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Zeitungen Auch in den USA fordert die Konsolidierung Opfer: diejournalistische Qualität und Traditionsverlage.

Zeitungen Auch in den USA fordert die Konsolidierung Opfer: diejournalistische Qualität und Traditionsverlage.
Die Verlegerfamilie Pulitzer hat schon so manchen Sturm überstanden. Besonders eine Episode aus dem Jahr 1986 hat sich eingeprägt: Damals wehrte der Enkel des legendären Gründers, welcher ebenso auf den Namen Joseph Pulitzer hörte, einen Übernahmeversuch entschieden ab: «Ich werde meine Herkunft nie gegen einen Topf Gold eintauschen», so der Erbe damals.Doch genau das scheinen die Besitzer des Zeitungsunternehmens jetzt vorzuhaben, allen voran die Witwe des Enkels, Emily Rauh Pulitzer. Man wolle «strategische Alternativen» erkunden, hiess es jüngst aus der Führungsetage, sprich: Man ist zum Verkauf bereit. «Wie andere Verlegerfamilien vor ihnen haben die Pulitzers eingesehen, dass Zeitungen derzeit einen Wert haben, den sie wohl nie wieder haben werden», vermutet John Morton von der Consulting-Firma Morton Research. Fakt ist, dass das Unternehmen in den letzten Jahren ordentliche Gewinne abgeworfen hat und von Analysten heute auf etwa 1,5 Milliarden Dollar geschätzt wird.
Riesenrendite dank MonopolErnsthaftester Interessent ist dem Vernehmen nach das Zeitungskonglomerat Gannett, welches neben 101 lokalen und regionalen Tageszeitungen mit USA Today auch die grösste US-Zeitung (Auflage 2,3 Millionen) herausgibt. Pulitzer mit seinem Flaggschiff The St. Louis Post-Dispatch in Missouri und 94 kleineren Zeitungen passt gut in dessen Sortiment. Allerdings würde das bedeuten, dass ein weiterer unabhängiger Verleger in Konzernhände fallen würde. «Von den 1500 Tageszeitungen in den USA sind gerade noch 275 unter Kontrolle einer Familie, Tendenz rapide fallend», weiss Thomas Kunkel, Journalismusprofessor an der Universität Maryland und Herausgeber des American Journalism Review. Und Grossverlage haben bekanntlich vor allem eines im Auge: Profit.
Amerikanische Zeitungskonzerne haben in den vergangenen Jahrzehnten beispiellose Gewinne eingefahren. Für Branchenprimus Gannett etwa ist eine 25-prozentige Umsatzrendite nichts Ungewöhnliches. Der landesweite Durchschnitt liegt trotz anhaltender Anzeigenkrise und wachsender Internet-Konkurrenz noch immer bei 20 Prozent – doppelt so viel wie bei der durchschnittlichen Fortune-500-Firma. Möglich wurde dies durch Synergieeffekte, die Zeitungsfusionen mit sich bringen, aber auch der Tatsache, dass lokale Mitbewerber systematisch aufgekauft wurden und weiter werden. «Wer keine Konkurrenten hat», so Jim Naurekas von der New Yorker Organisation Fairness and Accuracy in Reporting, «der kann Anzeigenpreise fast beliebig erhöhen.»
Als Konsequenz daraus folgt für Medienkritiker wie Naurekas notwendig die Sorge um die journalistische Qualität. «Für jene Leute, die in den USA Nachrichtenorganisationen führen, ist die Rendite längst wichtiger als die Frage, wie unsere Berichterstattung aussieht.» Seiner Meinung nach sorgen die Investoren der an der Börse kotierten Medienunternehmen gezielt dafür, dass der publizistische Aufklärungsauftrag durch «cost cutting» und Kürzungen beispielsweise in der Auslandsberichterstattung der Wall-Street-Logik zum Opfer fällt. «Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verlag sich auch um seine gesellschaftlich-demokratischen Pflichten kümmert, ist bei Familienbetrieben ungleich höher», urteilt Kunkel.
Familiäre Leidenschaft?Die grossen, nach wie vor von den Gründerfamilien kontrollierten US-Verlage wie New York Times, Washington Post, Dow Jones/Wall Street Journal oder die Seattle Times Company sind zugleich auch die publizistisch glaubwürdigsten und einflussreichsten des Landes. Obwohl auch sie unter dem zunehmenden Profitdruck ihre Unternehmen meist an die Börse brachten, schützen sie sich durch eine zweigleisige Eigentümerstruktur. Ein Teil der Aktien – so genannte A-Shares – wird nach diesem Modell an die Öffentlichkeit ausgegeben, was einen gewissen Zufluss an Investitionsgeldern gewährleistet. Der Mehrheitsanteil eines zweiten Aktientyps, genannt B-Shares, liegt jedoch in den Händen der Familie, die sich so die entscheidenden Stimmrechte sichert. So auch bislang die Pulitzers.
Wer sich als Familienerbe ins Zeitungsgeschäft begeben will, sollte sich dies gut überlegen, rät Arthur Sulzberger Jr., Verleger der New York Times. Denn der damit verbundene Aufwand an Zeit und Emotionen sei «schlicht grausam». «Man muss schon eine ausgeprägte publizistische Leidenschaft mitbringen», meint auch Kunkel. «Für jüngere Generationen ist es auch in dieser Branche irgendwann nur noch der Betrieb des Grossvaters. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine ganze Familie noch bereit ist, sich dieser Herausforderung zu stellen, wird mit den Jahren immer geringer.»
Vater des Journalismus-NobelpreisesJoseph Pulitzer Senior emigrierte 1864 aus Ungarn in die USA und gründete 1876 in St. Louis/Missouri, wo ein Teil der deutschsprachigen Community zu Hause war, sein Zeitungshaus, das zunächst die «Westliche Post» publizierte. Noch im selben Jahr kam The St. Louis Post-Dispatch hinzu und 1883 die New York World. Letztere wurde Ende des 19. Jahrhunderts eines der ersten amerikanischen Yellow-Press-Organe und lieferte sich mit der Konkurrenz vom Hearst-Verlag
legendäre Schlagzeilenschlachten.
Die skandalumwitterte Urmutter aller Boulevardblätter profilierte sich allerdings noch zu Lebzeiten Pulitzers, der 1911 starb, mit investigativem Journalismus. In seinem Testament hinterliess der Zeitungspionier zwei Millionen Dollar für die Gründung der heute weltberühmten New Yorker Columbia Journalism School und richtete – quasi als Wiedergutmachung für seine publizistischen «Jugendsünden» – den Pulitzer-Preis aus, der lange schon den Rang eines Nobelpreises für Journalisten hat. Heute befindet sich das Unternehmen (Umsatz 2003: 423 Mio. Dollar; Gewinn 2003: 87 Mio. Dollar!) in den Händen der Pulitzer-Erben und umfasst 12 Tageszeitungen sowie 82 Wochen- und Nischenpublikationen. (oc)
Webseiten: http://www.pulitzerinc.com/
http://www.pulitzer.org
Ausverkauf: Immer mehr Familien realisieren, dass der Wert ihrer Zeitungen derzeit auf dem Peak ist und ziehen die Konsequenzen.
Gerti Schön

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