«Hoffentlich bringt die Digitalisierung Gattungen wie das Gender-Marketing zum Aussterben»

Simone Fluri von Valencia Kommunikation ist die dritte Führungskraft, welche sich unseren Fragen zum Thema «Frauen in der Schweizer Werbebranche» stellt.

Werbewoche: Wieso gibt es nicht mehr Frauen in den Führungsetagen der Kommunikationsbranche?

Simone Fluri: Besonders in einer Werbeagentur muss das persönliche Engagement für so eine Position sehr hoch sein. Für Mitarbeitende, die ihren Fokus während ein paar Jahren neben dem Berufsleben auf die Familie legen, egal ob Frau oder Mann, kann es sehr anstrengend sein, in die Führungsebene aufzusteigen oder dort zu bestehen.

Wie viele Frauen arbeiten in Ihrer Agentur und wie viele Männer?

Bei Valencia Kommunikation ist der Anteil Männer und Frauen ungefähr ausgeglichen.

Herrscht in Ihrer Agentur Lohngleichheit?

Ja.

Angenommen, Ihre Agentur führt eine Frauenquote ein. Was halten Sie davon?

Ich finde es eine falsche Art, Frauen zu fördern. Richtiger ist es, neue Mitarbeiter unabhängig von ihrem Geschlecht auszuwählen, jede Person ist einzigartig. Vielfalt im Team mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und entsprechend vielen sozialen und fachlichen Kompetenzen ist für eine Werbeagentur sicher ein Gewinn!

Was müsste sich ändern, damit sich Familie und Karriere für Frauen besser unter einen Hut bringen liessen?

Vielleicht ist die einzige Möglichkeit diejenige, dass Männer auch Kinder bekommen können?! Nein, realistisch gesehen muss ein Umdenken stattfinden. Männer müssen für ihren Einsatz in der Familie genauso von der Gesellschaft anerkannt werden wie Frauen. Die Familienarbeit soll auf die Eltern verteilt werden. Die herkömmlichen Rollen vom starken Mann, der die Familie finanziell absichert, und der sanftmütigen Frau, die zu den Kindern schaut, ist definitiv passé. Aber viele moderne Frauen und Männer wollen sich offenbar nicht davon verabschieden. Ein treffendes Beispiel dafür ist eine der grössten Informations-Plattformen für junge Eltern, welche in der Schweiz swissmom.ch heisst. Wie sollen sich denn die Männer da angesprochen beziehungsweise verantwortlich fühlen? Männer und Frauen sollten die Verantwortung für die Kinder teilen. Oder wenigstens einen gemeinsamen Entscheid fällen, wer welche Rollen übernehmen will. Nachhaltige Arbeitgeber müssen ihren wertvollen Mitarbeiter, egal ob Mann oder Frau, ein Teilzeitpensum ermöglichen. Als Leader in meiner Agentur versuche ich vieles davon vorzuleben und hoffe, so einen Teil zum Umdenken beizutragen.

Wären Sie ein Mann – wären Sie heute an einer anderen Position?

Ich hoffe, in meiner Agentur hätte das keinen Unterschied gemacht.

Was können Männer – bezogen auf Ihr berufliches Umfeld – besser?

Von sich selbst überzeugt sein oder so tun.

Was können – bezogen auf Ihr berufliches Umfeld – Frauen besser?

Pragmatische Lösungen finden.

Wieso gibt es mehr Werber des Jahres als Werberinnen des Jahres?

Weil Männer eben öfter von sich selbst überzeugt sind. Da immer noch meistens die Frauen diejenigen sind, die versuchen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, müssen sie in vielen Dingen Kompromisse eingehen. Da liegt der Fokus wohl weniger darauf, sich selber in Szene zu setzen. Sie brauchen ihre ganze Power für die Arbeit in der Agentur, für ihre Kunden oder für ihre Kinder.

Welche Berufskollegin hat Sie in ihrer bisherigen Karriere am meisten beeindruckt?

Nadine Borter und Regula Bührer Fecker, welche beide die Anerkennung als Werberin des Jahres – sogar kurz nacheinander – erhalten haben.

Haben Sie – bezogen auf Ihre berufliche Laufbahn – schon einmal negative Erfahrungen gemacht, die Sie als Mann nicht gemacht hätten?

Ich glaube nicht, oder es war jedenfalls nicht so prägend, dass ich mich noch daran erinnern kann …

Was raten Sie jungen Frauen, die in diese Branche einsteigen und mittel- bis langfristig Ihre Position erreichen wollen?

Mach es nur, wenn du es mit Leidenschaft machst, aber dann richtig!

Empfehlen Sie jungen Frauen den Einstieg in Ihre Branche?

Grundsätzlich ja, genau wie ich ihn einem jungen Mann empfehlen würde. Allerdings ist die Branche dermassen im Wandel, dass ich es schwierig finde, vorauszusehen, was eine Werberin in fünf Jahren für ein Berufsbild haben wird.

Was halten Sie von der Gender-Diskussion in Ihrer Branche grundsätzlich?

Ich finde es besser, die Persönlichkeit eines Menschen in den Vordergrund zu stellen, anstatt das Geschlecht. Die altertümlichen Rollenklischees halten sich aber so hartnäckig, zu viele Menschen haben wohl einfach Angst, etwas zu ändern. Wer anders denkt ist immer ein Aussenseiter, aber ohne Umdenken wird keine Veränderung stattfinden. Hoffentlich bringt die Digitalisierung in der Werbung Gattungen wie das Gender-Marketing zum Aussterben. Denn mit den neuen Möglichkeiten kann zum Beispiel mit Data Driven Creativity ein User wesentlich vielschichtiger und zielgenauer angesteuert werden, als ihn in eine von zwei Schubladen zu stecken, Frau oder Mann.

Bisher erschienen:

Pam Hügli

Petra Dreyfus

Morgen: Andrea Bison, Thjnk Zürich

Dieser Artikel stammt aus der «Frauenausgabe» der Werbewoche (8/2018 vom 4. Mai 2018).

Redaktion: Ann-Kathrin Kübler, Thomas Häusermann