Das schlechte Gewissen des Herrn Supino

Gut gemeint, aber zu kurz gedacht: «Konstruktiver Journalismus» ist eine trendige Totgeburt, mit der das immer boulvardeskere Tamedia-Flaggschiff publizistischen Ablasshandel betreibt. Dabei bräuchte der Tagi keine «good news», sondern «less news», speziell online.

Investigative Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bekommen regelmässig mehr oder minder seriöse «Angebote» von ins Fadenkreuz geratenen Firmen zu einem unverbindlichen «Dialog». Als Ziel eines solchen – häufig vermeintlich – im beidseitigen Interesse liegenden Austauschs wird jeweils «die gemeinsame Suche nach einer Lösung» des angeprangerten Problems genannt. Dabei gehören Gesprächsoffensiven für PR-Profis längst zum Repertoire bei der kommunikativen «Schadenskontrolle» eines angekratzten Unternehmensimages. NGOs, deren Kerngeschäft die Aufdeckung von Missständen und die Vertretung von Minderheiten ist und die solche Einladungen deshalb dankend ablehnen, werden von Wirtschaftsvertretern genauso regelmässig der Dialogunfähigkeit und Schwarz­malerei bezichtigt.

Konstruktivitätsdruck

Dialogskeptische NGOs stehen dieser Tage also unter ähnlichem «Konstruktivitätsdruck» wie die krisengeschüttelte vierte Macht im Staate. Deren Mantra lautet bekanntlich «only bad news are good news». Der dieser Haltung inhärente Negativismus, ja Zynismus sorgten immer schon für heisse Köpfe, inner- und ausserhalb der Redaktionen. Mit Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef beim staatlichen dänischen Rundfunk, haben die Verfechter eines «konstruktiven Journalismus», der auch Lösungsansätze von sozialen, ökologischen oder politischen Problemen aufzeigen soll, einen neuen Wortführer. Dieser hat seine steilen Thesen kürzlich einigen Schweizer Leitmedien präsentiert und dem Tages-Anzeiger zu Protokoll gegeben, dass es ihm «in erster Linie um den Nachrichtenjournalismus» geht. Aktuelle Quotenerfolge seiner Sender führt er auf «weniger boulevardeske Berichterstattung und mehr gesellschaftlich relevante Themen» zurück. So weit, so banal.

Substanzfreie Skandalisierung

Aufschlussreicher ist der Titel des Interviews: «Wir zeigen Extremes zu häufig.» Beklagt wird also nicht bloss die Verdrängung von unaufgeregter Normalität und Lösungsorientierung durch immer grellere Superlative und substanzfreie Skandalisierung. Haagerup konstatiert auch den viel wichtigeren Zusammenhang zwischen der Quantität und der Qualität unserer alltäglichen News-Versorgung. Wer immer schneller und (auch deshalb) immer mehr berichtet, wird in der Sache immer seichter und immer schriller im Ton. Bedingt und gesteuert wird diese negative Verstärkung durch eine Aufmerksamkeits- und Medienökonomie, die nirgends gnadenloser gilt als im Internet. Kurz: Bevor Donald Trump regiert, regiert das den Online-Journalismus prägende Donald-Trump-Prinzip. Auch hier ist die Kausalität evident.

Marktzwang zur Schnelldreherei

Bleibt die Frage, warum von allen Schweizer Ver­legern und Chefredaktoren ausgerechnet die Herren Supino und Strehle ihrem Flaggschiff verordnet ­haben, dieses krude Konstruktivkonzept in reale Geschichten zu übersetzen. Wohl weil das durchaus qualitätsbewusste Duo unter dem scheinbaren Marktzwang zur Schnelldreherei leidet und sich von seinen montäglichen «Anti-Depressiva in Artikelform» (NZZ) etwas moralische Entlastung erhofft.

Mit diesem publizistischen Ablasshandel will sich Tamedia von ein paar jener Sünden freikaufen, die notorisch unterdotierte Redaktionen in ihrer Jagd nach Clicks und Clients zwangsläufig begehen. Bei Ringier gehört das Über-die-Stränge-Hauen ­genauso zum Geschäftsmodell wie bei der NZZ die gerümpfte Nase über die Sensationspresse. Zwischen diesen Polen sucht Tamedia weiter nach seiner Identität und Haltung.

Slow Journalism

Ein konstruktiverer und nachhaltigerer Ansatz als die in einer Schamecke verschwindenden «Beiträge zur Bewältigung sozialer, ökonomischer, politischer oder ökologischer Probleme» wäre dafür «Slow Journalism». Dieser geht zu Recht von der Prämisse aus, dass weniger Stoff und Schnelligkeit im digi­talen Journalismus mehr Substanz und Relevanz bringt.

«Less is more» wäre doch ein idealer Nachfolger des längst überholten Konzernmottos «Content for people», oder Herr Supino?

Oliver Classen ist Mediensprecher der entwicklungspolitischen Organisation Déclaration de Berne. Zuvor arbeitete er als Medienjournalist.

Diese Kolumne erschien in der Werbewoche-Printausgabe 17/2015 vom 18. September 2015.

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