«Pipilotti soll nicht mehr nach New York gehen müssen»

100 Jahre APG: Affichage-Chef Christian Kauter über Machbares in der Zukunft

100 Jahre APG: Affichage-Chef Christian Kauter über Machbares in der ZukunftIntegration der elektronischen Medien und Weiterentwicklung zum Contentprovider – das sind die wichtigsten Innovationen, mit denen die APG ins zweite Jahrhundert ihres Bestehens aufbricht. Doch auch im Ausland soll es laut Affichage-Chef Christian Kauter beschleunigt vorwärts gehen.Das wichtigste Glied der Affichage-Gruppe, die APG, geht ins 2. Jahrhundert. Was ist Ihre Vision für die Zukunft?
Christian Kauter: Wir wollen die Ersten sein, die ein Plakat auf dem Mond haben. Falls es so weit kommt. Bleiben wir aber vorerst auf dem Boden, denn auch hier tut sich Bahnbrechendes für uns. Das
21. Jahrhundert wird das der elektronischen Medien. Stichwort Big Screen. Mit dem Schritt dorthin begeben wir uns auf Neuland: Wir werden künftig auch Inhalte anbieten und die Werbung damit garnieren. Pipilotti muss nicht mehr nach New York gehen, um ihre Filme zu zeigen. Das soll künftig auch in Zürich, Bern oder Basel möglich sein.
Wann wird das ersehnte Stückchen Times Square oder Picadilly Circus bei uns Wirklichkeit?
Kauter: Wir arbeiten an den Details für einen Pilot im Zürcher Hauptbahnhof. Wenn alles rund läuft, werden wir noch in diesem Jahr einen 60 bis 80 Quadratmeter grossen Big Screen in Betrieb nehmen. Nach einer Testphase hoffen wir dann, das System im Markt anbieten zu können.
Zürich ist aber nicht New York und die Schweiz nicht Amerika. Bei uns ist alles enger, die räumlichen Möglichkeiten in Bahnhöfen und auf Plätzen sind begrenzt. Was wird anders bei uns?
Kauter: Wir haben in der Schweiz sechs Bahnhöfe mit Besucherfrequenzen, für die der Einsatz von Big Screens Sinn macht: Zürich, Bern, Basel, St. Gallen, Lausanne und Genf. Ausserhalb der Bahnhöfe wird es bereits eng. Beim Zürcher Paradeplatz zum Beispiel gibt es kaum Möglichkeiten für einen Big Screen. Das zwingt uns, innovativ zu sein und nach massgeschneiderten eigenen Lösungen zu suchen.
Wie könnten die aussehen?
Kauter: Ein einziger grosser Screen etwa in der Bahnhofhalle bringt keine hinreichende Kontaktqualität. Zur Ergänzung sind diverse kleinere Screens nötig, verteilt auf die Perrons und andere gut frequentierte Passagen im Bahnbereich. Das Ziel ist: Kein Bahnhofbenützer soll an unserem neuen elektronischen Werbe- und Informationssystem vorbeikommen. In einem weiteren Schritt überlegen wir uns sogar, öffentliche Busse in der Schweiz mit kleinen Screens auszustatten.
Die Zürcher Oberländer Verkehrsbetriebe fahren damit bereits seit längerem. Mit magerem Erfolg. Welche Verbesserungen planen Sie?
Kauter: Das System in den Oberländer Verkehrsbetrieben ist zu wenig aktuell. Das hat zum Teil mit der Technik zu tun: Die Geräte in den Bussen werden von Kassetten gespeist. Ein elektronisches Medium muss man heutzutage online betreiben. An diesem Schritt arbeiten wir.
Mit der Hinwendung zu den elektronischen Medien stellt sich die Affichage-Gruppe einer weiteren neuen Herausforderung: Neben Werbebotschaften sollen künftig auch Inhalte transportiert werden. Machen Sie diese selber oder suchen Sie dafür Partnerschaften?
Kauter: Da sind wir uns jetzt am Vortasten. Klar ist: Die Inhalte müssen spezifisch lokalen Charakter haben. Das heisst, wir brauchen Partner mit Kompetenz im regionalen und lokalen Raum.
Lokal-TV-Sender könnten etwa Partner der Affichage werden?
Kauter: Das schliesse ich nicht aus. In der jetzigen Phase müssen wir das Visier ganz weit offen haben, was mögliche Partnerschaften anbetrifft.
Das System Big Screen ist eine riesige Investition und wird auch im Betrieb sehr teuer sein.
Kauter: Wir sehen Investitionen in Big Screen im Umfang von rund zehn Millionen Franken vor, ein Betrag, der sich nicht so schnell wird abschreiben lassen. Das neue Produkt ist heute noch relativ teuer, was sich aber ändern wird, wenn wir in die Massenproduktion gehen.
Nicht nur mit den Big Screens wird die Affichage-Gruppe im öffentlichen Raum neue Akzente setzen. Auch sonst soll die Rolle als Stadtgestalter weiter gepflegt werden. Telefonkabinen, Tram- und Buswartehallen oder WC-Häuschen gibt es schon. Was kommt jetzt?
Kauter: Auch in Zukunft werden wir uns auf Stadtmobiliarien konzentrieren. Weitere sind denkbar, etwa Abfallkübel oder Bike-Trees, die wir schnell realisieren könnten. Eine andere Möglichkeit, die im Ausland bereits praktiziert wird: ganze Kioske erstellen.
Wollen Sie der Kiosk AG Konkurrenz machen?
Kauter: Selbstverständlich nicht. Wenn wir uns beim Kioskbau engagieren würden, dann in Zusammenarbeit mit der Kiosk AG. Unsere Aufgabe würde sich dabei auf das Aufstellen der Gebäulichkeiten und auf die werbetechnischen Aspekte beschränken.
Künftig soll das Unternehmen vor allem im Ausland wachsen. Der Einstieg bei Europlakat hat bis jetzt vor allem Geld gekostet. Und die Liaison mit dem anderen grossen Player, Decaux, ist von der Wettbewerbskommission blockiert. Wann wollen Sie im Ausland Geld verdienen?
Kauter: Die Zusammenarbeit mit Europlakat brauchte eine bestimmte Anlaufzeit. Doch jetzt geht es steil nach oben: Allein seit Anfang Jahr haben die Umsätze um 25 Prozent zugenommen, und für die kommenden Monate erwarte ich einen weiteren Wachstumsschub. Mit Europlakat sind wir im osteuropäischen Raum in verschiedenen Ländern die Nummer eins. Mit Decaux verfügen wir zudem über einen Aktionär, der als weltweit tätiges Unternehmen ein riesiges Know-how besitzt. Das ist wesentlich für unsere Auslandstrategie. Bis zum Entscheid der Wettbewerbskommission, der im Herbst erfolgen soll, sind wir aber blockiert.
Eine andere Wachstumsmöglichkeit könnte die Kombination von Plakat und Lokalradio sein. Ihre Konkurrentin Plakanda hat diesen Schritt mit dem Einstieg bei der Westschweizer Station Radio One bereits getan. Hegen Sie ähnliche Pläne?
Kauter: Bei uns in der kleinräumigen Schweiz sind die Verhältnisse ganz anders. Das wichtigste Hindernis: Die einzelnen Lokalradios haben nur kleine Empfangsgebiete. Wir müssten viel zu viele Stationen aufkaufen, damit das Ganze Sinn machen würde. Bereits heute können Mediaagenturen auf Wunsch Werbekombis mit Plakat und Radio schnüren.
Interview: Daniel Schifferle
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