. Nun, Plakate, das ist eine unserer Kernkompetenzen. Mit dieser Kampagne wollen wir veranschaulichen, dass die Grossbildkommunikation, das Plakat, eine unserer Kernkompetenzen ist – und eine Passion.»

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Das Zoo-Tram wirbt für das neue Elefantenhaus im Zürcher Zoo (oben); aktuelle Eigenwerbung (unten). Das Konzept CMYK-art soll mit einem Wettbewerb für junge Grafiker fortgesetzt werden.

Lösungen für Anspruchsvolle

«Wir machen natürlich nicht nur für uns selbst gute Plakate», sagt Kaiser lachend. Ein gutes Beispiel dafür ist das Plakat für den Ford Transit, das die Agentur Ogilvy Matter gestaltet hat, mit der Idee des ausgesparten Laderaums bei diesem Auto. «Wir lieben kreative Ideen, die wir umsetzen dürfen – wir lieben die Herausforderung, diese zu verwirklichen. Denn unsere Zielsetzung ist nicht das ‹gewöhnliche› Plakat, sondern Lösungen für anspruchsvolle Auftraggeber. » Es liegt somit auf der Hand: Werbeagenturen sind wichtige Kunden für Christinger. Ihr Anteil an den Aufträgen pendelt um die 50-Prozent- Marke herum.

Kaiser: «Da wir seit 1994 Plakate im Digitaldruck produzieren, sind wir sicher diejenigen, die die längsten Erfahrungen haben mit dieser Technologie. Das begann mit einfachen Plakatdruckmaschinen. Mittelfristig kamen grössere Formate für Megaposter zum Einsatz, anschliessend die ersten Maschinen, die Weiss drucken. Das war für uns – aus dem Siebdruck kommend und mit vielen transparenten Folien konfrontiert – sehr wichtig. Als weiterer Meilenstein folgte 2004 der Einsatz der ersten Flachbett- Digitaldruckmaschinen, und zwar bereits damals mit Druckfarbe Weiss, mit denen wir starre und halbstarre Materialien bedrucken, also Karton, Dibond, Hart-PVC, Plexiglas und andere Druckträger.» Die breiteste Maschine bei Christinger misst sage und schreibe fünf Meter. Wird das Thema «Formate» angesprochen, kennen die Large-Format-Printer kein Halten mehr: «Die grossen Plakate, die man beispielsweise im Flughafen sieht, messen 28 Meter × 14 Meter. » Wie muss man sich deren Herstellung vorstellen? Kaiser: «Da wird das Sujet im Computer in Bahnen aufgeteilt und anschliessend auch in Bahnen gedruckt. Die einzelnen Teile werden am Schluss vom Ausrüster zu einem einzigen Teil zusammengefügt und zur Sicherheit mit Rückhalteschlaufen versehen.»

Als die Eigernordwand zur Plakatwand wurde

Als besonderes Referenzprojekt nennt Kaiser das Plakat, das im wahrsten Sinne des Wortes einen Höhenflug absolvierte: «Wir funktionierten damals die Eigernordwand im Auftrag von Procter & Gamble zur Plakatwand um! Das war das grösste Plakat, das je produziert worden ist. Es wurde vor zehn Jahren bei uns gedruckt und wies eine Fläche von 4067 Quadratmetern auf.»

