Aus dem Topf der alten Tante

Pressenetz Der Medienpool von NZZ-Tochter FPH findet bei den verschiedenen Redaktionen keinen Anklang.

Pressenetz Die NZZ-Tochter FPH hält an ihrem Poolmodell fest. Doch zur Lösung der Branchenprobleme trägt es kaum bei.«Das Interesse am Pressenetz ist klein»,
sagt Bund-Chefredaktor Hanspeter Spörri. René Bondt, stellvertretender
Chefredaktor des Zürcher Oberländers, habe den Eindruck, «das
Pressenetz ist gar nie richtig angelaufen.» Benjamin Geiger,
Chefredaktor der Zürichsee Zeitung doppelt nach: «Man hat sich keine
Gedanken gemacht, wie man das Pressenetz nutzen und in die
redaktionelle Planung einbauen kann.»
Seit Pressenetz-Erfinder Beat Lauber, Mitglied der NZZ-Gruppenleitung
und bis vor kurzem Leiter Regionalpresse, vor etwa einem Jahr das
Modell vorgestellt hat, ist die Presselandschaft im Grossraum Zürich
und der angrenzenden Nordostschweiz heftig in Bewegung geraten. Drei
Zürcher Landzeitungen neigten sich der NZZ (Freie Presse
Holding/PubliGroupe) zu, während der Landbote auf Tamedia-Kurs
einschwenkte, jüngst gefolgt von der Thurgauer Zeitung, die in
absehbarer Zeit zur 100-prozentigen Tamedia-Tochter wird. «Viele
Zeitungen sind heute wieder Konkurrentinnen», sagt Geiger. Auch Bondt
zweifelt, ob nach der Entstehung dieser neuen Allianzen ein Netz
Bestand haben könne, das ungeachtet der Veränderungen «quer durch die
Zeitungslandschaft geht.»

Die Idee überzeugt nicht
Das Pressenetz aus dem Hause NZZ sollte es eigentlich den im
Strukturwandel schwankenden Regionalzeitungen ermöglichen, günstiger zu
Inhalten zu kommen, indem Texte online getauscht und zweitverwertet
werden. Die Idee fokussiert hauptsächlich auf die überregionalen
Ressorts, die nicht zur Kernkompetenz der Regionaltitel gehören, aber
dennoch Bestandteil einer Komplettzeitung sind. Einsparungen dort
würden Ressourcen freisetzen, die hier im Regionalen die Qualität
steigern liessen. Doch die Idee scheint nicht zu überzeugen, denn viele
Zeitungen tauschen bereits heute Artikel aus und nutzen
verschiedentlich gemeinsame Korrespondentenpools, was bestens
funktioniert. «Man hat nicht bedacht, wie wenig wir bereits heute für
Geschichten ausgeben», sagt Benjamin Geiger. Die Zürichsee Zeitung
nutzt zum Beispiel Korrespondentenpools mit der Südostschweiz, mit dem
Limmattaler Tagblatt, gelegentlich mit der Aargauer Zeitung oder hat
denselben Bundeshauskorrespondenten wie der Landbote.
Der Sparanreiz, einer der Hauptargumente für das Pressenetz, scheint zu
schwach: Journalistische Texte waren noch nie so billig zu haben wie
heute, der Zerfall ihrer Wertigkeit ist mithin ein Indiz für den
Zustand der Presse. Hier regt sich das Gewissen des Berufsstandes. «Die
Idee ist bestechend, aber was wird aus den freien Mitarbeitern?», fragt
sich Ivo Bachmann, Chefredaktor der Basler Zeitung. «Wir wollen in den
gegenwärtig schlechten Zeiten nicht den Freien das Wasser abgraben»,
meint auch René Bondt vom Oberländer. Zudem wird befürchtet, dass in
den bereits bis an die Grenzen geschrumpften überregionalen Ressorts
weitere Stellen gefährdet wären.
In der Tat wurde noch keine Lösung gefunden, wie Presseartikel aus dem
Pressenetz verrechnet werden sollen beziehungsweise, wie freie
Journalisten in einem Pool mit ihren Texten gegen die Konkurrenz
bestehen könnten. Doch so weit ist es noch nicht. Das Pressenetz
–  nach wie vor in der Testphase – will nicht vom Fleck kommen.
«Das Projekt hat nicht mehr erste Priorität», sagt dazu Pepe Wiss,
Geschäftsleiter der NZZ-Tochter Freie Presse Holding (FPH) und
Projektleiter.

Geringe Lust, Inhalte zu liefern
Für den Testbetrieb zugesagt und die entsprechende Software installiert
haben zehn Regionalzeitungen aus dem Raum Zürich, Bern, Luzern und der
Nordostschweiz. Sie beschränken sich inhaltlich jedoch allein auf
Wirtschaftsthemen im Raum Zürich.
Doch offensichtlich scheint die Lust gering, den gemeinsamen Pool mit
Inhalten zu speisen. «Wir haben es ein paar Mal geprüft, aber es war
nichts drin», sagt etwa Unterländer-Chefredaktorin Christine Fivian,
zumal das Blatt kraft seiner Kompetenz im Themenbereich Flughafen
Kloten einiges beizusteuern hätte. Dennoch hofft man an der Zürcher
Falkenstrasse, dass das Projekt zu Stande kommt: «Wenn genügend Texte
vorhanden sind, dann kommt alles ins Rollen», ist Wiss überzeugt.
Doch die Bedürfnisse der Redaktionen gehen auseinander. Für Hanspeter
Spörri vom Bund ist klar: «Die Zeitungen sind zu unterschiedliche
Persönlichkeiten.» Das wertet Pressenetz-Erfinder Beat Lauber nicht als
Problem: «Für alle gibts Lösungen», die verschiedenen Interessenlagen
liessen sich technisch mühelos gruppieren. Für Lauber ist die
Realisierung des Pressenetzes jedoch hochdringlich: Im redaktionellen
Umfeld werde die Einnahmenerosion weiter zunehmen. Deshalb brauche es
eine Lösung für die ganze Branche. «Aber offenbar ist der Leidensdruck
der Verleger noch zu wenig gross.» Das Interesse am Pressenetz wäre
sonst grösser, schätzt er.
Bis im kommenden Frühling will Pepe Wiss das Projekt neu aufgleisen und
die technischen Möglichkeiten ausloten. Sollte das Pressenetz ganz
versanden, dann verliert die NZZ auch ein strategisches Instrument, um
im Netz der  regionalen Qualitätszeitungen erklärtermassen die
Führungsrolle zu übernehmen und expansionswilligen Verlagshäusern wie
Tamedia die Stirn zu bieten.

René Worni

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