In eigener Sache: Was bleibt

Andreas Panzeri über seinen Abschied von der Werbewoche.

Der Schweizer Filmer Fredi M. Murer hat einmal gesagt: «Wer nicht filmt, der wird gefilmt.» Im Bereich des bewegten Bildes dürfte diese Einschätzung stimmen. Wie verhält es sich aber beim geschriebenen Wort? «Wer nicht schreibt, über den wird geschrieben?» Zumindest in der Werbung stimmt die Aussage kaum. In meinen 15 Jahren auf der Redaktion der Werbewoche haben wir uns ständig bemüht, über Kommunikationsfachleute zu berichten, die auch selber etwas möglichst Interessantes zu schreiben, zu texten oder zu gestalten hatten. Mehr als 20'000 Seiten sind so im Verlauf meiner Zeit gemeinsam mit dem Team der Werbewoche entstanden. Was ist davon geblieben?

Heute bin ich am Aufräumen. Unter meinem Pult stapeln sich nach Datum sortiert die Ausgaben der letzten zwei Jahre. Zuhause lagern etwas weniger sortiert noch einmal rund 200 Werbewochen der letzten 10 Jahre. Wer wird das jemals noch einmal lesen? Mein Entschluss ist deshalb hart, aber fair: Ich werde alle Stapel ins Altpapier geben. Dann werden die Hefte recycelt und können anschliessend einem hoffnungsvollen Jungtexter noch einmal als das berühmte «weisse Blatt» dienen. Vielleicht kommt er dann mit seinem Text wieder in die Werbewoche oder sogar in das Jahrbuch des ADC. Damit hat der Texter zwar selber noch kein Buch geschrieben. Aber er ist seinem heimlichen Traum wenigstens um eine Seite näher gekommen.

Allerdings hat auch der ADC die Zeichen der Zeit erkannt und lässt sein Buch jetzt nur noch im Netz aufleuchten. Bücher können – siehe oben – weggeworfen werden. Das Internet ist für die Ewigkeit. Schlaue Zungen sagen allerdings, der ADC hätte sich nur für die Ewigkeit entschieden, weil die Druckkosten in den letzten Jahren zu teuer wurden. Damit soll aber nicht gesagt sein, dass früher alles besser war. Die Werbung schon gar nicht. Es gab ja noch kein Targeting und Storytelling verortete man im Reich der Märchenerzähler. Trotzdem hat mich die Welt der Mad Men gelockt.

Als ich in meinen Anfängen als Texter-Praktikant bei der GGK in Basel am ersten Tag mangels anderer freier Plätze kurzerhand in das Büro von Martin Suter gesteckt wurde, reagierte dieser allerdings zuerst einmal ein bisschen gestört. Statt weiter in der Ruhe seiner Einzelzelle von einer Zukunft als Schriftsteller träumen zu können, musste er mir nun nämlich die Werbung erklären. Suter hat es geschafft. Ich habe mich von dieser Branche nachhaltig einnehmen lassen und seither einen grossen Teil meines Lebens zwischen Sein und Design verbracht. Gelegentlich auch weit weg an exotischen Plätzen, denn Werber wissen, wo man am besten kommuniziert.

Beim Recherchieren für über 150 Porträts «Kopf der Woche» habe ich unzählige spannende Lebensentwürfe kennen gelernt. Ich durfte wertvolle Haltungen und viele sinnvolle, aber jeweils ganz andere Motivationen für ein Engagement in der Kommunikationsbranche erfahren und anschliessend einer grösseren Leserschaft weiterempfehlen. Für meine Besprechungen von neuen Kampagnen habe ich bei den Meetings mit den Machern und Macherinnen viele sehr kreative Agenturen besuchen dürfen.

Das hat mir Einblick nicht nur in die verschiedensten Bürowelten gebracht. Ich durfte auch ganz unterschiedliche Arbeitskulturen kennen lernen und davon etwas mitnehmen.

In diesem Sinne möchte ich mich bei meinem Abschied von der Werbewoche bei all meinen Interviewpartnern der vergangenen 15 Jahre bedanken. Ihr Input bleibt in meinem Kopf, auch wenn die Hefte jetzt ins Recycling gehen. Und ich weiss schon: Ich werde aus all diesem Gelernten noch einmal etwas Neues kreieren.

Darauf freue ich mich, auch wenn die schlummernden Ideen noch nicht druckreif sind. So oder so will ich mir aber sicherheitshalber ein Paket mit 500 weissen Bogen aus dem wiederverwerteten Altpapier kaufen. Rohstoff dafür habe ich schliesslich genug geliefert. Ansonsten wird es nicht dumm sein, mich auch noch an den Rat von Fredi M. Murer zu halten. Mein Handy ist schliesslich videotauglich.

Andreas Panzeri

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Wusste nicht, was ein Selfie ist, wird aber immer noch gelesen: Johann Wolfgang von Goethe, im Bild mit Ex-Werbewoche-Redaktor Andreas Panzeri.
 

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