Die Aktion wurde von Procter & Gamble Schweiz zusammen mit der Promotionsagentur fm/Projects GmbH geplant und realisiert, das Plakat von Christinger Partner AG in Zusammenarbeit mit Spühler Blachen und der Nüssli-Gruppe produziert und konfektioniert. Die Durchführung kam mit Unterstützung der Jungfraubahnen und der Jungfrau-Tourismus- Organisation zustande. Um das Plakat in die Luft zu bringen, wurde ein spezieller Helikopter mit einer Last-Kapazität von 4200 kg benötigt. Piloten der Heliswiss und viele freiwillige Helfer auf dem Flugplatz Interlaken und auf der Kleinen Scheidegg waren an der Aktion beteiligt. Das Megaposter diente übrigens nach seinem weltweit beachteten Auftritt einem guten Zweck: Aus dem Material des Plakates wurden Taschen hergestellt, die zugunsten von SOS-Kinderdorf in den Verkauf kamen. Es bleibt bei Christinger indes nicht beim Medium Plakat, wenn von Werbung fürs eigene Unternehmen die Rede ist. «Es ist einerseits sicher ein Vorteil, wenn man mit einem Dienstleistungsangebot breit abgestützt ist», sagt Kaiser, «auf der anderen Seite wird es bezüglich Marketing und Kommunikation komplex, wenn man verschiedene und sehr unterschiedliche Zielmärkte bewirtschaften muss. Deshalb geben wir auch unser Kundenmagazin ‹Tatort-Journal› heraus. Sodann ist für uns selbstverständlich auch das Internet sehr wichtig. Wir halten unsere Site ständig à jour. So können wir Projekte zeitnah präsentieren, zum Beispiel momentan die Zürcher Trams, die von uns vollflächig beschriftet worden sind.»

Der Point of Sale – ein weites Feld

Neben dem Plakat ist für Christinger auch der Point of Sale (POS) ein gutes, lebhaftes Geschäft, zudem auch das Geschäft mit Shop-in-Shop-Konzepten. «Shop-in-Shop-Konzepte kommen meistens für internationale Brands zum Einsatz, die hier in der Schweiz in einem Ladengeschäft angeboten werden. Beispielsweise wenn Kollektionen von Sommer auf Winter wechseln. Der POS ist ein weites Feld. Das beginnt etwa bei einem Gestell für Grossverteiler, geht über Bodenkleber, Displays, Trays bis hin zur Grossbildkommunikation.» Aber nicht nur der Detailhandel ist Grossauftraggeber. Auch Dienstleistungsunternehmen wie Banken und Versicherungen, wo es um die Wahrung der Corporate Identity beziehungsweise ums Corporate Decorating geht, sind Auftraggeber der Firma Christinger.

3-D im Fokus

Bei Christinger denkt man immer mehr in dritter Dimension: «Mit unserer Flachbettdruckmaschine, mit unseren Cutter-Kapazitäten und mit unserer Designstation können wir 3-D-Aufträge gestalten, entwickeln, bedrucken und ausliefern. 3-D ist ein Segment, das wir weiterentwickeln. Die Komplexität darin jedoch ist gross, wir mussten zunächst Fachleute finden, die mit Wellpappe und Karton POSKonzepte entwickeln. Da steckt viel Know-how dahinter, da ist es wichtig, die richtige Schnittstelle zu den Kunden zu haben. Wir stellen heute auch grosse Displays her. Wir können ein, zehn oder hundert Exemplare davon produzieren, und wir können die alle auch noch cutten, das geht alles einteilig. Früher waren als Minimalmenge zehntausend bis fünfzehntausend Stück angesagt, wenn von Displays die Rede war. Heute liegen die Stückzahlen weit darunter. Dank unserer Digitaldruckkapazitäten können wir innert kürzester Frist, etwa innert zweier Tage, dem Kunden einen Prototyp zur Begutachtung liefern. Die Sujets variieren oft in den verschiedenen Regionen oder Läden. Diese Anforderung können wir mit unserer systembedingten Flexibilität problemlos erfüllen», so Kaiser.

Eine Einschränkung macht er schliesslich doch noch, nämlich bei der Frage, wie es um die erwähnten hohen Auflagen stehe, die in traditionellen Druckverfahren hergestellt werden. «Für die Entwicklung von Prototypen und Testserien sind wir sicher der richtige Partner sowie für Aufträge mit kleineren bis mittleren Auflagen. Handelt es sich hingegen um ganz hohe Auflagen, geht der Auftrag in den Offset- oder Flexodruck zu einem anderen Lieferanten. Das wissen unsere Kunden.» Gestaltungsaufträge, wie sie Werbeagenturen ausführen, übernimmt Christinger nicht. Hingegen zählt das Design und das Beschriften von Vorführwagen zu den Christinger-Kernkompetenzen. «Das ist eine Nische, die man beherrschen muss; jedes Auto hat Türen und Griffe, einen Tankdeckel und andere Eigenheiten, die es zu berücksichtigen gilt. Da ist unser Know-how gefragt.»

