Schawinski hat laut Ombudsmann Blum die Menschenwürde von Talkgast Balthus verletzt

TV-Moderator Roger Schawinski hat in einer SRF-Talksendung mit der deutschen Prostituierten Salomé Balthus nach Auffassung des Ombudsmanns deren Menschenwürde verletzt. Schawinski hatte sie vor laufenden Kameras gefragt, ob sie als Kind sexuell missbraucht worden sei.

Roger Schawinski Balthus

In seinem Schlussbericht zur Sendung «Schawinski» vom 8. April unterstützt SRG-Deutschschweiz-Ombudsmann Roger Blum Beanstandungen von zehn Zuschauerinnen und Zuschauern. Diese hatten nach der Ausstrahlung des Interviews mit der 34-jährigen Edel-Prostituierten Klara Johanna Lakomy, bekannt als Salomé Balthus, ihren Unmut über die Gesprächsführung des 74-jährigen Moderators geäussert.

Blum bilanziert in seinem 16-seitigen Kommentar, der gemeinhin als angriffig geltende Schawinski habe diesmal bei seinem Fragestil zu wenig berücksichtigt, dass ein journalistisches Interview für die Öffentlichkeit bestimmt sei und dass die direkte persönliche Frage, ob jemand in der Kindheit sexuell missbraucht worden sei, nicht an die Öffentlichkeit gehöre, auch dann nicht, wenn die Person nicht missbraucht worden sei.
 

«Verächtlicher Tonfall»

Weiter habe Schawinski nicht bedacht, dass der prominent ins Spiel gebrachte Vater von Balthus und das Gespräch über das Verhältnis seiner Tochter zu ihm dazu führte, dass das Publikum sofort an den Vater gedacht habe, als die Frage nach dem sexuellen Missbrauch in der Kindheit gekommen sei. Damit sei möglicherweise auch die Menschenwürde des Vaters verletzt worden, wenn auch unabsichtlich.

Als «unangemessen» kritisierte der Ombudsmann einen «leicht verächtlichen Tonfall durch die ganze Sendung hindurch» gegenüber der Berliner Philosophin und Escort-Service-Betreiberin.

Man werde den Eindruck nicht los, dass der Moderator das Interview nicht aus einem Erkenntnisinteresse geführt habe, sondern den Lebensentwurf seines Gastes als «schlechten» von einem «guten» habe abgrenzen wollen, schrieb Blum. «Das hatte eine diskriminierende Tendenz. Das war auch gegenüber dem Publikum nicht fair.»

Schawinski verteidigt kritische Fragen

Schawinski sieht keine Verletzung der SRG-Konzession. Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) verteidigte in einer Eingabe gegenüber dem Ombudsmann die Sendung und die kritischen Fragen rund um Prostitution und Missbrauch.

Balthus mache ihre Erfahrungen als Prostituierte gezielt öffentlich und breche damit Grenzen auf, hiess es. Sie suche Aufmerksamkeit durch Provokationen in ihren Beiträgen als Autorin. Die Verantwortlichen räumten jedoch ein, dass man dem Publikum zu Beginn der Sendung mehr Hintergrund zu dem in der Schweiz kaum bekannten Talkgast hätte liefern sollen.

In einer im Internet veröffentlichten Stellungnahme zum Bericht des Ombudsmannes anerkannte SRF-Chefredaktor Tristan Brenn, dass die Art der Befragung von Schawinski Gefühle verletzt habe, sowohl von Balthus als auch von vielen Zuschauerinnen und Zuschauern. SRF entschuldige sich dafür.

Nach einem sexuellen Missbrauch durch den Vater habe Schawinski jedoch nicht gefragt und auch keine Anspielung darauf gemacht, hiess es in der Stellungnahme weiter. Das von Balthus in Umlauf gebrachte Zitat sei falsch gewesen und habe zu teils diffamierenden Reaktionen gegenüber Schawinski geführt.

Balthus sagte zu 20minuten.ch, sie sei überwältigt vom Engagement und von der Solidarität der Schweizer Öffentlichkeit. Nicht nur Frauen, auch Männer hätten sich für sie stark gemacht. Das bedeute ihr sehr viel. Die Angelegenheit fühle sich nicht mehr an wie die Verletzung ihrer Menschenwürde, sondern «eher wie ein Sieg».

Der Auftritt von Balthus bei «Schawinski» sorgte für einige Schlagzeilen. Einerseits wurde der Moderator in Medien harsch kritisiert, eine Prostituierte am TV blossgestellt zu haben. Andererseits verlor Balthus ihren Job als Kolumnistin bei der deutschen Zeitung Die Welt nach nur neun Monaten, nachdem sie sich in einer Kolumne über die umstrittene Sendung beschwert und Schawinski im Artikel falsch zitiert hatte.

Nicht die erste Rüge

Es ist dies nicht die erste Rüge der SRG-Ombudsstelle gegen den langjährigen Radio- und TV-Talker Schawinski. Beanstandet wurden in der Vergangenheit auch seine Interviews 2018 mit SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher als einseitig und 2014 mit Satiriker Andreas Thiel als gehässig und unsachgemäss. (SDA)