Zehn Jahre lang geschlafen

Urs Rohner über Schwierigkeiten, in der Schweiz sprachregionales Privat-TV zu machen

Urs Rohner über Schwierigkeiten, in der Schweiz sprachregionales Privat-TV zu machenZwanzig bis vierzig Prozent Marktanteil müssten Schweizer Privatfernsehveranstalter wie TV 3 oder Tele 24 über den ganzen Tag erreichen, um überleben zu können. Zu diesem Schluss gelangte Urs Rohner, Vorstandsvorsitzender der Pro Sieben Sat 1 Media AG, in Zürich auf Einladung der International Advertising Association, Swiss Chapter (IAA).Der Schweizer Fernsehmarkt ist dicht, aber klein. 2,86 Millionen TV-Haushalte ergeben eine Abdeckung von 92 Prozent. In Deutschland stehen Fernsehgeräte in 34 Millionen Haushalten.
In unserem nördlichen Nachbarland hätten sich die privaten Stationen etabliert und die Zuschauer erobert, sagte Rohner: Ihr Marktanteil betrage 53,8 Prozent, und sie dominierten in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Die öffentlichrechtlichen Sender müssten sich mit 43,3 Prozent Marktanteil begnügen. 1,5 Prozent entfielen auf Pay-TV.
Gegenteilig sind die Verhältnisse in der Schweiz: Auch wenn TV 3 mit «Big Brother» viele Zuschauer erobert hat, beträgt der Marktanteil der Privaten nur 43,8 Prozent. Mit 55,8 Prozent lägen die öffentlichrechtlichen Stationen klar vorne. Eine Dominanz, die laut Urs Rohner «politisch gewollt» ist. Die öffentlichrechtlichen Sender absorbierten denn auch an die 60 Prozent des Nettowerbemarktes.
Den Rest müssten die Privaten unter sich aufteilen. Bei jährlich rund 520 Millionen Franken für Werbung und Sponsoring blieben ihnen etwa 208 Millionen Franken. Rohner geht davon aus, dass ein sprachregionaler Privatsender wie TV 3 oder Tele 24 mindestens 100 Millionen Franken pro Jahr aufbringen muss, um ein Vollprogramm anbieten zu können. Somit müsste ein solcher Sender gemäss Rohner in der Schweiz 20 bis 40 Prozent Marktanteil über den ganzen Tag erreichen, um überleben zu können. Spartensender müssten auf etwa zehn Prozent kommen. TV 3 brachte es dank «Big Brother» gegen Ende des Jahres aber nur auf 7,8 Prozent.
Den Anbietern stelle sich keine einfache Aufgabe im Schweizer Markt, führte der TV-Manager weiter aus: Die Produktionskosten seien gleich hoch wie im Ausland, die Zahl der potenziellen Zuschauer bleibe aber relativ niedrig.
Zudem seien die Schweizer nicht einmal sonderlich fernsehfreudig. Durchschnittlich 130 Minuten täglich schauten sie in die Röhre, während Deutsche und Franzosen rund 200 Minuten pro Tag vor der Kiste verbrächten. Urs Rohner erklärt die Differenz damit, dass die Schweizer länger arbeiten als unsere Nachbarn.
Wenn die Schweizer allerdings fernsehen, dann steht ihnen ein grosses Angebot zur Verfügung. Das Senderangebot über Kabel sei hierzulande wesentlich grösser als in Deutschland. Die ausländischen Stationen deckten bereits praktisch alle Bedürfnisse ab, und auch SF DRS habe sich durch eine gewisse Boulevardisierung, so Rohner, gut positioniert.
«In der Schweiz ist das Privatfernsehen zehn Jahre zu spät gekommen», lautet Rohners Fazit. Die späte Deregulierung habe die private Fernsehwirtschaft behindert. Zum heutigen Zeitpunkt sei auch in Deutschland, wo sich der Markt durch Fusionen konsolidiert habe, die Hürde für neue Privatfernsehveranstalter hoch geworden.
Trotzdem schliesst Rohner nicht aus, mit der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe in Zukunft wieder die Fühler in die Schweiz auszustrecken. Bruno Amstutz
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