Dauertiefpreise und Einkaufstourismus: Geiz wird auch in der Schweiz geil

Eine Studie des Branchenverbandes Swiss Retail Federation zeigt: Die Schweizer sind Rappenspalter. Sie bevorzugen Läden, die dauerhaft tiefe Preise anbieten und kaufen gerne im Ausland ein.

Schweiz Rappen

Die Studie «Zukunft von Retail», bei der das Beratungsunternehmen Oliver Wyman 2400 Schweizerinnen und Schweizer befragte, ist noch nicht veröffentlicht und liegt der NZZ am Sonntag vor. Das Fazit: Die Schweizer Kunden kaufen  je länger je mehr nach dem Preis ein und nehmen die verschiedenen Händler als sehr ähnlich wahr.

Dies führt dazu, dass ein Viertel der Befragten im Ausland einkauft, um Geld zu sparen. Besonders beliebte Produkte für Einkaufstourismus sind Pflegeprodukte, Kinderartikel oder Kleider. Oder mit anderen Worten: Produktgruppen, bei denen der Preisunterschied und folglich auch das Sparpotenzial besonders gross ist.

Ritual Auslandseinkauf

Auch wenn sich der Frankenkurs gegenüber dem Euro mittlerweile wieder erholt hat: Der damalige Kursschock scheint für viele Menschen der Startschuss für eine Art Ausland-Shopping-Ritual gewesen zu sein. Die verschiedenen Aufwände, die der Einkaufstourismus verursacht (zum Beispiel der höhere Zeitaufwand) spielt dabei eine untergeordnete Rolle, solange Einsparungen an der Kasse winken. Nebst dem wichtigsten Treiber, dem Preis, locken auch Produkte ins Ausland, die in der Schweiz nicht erhältlich sind.

Loaylität schwindet, Experimentierfreudigkeit steigt

Die Studienautoren warnen die hiesige Branche: Der Handel müsse sich intensiver auf die Preisfrage einstellen. Habe man früher die Deutschen als «Pfennigfuchser» bezeichnet, treffe die Bezeichnung heute auch auf viele Schweizer zu.

Hinzu kommt, dass die Loyalität gegenüber bestimmten Händlern schwindet. Der Einfluss von Kundenkarten und Rabattprogrammen schwindet – eingekauft wird dort, wo's am billigsten ist. Die Zeiten, in denen viele Menschen fast schon aus Prinzip und Stolz bei Migros oder Coop einkauften, sind vorbei. Die Konsumenten sind flexibel geworden, experimentieren mit verschiedenen Anbietern. Dass die Kundenloyalität schwindet, hat kürzlich bereits der «Detailhandelsmonitor 2019» von Nielsen und Fuhrer & Hotz festgestellt (Werbewoche.ch berichtete).

Vorteile des stationären Handels überwiegen (noch)

Bei einer anderen Frage zeigen sich die Schweizerinnen und Schweizer hingegen eher konservativ: Im Vergleich zu anderen Ländern kauft mit zwei Dritteln immer noch ein Grossteil der Kunden hauptsächlich im Laden ein. Knapp 60 Prozent geben an, sie würden häufiger online einkaufen, wenn die Preise dort günstiger wären. Solange dies nicht der Fall ist, ist es vielen Menschen zu mühsam und zu anstrengend. Zusätzlich würden viele Menschen gerne anfassen und anprobieren, oder sich persönlich beraten lassen, sagt Studienautor Nordal Cavadini zur NZZ am Sonntag. Und: Einem Viertel der Kundschaft dauert es schlichtweg zu lange, bis die Pakete geliefert werden.

Entsprechend viel Potenzial liege noch im E-Commerce, sagt Cavadini. Der Wettbewerb für den Handel wird sich weiter verschärfen. Auf besonders viel Goodwill und Heimattreue seitens der Kunden darf der hiesige Handel jedoch nicht hoffen. «Die Kunden interessiert es leider wenig, dass die Kosten für den Schweizer Detailhandel um 50 Prozent höher sind als in den Nachbarländern», gibt Dagmar Jenni, Geschäftsführerin von Oliver Wyman, zu Bedenken.

Zukunft von Retail Grafiken Schweiz am Sonntag

Grafiken: NZZ am Sonntag, Ausgabe 12. Mai 2019, Datenquelle: Oliver Wyman, Swiss Retail Federation, «Zukunft von Retail».