Unheimlich ähnlich: Warum bei Robotern das Äussere zählt

Die Akzeptanz für Roboter fällt ab, wenn sie dem Menschen zu sehr ähneln. Aber gegen Helfer, die Kunden am Eingang freundlich begrüssen und schwere Einkaufstaschen zum Auto schleppen, ist nichts einzuwenden.

Die Roboter kommen. Besser: Sie sind schon mitten unter uns. Denn während die Ankunft der Roboter letzte Woche am WEF in Davos prominent diskutiert wurde, haben sich die automatisierten Gehilfen längst durch die Hintertür in unseren Alltag eingeschlichen. Sie reinigen unsere Wohnungen, mähen Rasen oder helfen bei der Pflege alter Menschen. Unspektakulär und fast unbemerkt sind sie aus den Laboren der Robotikforscher in unser Leben getreten, um uns gefährliche, anstrengende oder monotone Arbeiten abzunehmen. Und wurden uns dabei immer ähnlicher. Denn nicht nur das Innenleben der Roboter hat sich stetig weiterentwickelt, auch ihr Erscheinungsbild hat sich gewandelt. Zwar nehmen wir manche Roboter nach wie vor als Maschinen wahr. Andere wiederum sind so winzig, dass der Betrachter sie mit blossem Auge nicht mal zu erkennen vermag. Doch einige sehen dem Menschen mittlerweile unheimlich ähnlich. Es sind diese, die uns besonders faszinieren. So beispielsweise die «Hubots» (eine Wortkombination von «human» und «robot»), die in der populären schwedischen TV-Serie «Real Humans – Echte Menschen» zum Alltag der Bewohner in einem schwedischen Städtchen der nahen Zukunft gehören. Sie erledigen den Haushalt, fahren Auto, kochen und lesen den Kindern Gute-Nacht-Geschichten vor. Sie sind ausserordentlich dienstwillig, serviceorientiert und meist gut gelaunt. Trotzdem bleibt die Frage: Müssen wir sie fürchten? Denn je humanoider ein Roboter wird, desto unheimlicher erscheint er uns. «Uncanny Valley» heisst dieses Phänomen in der Robotik, das unheimliche Tal. Und es ist messbar: Die Akzeptanz für Roboter fällt schlagartig ab, sobald sie dem Menschen zu sehr ähneln. Das kann Innovation bremsen. Aus der Forschung ist längst bekannt, dass neue Technologien sich nur durchsetzen, wenn sie von den Menschen auch akzeptiert sind. Immerhin, aus dem unheimlichen Tal führen zwei Wege wieder heraus. Der einfachere besteht darin, den Figuren ihre Menschenähnlichkeit zu nehmen. Wer beispielsweise so «knuddelig» daherkommt wie der populäre «Paro», erzeugt keine Skepsis. Mit ihren grossen schwarzen Knopfaugen und dem flauschigen weissen Fell erobert die intelligente Babyrobbe die Herzen aller Tierfreunde. Nicht nur Demenzkranke reagieren positiv auf den für sie konzipierten Therapieroboter. Auch junge Menschen verfallen dem Charme der interaktiven Robbe, möchten sofort mit ihr spielen, sprechen und kuscheln.

Warum gruseln uns Maschinenmenschen?

Schwieriger gestaltet sich der zweite Weg aus dem unheimlichen Tal. Er besteht darin, diejenigen Schlüsselreize zu identifizieren, die unser ungutes Gefühl gegenüber der Maschine überhaupt erst auslösen. Das ist in der Praxis meist komplexer als gedacht. Denn ein bestimmter Maschinenmensch wirkt nicht auf alle «echten» Menschen gleich gruselig. So sind Kinder tendenziell offener und positiver gegenüber Robotern eingestellt als Erwachsene. Und wer in Videospielen regelmässig mit Avataren kommuniziert, wird sich vermutlich in Zukunft auch im richtigen Leben schneller von einem humanoiden Roboter bedienen lassen. Was heisst hier «in Zukunft»? Mit Pepper ist der erste wirklich menschliche Roboter nun im Handel. Ausgestattet mit Augen und Armen, die eine (noch beschränkte) Mimik und Gestik zulassen, ähnelt er uns Menschen nicht nur äusserlich. Auch seine Interaktion ist unserer Kommunikation nachempfunden. So kann er dank Gesichts- und Stimmerkennungssoftware auf die Gefühlslage seines Gegenübers eingehen. Glücklich, traurig oder gestresst? Pepper findet den richtigen Ton und die richtigen Worte. Das ist auch notwendig, schliesslich wurde er nicht wie viele der bisher bekannten Roboter fürs Pakete-Rumschieben in der Lagerhalle konzipiert oder fürs Staubsaugen zu Hause. Vielmehr soll Pepper zur emotionalen Rundumstütze seiner Besitzer avancieren, oder genauer: zu unserem Freund werden.

