Köppels Fatwa

Kolumne Erst wurde der Attentatsversuch auf den Chefredaktor der Welt wochenlang verheimlicht und dann von den Schweizer Medien quasi ignoriert: Zur Logik der journalistischen Schweigespirale.

Kolumne Erst wurde der Attentatsversuch auf
den Chefredaktor der Welt wochenlang verheimlicht und dann von den
Schweizer Medien quasi ignoriert: Zur Logik der journalistischen
Schweigespirale. Die Telefonnummer von Roger Köppel suchte
man schon zu seinen Zürcher Zeiten vergebens im Twixtel. Zwei Jahre
nach dem Umzug in die
Berliner Teppichetage des Springer-Konzerns hat der Ex-Chefredaktor von
Magazin und Weltwoche nun auch sein Namensschild am Wohnsitz im
grossbürgerlichen Stadtteil Charlottenburg abmontiert. Dies
rapportierte Ringiers Schweizer Illustrierte jüngst in
einer Homestory über den
«Gockel in allen journalistischen Hühnerställen». Das war nach dem von
Köppel persönlich veranlassten Nachdruck der umstrittenen
Mohammed-Karikaturen im Springer-Blatt Die Welt, aber noch vor dem
dadurch motivierten Attentatsversuch vom 20. März.

An diesem verregneten Montag stürmte ein 28-jähriger Pakistani, der in
Mönchengladbach Textilmanagement studierte, das Foyer des
Springer-Hauptsitzes, bedrohte das Wachpersonal mit einem Küchenmesser
und verlangte den «Schänder heiligster
islamischer Werte» zu sehen – und zu töten.

Der nach Auskunft seiner Freunde und Verwandten bislang unauffällige Einzeltäter wurde überwältigt und kam
in Untersuchungshaft, wo er sich am Morgen
des 5. Mai mit seiner
Jogginghose erhängte. Publik gemacht wurde der ganze Fall erst zwei
Tage später auf Spiegel online. Und das nur, weil sich die Sache auf
Grund von Foltervorwürfen pakistanischer Parlamentarier an die deutsche
Justiz inzwischen zur Staatsaffäre ausgeweitet hatte.

In Erinnerung rufen muss man die Geschichte, weil hier zu Lande bislang
auffällig wenig und wenn, dann nur äusserst oberflächlich, darüber
berichtet wurde: Auf den Schweizer Primeur im SonntagsBlick vom 7. Mai
folgte einzig eine kurze Erwähnung in einem NZZ-Artikel über «Medien
unter islamistischem Druck» (12. 5. 2006). Weitere drei Tage später
erst berichtete auch der Tages-Anzeiger – allerdings nur über den
Märtyrerstatus, den der Täter in seiner
Heimat erlangt hat. Im deutschen Blätterwald hingegen rief der Fall
mächtiges Rauschen hervor. Allein Spiegel online fasste dreimal nach
und lieferte zahlreiche Details, vom genauen Hergang über die
Umfeldanalyse bis zum (erschreckend normalen) Täterprofil.

Bis zum Selbstmord und seinen Folgen herrschte aber auch nördlich des
Rheins ein «Nichtberichterstattungspakt». Immerhin passierte alles
nicht nur coram publico, sondern direkt unter den Augen diverser
Springer-Reporter, die sonst bekanntlich keine Story anbrennen lassen.
Womit klar wäre, dass neben dem zumal von Roger Köppel gern beklagten
Lemmingeffekt auch eine journalistische «Schweigespirale» existiert.

Interessanter noch als der Befund ist freilich die Frage nach den
Motiven insbesondere des Schweizer Schweigekartells. Handelt es sich um
eine kollektive Solidarisierung mit einem Branchenliebling, der selber
ja ebenfalls keine Stellung zur faktischen Fatwa nimmt, die
verschiedene Terrorexponenten via Internet über ihn verhängt haben?
Oder will man keine hiesigen «Schläfer» wecken, da es im Namen einer
absolut verstandenen Pressefreiheit irgendwann auch an die eigene Haut
gehen könnte? Vermutlich jedoch möchten es
seine sonst nie um hämische Seitenhiebe verlegenen Kollegen aus
Pietätsgründen vermeiden, den radikalen Anti-Etatisten Köppel daran zu
erinnern, dass ausgerechnet er
nun bis auf weiteres (staatlichen) Polizeischutz braucht.

Für seine jüngste Provokation zahlt der Don Quichotte der Denkverbote
also einen hohen Preis – den der Angst. Man darf gespannt sein, ob und
wie er dieses Schicksal journalistisch meistert. Zuzutrauen wäre ihm
etwa ein Rushdie-Interview. Aber wir lassen uns gern überraschen.

Oliver Classen ist Pressesprecher der
entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. Zuvor
arbeitete er als Medienjournalist u. a. für die Werbewoche.

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