Wo ist die schöne Claudine?

Meist ist nur gerade der Kopf von WW-Kolumnist Michael Barney zu bewundern.

Meist ist nur gerade der Kopf von WW-Kolumnist Michael Barney zu bewundern. Im Hauptberuf Texter bei Lowe Lintas GGK, zeigt er sich jetzt als Model für eine Kampagne der Agentur für CS Youtrade. «Es ist nicht das erstemal, dass ich für eine Kampagne Modell stehe», sagt Barney. Vor zwei Jahren kramte er in verschlissenen Kleidern vor dem Zürcher Warenhaus Globus in Müllsäcken für eine Caritas-Kampagne. Nun präsentiert sich der Kolumnist in feines Tuch gehüllt – aber ohne die schöne Claudine, der er in seinen Kolumnen jeweils höflich-altmodisch und sympathisch den Hof macht. «Es gibt sie wirklich», beruhigt Barney alle Kolumnenleser, Frank Bodin inbegriffen, «aber sie wollte nicht mit aufs Bild», sagt er – und zwinkert zweimal mit den Augen. Einmal für sich und einmal für die schöne Claudine.SPIEGEL DER GESELLSCHAFT. Geschrieben wird über «Die grosse Rentenreform» im Spiegel vom 12. Februar. Sie findet kaum statt, sagt uns dazu die Grafik auf dem Titelblatt des Nachrichtenmagazins. Und diese Gestaltung könnte einen neuen Trend, besser noch: eine wahre Revolution, auslösen. In einer vom Reizwort «visuell» bildlich schon total überfluteten Welt vertraut der Spiegel noch einmal nur aufs Wort. Mal sehen, ob das Bildkonzept «Am Anfang war das Wort» auch bei der nächsten Berliner Type lobende Worte finden wird.
PLAKATWERBUNG ZWISCHEN 1920 UND 1960. Bis Anfang Juli 2001 stellt die Schweizerische Nationalbank in Zürich Schweizer Sachplakate der Zwanziger- bis Sechzigerjahre aus. Sie stammen aus der Sammlung des Zürcher Museums für Gestaltung und Kunst (MfGZ) und zeigen einen Plakatstil, der eine sachbezogene Auffassung der Warenwerbung praktizierte. Ein immer wiederkehrendes Zweitelement war eine Hand, die den Sinn hatte, das Ertasten des Produktes und das Zugreifen zu signalisieren. Das MfGZ wird das ganze Jahr über mit drei Ausstellungen Gast in den Schaufenstern der Schweizer Nationalbank sein. Klappen für Advico Young & Rubicam, Publicis und André Benker. Am TV-Spot- und Werbefilmfestival «Die Klappe» konnte die Schweiz drei von 17 Klappen abräumen. Die zwei goldenen Klappen gingen zwar beide nach Deutschland (an Jung von Matt, Hamburg, und Heye & Partner). Eine silberne Klappe sicherte sich aber Advico Young &Rubicam mit einem Kuoni-Spot. Bronze gabs für Publicis, Zürich (Swisscom Mobile), und André Benker (Käseorganisation Schweiz).
NICHT VON PAPPE. Seit Anfang Februar ist in der Schweizer Verpackungslandschaft ein vorsintflutliches Wesen heimisch, das die unterschiedlichsten Gestalten annehmen kann. Das wandelbare Geschöpf namens IWIS wurde erstmals an der Pack IT ’01 in Basel gesichtet. Es besteht aus sechs Wellkartonteilen und soll die hohe Flexibilität dieses Verpackungsmaterials demonstrieren. Ausgebrütet hat die Idee die Erlenbacher Agentur Eclat im Zusammenhang mit einem Auftritt, den sie für die Interessengemeinschaft der Wellkartonindustrie Schweiz (IWIS) konzipierte.
KEIN MEGAPHON FÜR DIE SCHWEIZ. An dem vom Jahrbuch der Werbung durchgeführten Wettbewerb Megaphone 2001 wurden 1000 Arbeiten von rund 300 Agenturen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und dem Südtirol von einer Jury von 17 unabhängigen Experten der Werbe- und der Medienbranche bewertet. In der Kategorie Kampagne des Jahres gabs drei Gewinner: Heye & Partner wurde für einen TV-Auftritt für McDonald’s ausgezeichnet und für das Gesamtwerk, das die Agentur seit 1971 für McDonald’s vollbringt. Springer & Jacoby erhielt ein Megaphon für die Mercedes-Werbung der E- und für die TV-Spots der A-Klasse. Ebenfalls prämiert wurde eine Printkampagne der Londoner Werbeagentur E-fact.Limited und deren Schwesteragentur Springer & Jacoby, Hamburg, für die Telefonbücher der Deutschen Telekom. Anzeige des Jahres wurde ein Inserat für Kraft Ketchup von Ogilvy & Mather, Frankfurt. Scholz & Volkmer errang mit der Gestaltung des Webauftrittes www.cyber pirates.com den Titel Website des Jahres.
EditorialHände weg von der Horrorwerbung!
Ab Mitte Jahr müssen in Kanada sämtliche Zigarettenpackungen mit Schockbildern versehen sein. 16 Sujets stehen zur Wahl: Aufnahmen von Mundkrebs, schwarzen Lungen oder Raucherbeinen,
(siehe Artikel Seite 10).
Für militante Antiraucher ist der Fall klar: Will man die Leute vor den Gefahren des Rauchens warnen, zeigt man ihnen am besten die Grossaufnahme eines Raucherbeines mit eitrigen Geschwüren – möglichst detailgetreu, farbig und Ekel erregend. Dann stehen ihnen die Haare zu Berge und sie rühren nie mehr eine Zigarette an…
Denkste. Die Schocktherapie mit Horrorbildern ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen führt sie zu einer defensiven Wahrnehmungssperre: In allen Nichtraucherkampagnen hat sich immer wieder gezeigt, dass Moral- und Angstappelle nicht sehr wirkungsvoll sind.
Dazu kommt die Ambivalenz im Umgang mit Suchtmitteln. Ihr Konsum bewegt sich immer im Spannungsfeld von Tabu und Tabubruch. Faszinierend ist alles, was unsere Zivilisation mit einem Bann belegt. Das provoziert – um ein Wort des Moralexperten Friedrich Nietzsche zu zitieren – den «Mut zum Verbotenen». Den Teufel auf die Zigarrettenverpackung zu malen, bewirkt gerade bei Jugendlichen – an die sich die Antitabakkampagne in erster Linie richtet – meist das Gegenteil: Gerade die Verteufelung macht den Unterschied, der zählt.
Zu befürchten ist, dass Kanada als Vorbild für ähnliche Gesetze rund um den Globus dienen wird. Bleibt die Hoffnung, dass sich das BAG, das zu Recht für seine wegweisende Stop-Aids-Kampagne weltweit gelobt wird, sich nicht vom Tabakteufel verführen lässt…
Samuel Helbling
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