«Ohne Roger de Weck hätte die No-Billag-Initiative verhindert werden können»

Financier und Ex-Verleger Tito Tettamanti äussert sich im Interview mit der SonntagsZeitung zur No-Billag-Initiative, die SRG und den Medienwandel.

«Massiv abgelehnt» würde die No-Billag-Initiative, ist Tettamanti überzeugt. Die «Schreckstrategie» der Gegner – also «No Billag, No Schweiz!» – sei ein «Unsinn», habe sich aber ausbezahlt, sagt der in Lugano wohnende Financier, dessen Vermögen auf eine Milliarde Franken geschätzt wird. Denn sie habe eine wichtige Debatte über die Veränderungsbereitschaft der SRG verunmöglicht.

Tettamanti lobt die Initianten. Auch wenn die Initiative voller Fehler, naiv, utopisch sei und Minderheiten vergesse. «Es ist doch gut, dass junge Leute etwas unternommen haben», sagt er. Die «mutigen Jungen» hätten aber die SRG unterschätzt – diese sei das «Schweizer Establishment», gebunden an Bürokratie, Politiker, verbunden mit Gewerkschaften und Teilen der Wirtschaft. Es sei, so Tettamanti, wie wenn Degenkämpfer auf ein Panzerbataillon losgingen.

Ohne Roger de Weck keine No-Billag-Initiative

Die Schuld, dass es zur No-Billag-Initiative gekommen ist, gibt der Financier Ex-Generaldirektor Roger de Weck. Als «arrogant» und «ideologisiert» beschreibt er diesen. «De Weck tat so, als ob er die absolute Wahrheit vertreten würde». Das Unbehagen gegenüber der Initianten richte sich nicht gegen die Institution SRG, sondern gegen deren Führung und Aufgeblähtheit. Zum Glück, so Tettamanti, sei er nun abgelöst worden – «durch einen Mann, der sich nicht berufen fühlt, die Schweiz zu retten».

Mantelnutzung ist «keine Katastrophe»

In der Konzentration in der Schweizer Medienlandschaft sieht der 87-Jährige kein grosses Problem. Diese sei absolut keine Gefahr für die Demokratie, in der Schweiz sei man diesbezüglich «etwas hysterisch». Vor 20 Jahren sei diese Gefahr viel grösser gewesen, heute könnten sich alle Bürger über das Internet an der Debatte beteiligen.

Auch die redaktionelle Mantelnutzung, wie sie etwa Tamedia oder die NZZ anwenden, sei «keine Katastrophe»: «Der beste Artikel sollte publiziert werden.» Die Medienvielfalt müsse geschützt werden, dank der digitalen Mittel habe sich die Situation heute aber verbessert, ist Tettamanti überzeugt. «In der Demokratie ist entscheidend, dass sich jeder äussern kann, der etwas zu sagen hat».

1000 Franken für ein NZZ-Abo

Den Zeitungen kämen heute eine andere Aufgabe zu als früher. Sie seien wichtig für die intellektuelle Debatte, für die Weltanschauung. «Leute, die Kommentare lesen wollen, wird es immer geben», sagt der Financier. So gäbe es heute in der NZZ bereits mehr Seiten Kommentare als reine Berichterstattung – die Frage sei viel mehr, ob es in Zukunft noch genügend begabte Journalisten gebe.

In ein paar Jahren habe die NZZ vielleicht weniger Abonnenten, dafür solche, die bereit seien, 1000 Franken pro Jahr zu bezahlen sowie diejenigen, die einzelne Artikel kaufen. Mit Werbung könne man heute keine Zeitung mehr finanzieren.

Alle sprechen nur von Blocher

Im Mediengeschäft habe er nicht viel verdient. Im Gegensatz zu vielen anderen hätten er und Christoph Blocher aber auch kein Geld verloren. Das liege vielleicht daran, dass er und der SVP-Stratege nichts geerbt hätten. Konkret spricht Tettamanti das Investment vermögender Erben wie Gigi Oeri in die Tages-Woche, der Gebrüder Meili in die Republik oder der Brunner-Erben in «linke Zeitungen in Zug und andere Portale» an. Er begrüsse zwar diese Investments in die Medien – allerdings verstehe er nicht, wieso man immer nur von Christoph Blocher spreche.

«Tamedia und Ringier sind schon heute keine Verlage mehr»

Angesprochen auf die Zukunft der Verlage, legt sich Tettamanti nicht fest. Die besten würden überleben – wobei Tamedia und Ringier schon heute keine Verlage mehr seien und ihr Geld in der digitalen Welt mit Tätigkeiten wie Ticketverkauf oder Immobilienplattformen verdienten. «Bei der NZZ wird man sehen.» Auch in Zukunft werde es aber ein Bedürfnis nach lokalen Nachrichten geben, damit man erfahre, was sich in der eigenen Umgebung tue. «Zum Beispiel, wer gestorben ist.» (hae)