Helfer willkommen

Ein Freund allerdings, der – wie diese Tage so oft diskutiert – auch im Arbeitsmarkt eingesetzt werden könnte. Bereits heute testet Nestlé die Fähigkeiten von Pepper an der Servicefront, nämlich im Verkauf. In japanischen Haushaltswarenläden preist er den Kunden die Vorzüge von Kaffeemaschinen an, liefert Infos, beantwortet Fragen und berät beim Kauf. Vorerst dient Pepper vor allem als Ladenattraktion, die mehr Kunden in die Shops locken soll. Mittelfristig wird er seine menschlichen Arbeitskollegen aber insbesondere da ernsthaft unterstützen, wo es um einfache und repetitive Aufgaben geht. Kunden am Eingang freundlich begrüssen, Einkaufswagen effizient aus- und einparken, Gemüse abwägen, Bezahlungen abwickeln, schwere Einkaufstaschen zum Kofferraum des Autos schleppen – alles Tätigkeiten, die er den Kunden in Zukunft abnehmen könnte. Was durchaus auch bei heute noch skeptischen älteren Kunden auf Anklang stossen würde. Werden die Aufgaben komplexer, vernetzen Pepper, Oshbot und wie die automatisierten Shoppingassistenten sonst noch heissen ihre Kunden mit menschlichen Verkaufsberatern – zumindest heute noch. Je intelligenter und lernfähiger Roboter in den kommenden Jahren werden, desto mehr Aufgaben können ihnen längerfristig an der Front von serviceintensiven Branchen wie dem Handel, der Gastronomie, der Hotellerie und dem Tourismus übertragen werden. Reklamationen entgegennehmen, Ladendiebe stellen, ungehaltene Kunden im Zaum halten – die Möglichkeit, in Zukunft den künstlichen Kollegen in schwierigen und hektischen Situationen vorschicken zu können, ist durchaus verlockend. Und vielleicht führen sich die neuen Diener so am Ende gar selber aus dem unheimlichen Tal heraus.

Martina Kühne ist Senior Researcher am Zürcher GDI (Gottlieb-Duttweiler-Institut). Sie analysiert gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Veränderungen.

Martina Kühne schreibt neu als Kolumnistin für die Printausgabe der Werbewoche.
 

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Unheimlich ähnlich: Warum bei Robotern das Äussere zählt

Die Akzeptanz für Roboter fällt ab, wenn sie dem Menschen zu sehr ähneln. Aber gegen Helfer, die Kunden am Eingang freundlich begrüssen und schwere Einkaufstaschen zum Auto schleppen, ist nichts einzuwenden.

Die Roboter kommen. Besser: Sie sind schon mitten unter uns. Denn während die Ankunft der Roboter letzte Woche am WEF in Davos prominent diskutiert wurde, haben sich die automatisierten Gehilfen längst durch die Hintertür in unseren Alltag eingeschlichen. Sie reinigen unsere Wohnungen, mähen Rasen oder helfen bei der Pflege alter Menschen. Unspektakulär und fast unbemerkt sind sie aus den Laboren der Robotikforscher in unser Leben getreten, um uns gefährliche, anstrengende oder monotone Arbeiten abzunehmen. Und wurden uns dabei immer ähnlicher. Denn nicht nur das Innenleben der Roboter hat sich stetig weiterentwickelt, auch ihr Erscheinungsbild hat sich gewandelt. Zwar nehmen wir manche Roboter nach wie vor als Maschinen wahr. Andere wiederum sind so winzig, dass der Betrachter sie mit blossem Auge nicht mal zu erkennen vermag. Doch einige sehen dem Menschen mittlerweile unheimlich ähnlich. Es sind diese, die uns besonders faszinieren. So beispielsweise die «Hubots» (eine Wortkombination von «human» und «robot»), die in der populären schwedischen TV-Serie «Real Humans – Echte Menschen» zum Alltag der Bewohner in einem schwedischen Städtchen der nahen Zukunft gehören. Sie erledigen den Haushalt, fahren Auto, kochen und lesen den Kindern Gute-Nacht-Geschichten vor. Sie sind ausserordentlich dienstwillig, serviceorientiert und meist gut gelaunt. Trotzdem bleibt die Frage: Müssen wir sie fürchten? Denn je humanoider ein Roboter wird, desto unheimlicher erscheint er uns. «Uncanny Valley» heisst dieses Phänomen in der Robotik, das unheimliche Tal. Und es ist messbar: Die Akzeptanz für Roboter fällt schlagartig ab, sobald sie dem Menschen zu sehr ähneln. Das kann Innovation bremsen. Aus der Forschung ist längst bekannt, dass neue Technologien sich nur durchsetzen, wenn sie von den Menschen auch akzeptiert sind. Immerhin, aus dem unheimlichen Tal führen zwei Wege wieder heraus. Der einfachere besteht darin, den Figuren ihre Menschenähnlichkeit zu nehmen. Wer beispielsweise so «knuddelig» daherkommt wie der populäre «Paro», erzeugt keine Skepsis. Mit ihren grossen schwarzen Knopfaugen und dem flauschigen weissen Fell erobert die intelligente Babyrobbe die Herzen aller Tierfreunde. Nicht nur Demenzkranke reagieren positiv auf den für sie konzipierten Therapieroboter. Auch junge Menschen verfallen dem Charme der interaktiven Robbe, möchten sofort mit ihr spielen, sprechen und kuscheln.

