Fachchinesisch: Was bedeutet eigentlich «Echokammer»?

Als Fachperson in einer Fachpublikation eine Kolumne über Fachbegriffe zu schreiben, die ausschliesslich von Fachleuten gelesen wird, ist wohl eine der einfachsten Formen, eine Echokammer zu beschreiben. Es geht aber auch komplizierter: Echokammern, manchmal auch Filterblasen, Informationsblasen oder Lebenswelten genannt, sind psychologische wie akustische Phänomene.

Letztere kennen alle, die einmal versucht haben, eine Musiker-Karriere zu starten und ihre Kellerräume mit Eierkartons ausgestattet haben, ohne genau zu wissen, weshalb. Erfunden wurden diese Echoräume in den Abbey Road Studios in London, lange bevor die Beatles den Ort berühmt machten. Sie dienten einer Form des Sounddesigns, um Schallwellen zu brechen und den trockenen, reinen Tönen des Studios mehr Raum zu geben. In der Psychologie erzeugt eine Echokammer einen virtuellen Raum, in dem Menschen Informationen finden, die ihre bestehenden Ansichten verstärken.

Werbung als Echokammer

Mit dem Aufkommen von Social Media und der Digitalisierung sind Echokammern zu einem Phänomen geworden, die für das Marketing und die Kommunikation enorm wichtig sind, um zu verstehen, wie man kommunizieren muss. In der Werbung waren zwar Echokammern schon vor der Existenz der Social Media ein weitverbreitetes Phänomen. Dies aber mehr, weil Kampagnen dafür entwickelt wurden, die Konkurrenzagenturen mit noch lustigeren Ideen zu überbieten, als für die Menschen, die am Ende die beworbenen Produkte kaufen sollten. Man bewegte sich quasi in der Echokammer der Branche und belohnte sich gegenseitig mit Awards.

Mehr als ein Marketing-Phänomen

Heute schlagen Echokammern aber auch über die Branche hinaus grosse Wellen. Seit Trumps Wahl als amerikanischer Präsident, Brexit und anderen Abstimmungen weiss man nämlich, dass Meinungen im persönlichen Umfeld nicht unbedingt die „ganze“ Wahrheit widerspiegeln, einem aber tausendfach reflektiert als solche erscheinen. Mit Hilfe von Social-Media-Algorithmen entscheiden wir uns heute – bewusst oder unbewusst – dafür, in ebensolchen Echokammern, Filterblasen und Informationsblasen mit Menschen zu interagieren, die gleich denken und handeln wie wir. Und am Ende sind wir erstaunt, dass ausserhalb unserer Lebenswelten noch Wesen existieren, die komplett anderer Meinung sind als wir. Falls wir je mit diesen in Kontakt treten, verstehen wir sie jedoch nicht. Und das ist dann kein akustisches Problem.
*Benno Maggi ist Mitgründer und CEO von Partner & Partner. Er hatte im NZZ FOLIO die Rubrik «Vom Fach» ins Leben gerufen und während Jahren betreut. Er präsentiert und entschlüsselt Worte und Begriffe, die entweder zum Smalltalken, Wichtigtun, Aufregen, Scrabble spielen oder einfach zum Spass verwendet werden können.
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