Kultige Temporärprogramme

Radio privata

PrivatradioImmer mehr Werbetreibende nutzen befristete Radio-programme, um ihr Nischenpublikum abseits vom Mainstream zu erreichen.
Die Schweizer Radiolandschaft ist für nichtstaatliche Veranstalter praktisch zementiert durch den engen Frequenzraster, welchen das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) für Privatradios festgelegt hat. Dazwischen aber gibt es vereinzelt Raum für regional oder lokal
begrenzte Programme. Das Bakom nutzt bereits seit geraumer Zeit diesen Spielraum, um kulturell beziehungsweise ideell motivierten Körperschaften zeitlich befristete Sendekonzessionen zu erteilen.
Eine solche Konzession hat zum Beispiel rundfunk.fm erhalten. Wenn deren Macher am 19. August für einen Monat auf Sendung gehen, gibt es gleich zwei Jubiläen zu feiern. Das Programm selbst ist das fünfte Jahr aktiv, und einer seiner Hauptsponsoren, der Westschweizer Mineralwasseranbieter Henniez, feiert gleichzeitig das hundertjährige Bestehen. Die Radiomacher gratulieren den Romands zum runden Geburtstag, und Henniez seinerseits gratuliert rundfunk.fm mit eigens gedruckten Etiketten auf 20000 Flaschen, die im Verbreitungsgebiet des Radios verteilt werden.
Temporärradios etabliert
Diese enge Zusammenarbeit ist kein Zufall: Beide Promotionspartner arbeiten schon seit Jahren intensiv
zusammen. Ohne Henniez’ Sponsoring-Engagement gäbe es rundfunk.fm nicht. Das wiederum fänden einige meist junge Leute im Raum Zürich schade, die zur rund 80000 Leute starken Hörerschaft zählen, die ein Programm jenseits des musikalischen Einheitsbreis der bekannten Privatradios bevorzugen. Den Soundteppich knüpfen ausgesuchte DJs und Compiling-Künstler aus der Schweiz und dem Ausland. rundfunk.fm versteht sich als soulig-jazziger Gegenentwurf zur technolastigen Street Parade und deren ebenfalls befristet konzessioniertem Sender. Dort sponsert Sony-Ericsson mit einer Kampagne für ein neues Handymodell – für die Mediaagentur von
Sony-Ericcson, Mediaedge CIA notabene ein wichtiger Zusatznutzen.
In Zürich ist auch ein weiteres neues Temporärradio mit Namen RadioAffair entstanden, das erst vor wenigen Tagen den Betrieb für ein knappes Jahr unterbrochen hat, um – wer weiss – im nächsten Jahr wieder auf Sendung zu gehen.
Als Veranstalter dieser Teilzeit-Programme treten neben der SRG entweder bestehende Privatradios oder aber Festivalorganisatoren auf. Sie nutzen die freien Frequenzen, um ihre Events zusätzlich über den Äther zu verbreiten, so etwa die Festtage für elektronische Kunst in Lugano oder der Christopher Street Day in Zürich.
Es gibt zwei Gründe, warum sich einige namhafte Werbeauftraggeber bei den Exoten in der Privatradioszene engagieren und substanzielle Mittel bereitstellen: Zum einen bieten die Temporären attraktive Formen der Zusammenarbeit, was die grossen Privatradios nicht können. rundfunk.fm etwa offeriert Promotionskunden wie zum Beispiel Redbull ganze Packages. Diese beinhalten nebst Sponsoringtrailern auch eine Integration in die Visuals und weitere Aktivitäten des Senders.
Da rundfunk.fm nicht nur Radiosender, sondern auch ein Openair-DJ-Festival und ein Internetevent ist, kann es Werbekunden Möglichkeiten bieten, von denen andere Radios kaum zu träumen wagen: Bannerwerbung auf der Website, Werbung auf den Flyern und im Hof des Veranstaltungsortes für Produkte-Sampling oder weitere Werbeaktionen.
Medium mit hohem Impact
Werbetreibende wie Henniez suchen diese Konsumentennähe: «Als einzige unabhängige, national tätige Schweizer Mineralquelle stehen wir im Wettbewerb mit grossen internationalen Marken. Wir suchen durch gezielte Nutzung von lokalen Events die Nähe zu Opinionleadern», erklärt Henniez-Marketingdirektor Jean-Paul Schwindt. Mit den erwähnten Rundfunkaktionen will Schwindt bestehende Codes der Marke brechen und die Markenstatur verjüngen.
Davon, dass sich das Engagement lohnt, ist Schwindt überzeugt. Zu den Kontakten durch die Radiospots kommen jene hinzu, welche auf Grund der Medienpartnerschaft von rundfunk.fm und dem Pendlerblatt 20 Minuten entstehen. Henniez tritt dort als Sponsor der täglichen Berichterstattung über die Veranstaltungen von rundfunk.fm auf.
Als weiteren Mosaikstein im Kommunikationsmix strahlen rund 100 Szeneläden und In-Bars in Zürich während des Sendebetriebs das Programm von rundfunk.fm aus. Dies verlängert die Nutzungsdauer des Mediums und sorgt gleichzeitig für eine Erhöhung des Bekanntheitsgrads. Bereits haben nationale Werbezeitenvermittler wie Radiotele
Interesse für rundfunk.fm gezeigt. Doch vor einer völligen Öffnung schrecken die Initianten noch zurück. Eine umfassende Kommerzialisierung des Programms wäre zwar laut Konzession möglich, würde aber den Charakter des Programms zerstören.
Das gute, alte Radio verjüngt sich mit trendigen Programmen auf Zeit.
Raymond Lüdi

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