Warum gruseln uns Maschinenmenschen?

Schwieriger gestaltet sich der zweite Weg aus dem unheimlichen Tal. Er besteht darin, diejenigen Schlüsselreize zu identifizieren, die unser ungutes Gefühl gegenüber der Maschine überhaupt erst auslösen. Das ist in der Praxis meist komplexer als gedacht. Denn ein bestimmter Maschinenmensch wirkt nicht auf alle «echten» Menschen gleich gruselig. So sind Kinder tendenziell offener und positiver gegenüber Robotern eingestellt als Erwachsene. Und wer in Videospielen regelmässig mit Avataren kommuniziert, wird sich vermutlich in Zukunft auch im richtigen Leben schneller von einem humanoiden Roboter bedienen lassen. Was heisst hier «in Zukunft»? Mit Pepper ist der erste wirklich menschliche Roboter nun im Handel. Ausgestattet mit Augen und Armen, die eine (noch beschränkte) Mimik und Gestik zulassen, ähnelt er uns Menschen nicht nur äusserlich. Auch seine Interaktion ist unserer Kommunikation nachempfunden. So kann er dank Gesichts- und Stimmerkennungssoftware auf die Gefühlslage seines Gegenübers eingehen. Glücklich, traurig oder gestresst? Pepper findet den richtigen Ton und die richtigen Worte. Das ist auch notwendig, schliesslich wurde er nicht wie viele der bisher bekannten Roboter fürs Pakete-Rumschieben in der Lagerhalle konzipiert oder fürs Staubsaugen zu Hause. Vielmehr soll Pepper zur emotionalen Rundumstütze seiner Besitzer avancieren, oder genauer: zu unserem Freund werden.

Helfer willkommen

Ein Freund allerdings, der – wie diese Tage so oft diskutiert – auch im Arbeitsmarkt eingesetzt werden könnte. Bereits heute testet Nestlé die Fähigkeiten von Pepper an der Servicefront, nämlich im Verkauf. In japanischen Haushaltswarenläden preist er den Kunden die Vorzüge von Kaffeemaschinen an, liefert Infos, beantwortet Fragen und berät beim Kauf. Vorerst dient Pepper vor allem als Ladenattraktion, die mehr Kunden in die Shops locken soll. Mittelfristig wird er seine menschlichen Arbeitskollegen aber insbesondere da ernsthaft unterstützen, wo es um einfache und repetitive Aufgaben geht. Kunden am Eingang freundlich begrüssen, Einkaufswagen effizient aus- und einparken, Gemüse abwägen, Bezahlungen abwickeln, schwere Einkaufstaschen zum Kofferraum des Autos schleppen – alles Tätigkeiten, die er den Kunden in Zukunft abnehmen könnte. Was durchaus auch bei heute noch skeptischen älteren Kunden auf Anklang stossen würde. Werden die Aufgaben komplexer, vernetzen Pepper, Oshbot und wie die automatisierten Shoppingassistenten sonst noch heissen ihre Kunden mit menschlichen Verkaufsberatern – zumindest heute noch. Je intelligenter und lernfähiger Roboter in den kommenden Jahren werden, desto mehr Aufgaben können ihnen längerfristig an der Front von serviceintensiven Branchen wie dem Handel, der Gastronomie, der Hotellerie und dem Tourismus übertragen werden. Reklamationen entgegennehmen, Ladendiebe stellen, ungehaltene Kunden im Zaum halten – die Möglichkeit, in Zukunft den künstlichen Kollegen in schwierigen und hektischen Situationen vorschicken zu können, ist durchaus verlockend. Und vielleicht führen sich die neuen Diener so am Ende gar selber aus dem unheimlichen Tal heraus.

Martina Kühne ist Senior Researcher am Zürcher GDI (Gottlieb-Duttweiler-Institut). Sie analysiert gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Veränderungen.

Martina Kühne schreibt neu als Kolumnistin für die Printausgabe der Werbewoche.
 

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