Rüsten auf dem Lande

Regionalpresse Der Tages-Anzeiger und drei Zürcher Landzeitungen bereiten sich einen heissen Presse-Herbst am Zürichsee.

Regionalpresse Der Tages-Anzeiger und drei Zürcher Landzeitungen bereiten sich einen heissen Presse-Herbst am Zürichsee. Die Verwaltungsräte der Zürichsee-Zeitung,
des Zürcher Unterländers sowie des Zürcher Oberländers hatten schon im
März bekannt gegeben, dass sie auf Beginn des kommenden Oktobers ihre
überregionalen Redaktionen zu einer gemeinsamen Mantelredaktion
zusammenlegen werden. Die Ankündigung wurde in der Branche reihum als
unmittelbare Antwort auf die Regionalstrategie des Tages-Anzeigers
gewertet, der im Herbst voraussichtlich vier neue Regionalredaktionen
im Zürcher Ober- und Unterland, am rechten Seeufer sowie in der Stadt
Zürich schaffen will. Weitere sind denkbar im Limmattal beziehungsweise
in Winterthur.

Die geplante Kooperation der drei Landzeitungen soll die Seiten
«Zürich», «Schweiz und Welt», «Wirtschaft», «Kultur», «Schlusspunkt»
sowie die überregionalen Sportseiten umfassen und ab Herbst von einer
rund zehnköpfigen Redaktion für alle drei Titel produziert werden.
Gegenwärtig sind die Verantwortlichen daran, das Team zu bilden. «Es
ist ein schwieriger Prozess», sagt Benjamin Geiger, Chefredaktor der
Zürichsee-Zeitung. Es gehe darum, zwischen gleichwertigen Partnern eine
gemeinsame Kultur zu finden.

Kooperation ist für die drei Partnerblätter – der Landbote in
Winterthur schied bekanntlich als vierter Partner aus, weil er mit dem
Tages-Anzeiger kooperiert – so neu nicht. Man druckt bereits im
gemeinsamen Druckzentrum in Oetwil und pflegt regelmässigen
Artikelaustausch. Die lose Zusammenarbeit hat eine gewisse Tradition,
die sich aus dem einstigen Nordost-Inseratekombi der ehemals am selben
Strick ziehenden vier Zürcher Landzeitungen allmählich entwickelt hat.
Doch erst unter dem wachsenden wirtschaftlichen Druck und durch die
strategischen Veränderungen im Grossraum Zürich der vergangenen zwei
Jahre einigte man sich auf die geplante Zusammenlegung der
überregionalen Ressorts.

Die Motivation ist dabei nicht bei allen dieselbe. Beim Zürcher
Oberländer steht die Offensive des Tages-Anzeigers im Vordergrund, dort
wird man die eingesparten Ressourcen praktisch eins zu eins in den
Ausbau des Regionalen stecken. Im Stammhaus der Zürichsee-Zeitung in
Stäfa gibt man sich diesbezüglich gelassener: Man kennt die
Konkurrenzsituation mit der Tagi-Regionalausgabe am linken Seeufer sehr
genau. «Wir sparen mit der Einführung einer gemeinsamen Redaktion unter
dem Strich vor allem Geld», sagt Geiger. Deshalb wird die ZSZ die
Einsparungen nicht voll in den Regionalteil umlagern. Die Sparübungen
scheinen nötig, denn auch am Zürichsee spürt man, dass der allgemein
konstatierte konjunkturelle Aufschwung in der Verlagslandschaft noch
nicht merklich auf das Inserateaufkommen durchschlägt. «Die Hoffnung,
mit vorübergehenden Kürzungen sei es getan, ist verflogen», sagt
Geiger.

Sich gegen Tamedia wappnen und sparen
Wie gross ist das Sparpotenzial? Beim Unterländer wird voraussichtlich
die dreiköpfige Dienstredaktion gekappt werden, der Oberländer wird
dafür seinen Regional- und Reporterpool ausbauen und bei der ZSZ werden
die betroffenen 7,5 Vollzeitstellen zum Teil in andere Ressorts
transferiert. «2,5 bis 3 Stellen werden wegfallen», sagt Geiger. Die
neue Mantelredaktion wird zehn Leute umfassen und am 3. Oktober die
Arbeit aufnehmen.

Auch die Strategen an der Werdstrasse sind daran, vier neue
Regionalredaktionen des Flaggschiffs Tages-Anzeiger zu besetzen. «Wir
sind voll in Fahrt», sagt  Chefredaktor Peter Hartmeier. Obwohl
der inserateseitige Aufschwung der ersten versuchsweisen
Tagi-Regionalausgabe am linken Seeufer auch nach eineinviertel Jahren
weitgehend ausbleibt, zeigt sich der Tagi-Chefredaktor mit der
Entwicklung sehr zufrieden. «Das linke Seeufer ist unser Markttest.
Würden wir keine Aufwärtsentwicklung messen, würden wir nicht so grosse
Investitionen machen», sagt er.

Für die Umsetzung der Regionalstrategie will Tamedia bekanntlich knapp
unter zehn Millionen Franken in die Hände nehmen. Das Unternehmen hatte
im März bekannt gegeben, 65 neue Stellen zu schaffen und gleichzeitig
das Layout des Tages-Anzeigers weitgehend zu überarbeiten.

Hartmeier bestätigt auch einige Fakten: So wird die Regionalredaktion
für das Zürcher Oberland in Uster unter Leitung des langjährigen
Tagi-Redaktors Heinz Girschweiler arbeiten. Die Redaktion sei dort
praktisch komplett, die anderen zu je einem Drittel. Am rechten Seeufer
– laut Hartmeier wäre der Standort Stäfa am vernünftigsten – wird
voraussichtlich Erwin Haas Redaktionsleiter. Im Unterland wird von
Bülach aus und in der Stadt von der Werdstrasse aus operiert.
Abwerbungsversuche bei der Konkurrenz blieben dem Vernehmen nach bisher
praktisch erfolglos.

Hartmeier setzt in den Einzugsgebieten der künftigen
Tagi-Regionalredaktionen auf kontinuierlichen Aufbau. «Wir müssen erst
Schritt für Schritt beweisen, dass wir auch können, was wir uns
vorgenommen haben.»

Ohne Input der NZZ
Die Tatsache, dass die drei Landzeitungen der NZZ nahe stehen, hat
offenbar keine Rolle für deren verstärkte Kooperation gespielt. Die NZZ
ist über die Freie Presse Holding an den Titeln namhaft beteiligt. «Die
NZZ finanziert uns den Mantel nicht», dementiert ZSZ-Chefredaktor
Benjamin Geiger Gerüchte. Die Strategen an der Falkenstrasse haben auch
keinen Input zum Kooperationsmodell gegeben. Hingegen dürfte
selbstverständlich sein, dass die künftige Mantelredaktion ihr
Korrespondentennetz aus den Pools NZZ-naher Titel, zum Beispiel vom St.
Galler Tagblatt oder von der Neuen Luzerner Zeitung alimentieren wird.

René Worni

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