Der Motz von Butz: Der Scheiss am Papierverschleiss

Vor 50 Jahren verbrauchte eine Person 100 kg Papier pro Jahr. Heute liegt diese Zahl über dem Doppelten. Und das in einer totalen digitalen Welt.

Um was es hier geht: Wir verbrauchen zu viel Papier. Dadurch holzen wir die Wälder ab. Greenpeace spricht im Jahr 2003 von 5,5 Bäumen pro Person. Welche Umweltschäden bei der Papierherstellung entstehen, ist auch bei Greenpeace unter «Chlor» nachzulesen. Seit 2008 verbrauchen wir in der Schweiz weniger grafische Papiere, aber das sind immer noch mehr als 500 000 Tonnen. Mehr Papier für Drucksachen als im 2008 verbrauchen wir heute jedoch mit importiertem gedrucktem Papier, also im Ausland produzierten Drucksachen. Das ergibt mehr als die Hälfte der gesamten Anzahl Drucksachen (258 322 Tonnen). Als Vorstellung: 6458 Lastwagen à 40 Tonnen.

Bis hier argumentieren die meisten Befragten: «Ja, das ist ein Problem. Wir sollten weniger Papier verschleudern und vor allem weniger im Ausland produzieren lassen.»

Und jetzt beginnt mein echter Motz: Wir verdrucken 80 Prozent unserer Flyer, Prospekte, Kataloge, Direct Mails usw. nicht nur zu 50 Prozent im Ausland, sondern zudem zu 100 Prozent widersinnig. Meine Theorie: Ich glaube nicht, dass 10 Prozent der Adressaten solchen Drucksachen ihre Aufmerksamkeit schenken. Sandro Galli von der Firma Propaganda Zürich sagte selbst, dass mindestens 90 Prozent der Empfänger von Werbung diese ungelesen in den Müll werfen. In Zürich sollen an jedem zweiten Briefkasten «Stopp Werbung»-Kleber davor abraten, ein solch schwachsinnig bedrucktes Papier einzustecken.

In einem früheren Motz habe ich schon über diesen Sammelhefter «In» gesprochen und dessen grossen Vorteile erwähnt, den ganzen Papierhaufen schon vorgebündelt wegschmeissen zu können. Einige ganz Schlaue schleichen sich mittels Beihefter via Zeitschrift über den Briefkasten auf meinen Tisch. So gesehen in der Weltwoche Nr. 9, ab Seite 35. Das Ding heisst «Fokus Wohnen», und es ist sofort ersichtlich, dass es sich dabei um Einschleichwerbung handelt. Ganz so übel, wie die mir vorliegende 28-seitige Aldi-Woche, ist sie aber nicht.

Es bereitet mir immer wieder Mühe zu glauben, dass diese Art Werbung den gewünschten Effekt hat. Wenn ich das richtig verstanden habe, erscheint jede Woche ein solcher 28-seitiger Aldi-Schleuderprospekt, der in einer geschätzten Auflage von 1 Million in drei Sprachen produziert wird. Rechnen wir für ein Exemplar 50 Rappen Druck, Distribution etc., dann ergibt dies für ein halbes Jahr 12,5 Millionen Franken. Dabei werden für die 28-seitige Aldi-Woche mal 1 Million Auflage mal 25 Wochen mal 40 g = 1000 Tonnen hässlich bedrucktes und unbeachtetes Papier verschleudert. Ich bin der Meinung, dass man mit so viel Geld Werbung generieren könnte, welche vom Publikum beachtet und sogar mich mit Sympathie und Geschmack in eine Aldi-Filiale locken könnte.

Schauen Sie sich mal einen solchen Wochenangebots- Prospekt an: Typografie: Note null. Texte: null. Logistik: null. Emotionalität: null und Fotografie: unternull. Das einzig Akzeptable ist, dass geschrieben steht «Gedruckt in der Schweiz». Mein Aufsteller der Woche: die von den grossen Uhrenherstellern kreativ bemalten und dekorierten Trämli während der BaselWorld.

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Dieser 21,2 kg schwere und 51 cm hohe Altpapierstapel hat sich bei uns in nur 14 Tagen angesammelt. Zum grossen Teil unbeachtet, vor allem die Werbeprospekte.

Teofil Butz, Grafiker, Werbeagentur-Inhaber, Inspirator und seit mehr als vier Jahren auch noch Motzer für die Werbewoche-Leser. Sachdienliche Hinweise bitte an theophil@undbutz.ch.
 

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