Netflix verzeichnet schwache Abozahlen - Aktie fällt

Das US-Filmportal Netflix hat erstmals seit acht Jahren US-Streaming-Kunden verloren und die Ziele für neue Abonnenten in Übersee verfehlt. Als Gründe nannte der Abo-Videodienst weniger ansprechende Shows im Quartal und Preiserhöhungen in einigen Märkten.

In den drei Monaten bis Ende Juni gewann Netflix weltweit unterm Strich lediglich 2,7 Millionen neue Bezahlabos hinzu, wie der Online-Videodienst am Mittwoch nach US-Börsenschluss im kalifornischen Los Gatos mitteilte. In den USA büsste Netflix sogar 130'000 Kunden ein. Die erfolgsverwöhnten Anleger sind sich das nicht gewöhnt - einen ähnlichen Flop gab es zuletzt 2011, als das Unternehmen seinen DVD-Versand abgespalten hatte.

Mit den Nutzerzahlen blieb Netflix weit unter den Erwartungen der Wall-Street-Experten und auch unter seiner eigenen Prognose von fünf Millionen neuen Nutzern. Insgesamt schaffte der Streaming-Riese zum Quartalsende dank Zugewinnen ausserhalb des US-Heimatmarkts immerhin noch einen Anstieg auf knapp 152 Millionen bezahlte Mitgliedschaften. Die Investoren reagierten jedoch nervös und liessen die Aktie im nachbörslichen US-Handel zeitweise um 13 Prozent fallen.

Preiserhöhungen bremsten

Ganz überraschend kam das schwache Wachstum nicht: Netflix lieferte im jüngsten Quartal relativ wenig Film- und Serienhits und erhöhte zudem in etlichen Ländern - auch in der Schweiz - die Preise. Die Erwartungen waren deshalb bereits gedämpft, mit einem so geringen Nutzerzuwachs hatte dennoch keiner gerechnet. Das Unternehmen räumte eine besonders schlechte Entwicklung in Regionen ein, in denen die Abogebühren im vergangenen Quartal angehoben worden waren.

Was die Finanzergebnisse angeht, liefen die Geschäfte zuletzt indes noch rund: Der Umsatz legte im Jahresvergleich um 26 Prozent auf 4,9 Milliarden Dollar zu - der Gewinn übertraf mit 270,7 Millionen Dollar die Vorhersagen der Wall Street. Trösten konnte die Börsianer dies nicht. Allerdings stieg die Aktie im Jahresverlauf auch schon um 35 Prozent, so dass sich Gewinnmitnahmen anbieten.

Gegenangriff der Entertainmentriesen

Der wirkliche Härtetest steht Netflix aber ohnehin erst noch bevor: Nachdem Entertainment-Giganten wie Walt Disney das rasante Wachstum des Senkrechtstarters jahrelang relativ passiv verfolgten und dabei immer mehr Kabelkunden ans Fernsehen im Internet verloren, beginnt jetzt der Gegenangriff. Nicht nur Disney, auch der zu AT&T gehörende Konkurrent WarnerMedia mit seinem Bezahlsender HBO und NBCUniversal haben Konkurrenz-Services in der Pipeline.

Der Angriff trifft Netflix gleich doppelt, denn die Schwergewichte der etablierten Unterhaltungsindustrie verfügen nicht nur über viel Finanzkraft, sondern auch über begehrte Inhalte. Und viele davon liefen bislang gegen Lizenzgebühren bei Netflix. Doch weil Disney und Co. nun eigene Online-Dienste starten, wandern Marvel-Produktionen und andere Hits zu ihnen. So verliert Netflix mit «Friends» und «The Office» seine beiden erfolgreichsten US-Shows an direkte Rivalen.

Schlecht aufgestellt ist das Unternehmen trotzdem nicht. Netflix hat ein enormes Produktionsbudget - alleine dieses Jahr dürfte rund 15 Milliarden Dollar in exklusive Inhalte fliessen - und verfügt über grosses Markenpotenzial, das längst nicht ausgeschöpft ist. Fanartikel, wie sie Disney etwa zu seinen Superheldenfilmen anbietet, hat Netflix für seine Erfolgsproduktionen bislang kaum am Start.

Und auch wenn HBO - vor allem dank der Abschlussstaffel von «Game Of Thrones» - Netflix mit insgesamt 137 Nominierungen bei der diesjährigen Emmy-Preisverleihung klar ausgestochen hat, dürfte dies nur eine Momentaufnahme sein. Im laufenden Quartal hat Netflix mit neuen Staffeln von «Stranger Things» und «Orange Is the New Black» zwei Superhits im Rennen, die viele neue Abokunden anlocken könnten.

Keine Pläne für Werbung

Angesichts der jüngsten Entwicklung verwundert es aber wenig, dass Netflix keine Pläne hat, die Einnahmen durch Werbung zu erhöhen. Dass das Kunden erst richtig abschrecken könnte, ist dem Unternehmen bewusst. «Wir glauben, dass wir langfristig ein wertvolleres Geschäft betreiben, indem wir uns aus dem Wettbewerb um Werbeeinnahmen heraushalten und stattdessen voll und ganz um die Zufriedenheit der Zuschauer konkurrieren», heisst es im Brief an die Aktionäre.

Fest steht: Im Streaming-Markt wird die Luft bald dünner. Denn nicht nur die Entertainment-Riesen aus Hollywood wollen die Jagd auf Netflix eröffnen. Auch Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley wie der iPhone-Gigant Apple wollen in dem boomenden Geschäft mitmischen. Hinzu kommen bereits vorhandene Kontrahenten wie Amazon und Hulu, die ebenfalls keine Anzeichen von Wettbewerbsmüdigkeit zeigen. (sda)