«Geeichte» Qualität – PSO-zertifiziert

Technologieführerschaft ist mittlerweile fast so etwas wie eine Selbstverständlichkeit bei Christinger. «Aber immer unter der Prämisse, dass man Qualität damit produzieren kann», so Kaiser. «Was wir auch als Erste hierzulande umgesetzt haben, nämlich bereits 2006, ist die Angleichung des Digitaldrucks an den Offsetdruck. Was heisst das? Die Kunden wissen, was Offsetdruck ist, sie wissen, wie sie im Offsetdruck die Daten aufbereiten müssen, und sie wissen, was sie vom Offsetdruck erwarten können. Wir haben schnell gemerkt, dass wir den Produktionsstandard des Offsetverfahrens (PSO) auch für den Digitaldruck anwenden können. Auf vielen Substraten können wir den PSO abbilden. Es gibt jedoch auch solche, bei denen das nicht möglich ist.» Was heisst das für den Kunden? Er erhält die Gewissheit, dass die verschiedenen Druckverfahren zueinander passen – Digitaldruck sieht aus wie Offset und umgekehrt. Kaiser: «Oft wird eine Plakatkampagne parallel im Offset- und im Digitaldruck produziert; die deutsche Version in der höheren Auflage etwa im Offset-, die französische oder die italienische Version im Digitaldruck. Der dritte wichtige Grund: Digitaldruck ist immer auch ausgelegt für Printing on demand, man druckt nur gerade das, was man braucht. Und wenn ein Nachdruck ansteht, so hat der auszusehen wie der vorherige Druck. Das erreichen wir mit der PSO-Standardisierung. Diese wird bei uns jedes zweite Jahr von der Ugra rezertifiziert. So sind auch unsere Maschinen zertifiziert: der Turbojet, die Durst-Anlage sowie unsere HPFlachbettmaschine und eine vierte Maschine, ein HP-Latex-Drucker. Wir sind der einzige Grossformat- Digitaldrucker, der PSO-zertifiziert ist.»

«Seerestaurant» Christinger …

Die Philosophie Christingers war es schon immer, mit einer hoch entwickelten, industriellen Produktionskapazität Spitzen im Einschichtbetrieb bewältigen zu können; denn mehrschichtiges Arbeiten ist in der Schweiz nicht sonderlich beliebt. «Ich vergleiche das immer mit einem Seerestaurant – wenn schönes Wetter herrscht, muss man bereit sein; wenn es regnet, muss man nicht mal die Stühle bereitstellen. Mit unseren Maschinen sind wir dazu in der Lage, im Einschichtbetrieb die Auslastungsschwankungen abfedern zu können, bis hin zur Montage.» Kaiser weiter: «Wir versuchen, Balance zu halten. Mit Flachbett- und Weissdruck konnten wir den herkömmlichen Siebdruck ablösen. Digitaldruck heisst die Zukunft für uns. Gleichzeitig stellt sich uns die Frage: Welche neuen Marktsegmente können wir uns damit erschliessen? Die Strategie heisst klar: Wir wollen das, was wir im Plakatdruck erreicht haben, auch im Displaybereich, im POS-Bereich, erreichen.» Muss ein Unternehmen, das so gut aufgestellt ist wie Christinger, überhaupt noch eine Vision haben, ist das Ende der Fahnenstange gar erreicht? Kaiser abschliessend: «Das Ende der Fahnenstange ist noch längst nicht erreicht. Das Stichwort dazu: Singlepassdrucken. Aber da sind wir noch ein paar Jährchen davon entfernt. Aber es kann durchaus relativ schnell gehen, darauf bereiten wir uns vor. Herausforderungen sind da, um sie zu packen …»

Claude Bürki
 

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