Projekt ohne Konzession

Radio Aus der Asche des Bieler Radios Canal 3 soll RadioBilingue erstehen. Die Chancen sind allerdings gering.

Radio Aus der Asche des Bieler Radios Canal 3 soll RadioBilingue erstehen. Die Chancen sind allerdings gering.
Das zweisprachige Bieler Radio Canal 3 steht zweifellos auf schwachen Beinen. Die deutschsprachige Hörerschaft hat sich seit 2001 von 93000 auf 54000 beinahe halbiert, und die 30000 französischsprachigen Hörer hören nur gerade 10 Minuten pro Tag hin. Kommt dazu, dass Radio Jura Bernois im Raum Biel zwei- bis dreimal höhere Werte erreicht. Kein Wunder schrieb die Trägerschaft, eine Stiftung, per Ende 2003 rot. Frederik Stucki, einer der beiden Canal-3-Direktoren, relativiert zwar: «Eine fünfstellige Zahl.» Aus diesem Grund entliess der Stiftungsrat anfangs Jahr beide Chefredaktoren und strich insgesamt eine Redaktionsstelle. «Die Zweisprachigkeit des Senders war aber nie gefährdet», betont Stucki. Allerdings nahmen die Probleme zu, sodass der Sender gemäss Stucki hätte Konkurs anmelden müssen, wenn nicht die Espace Media Groupe im September eingesprungen wäre.Prominente Kritikerin
Doch in Biel formierte sich Widerstand. Im Juni bildete sich der Verein Canal Bilingue und etwas später eine Spurgruppe aus Vertretern der lokalen Wirtschaft, Politik und Behörden, die gemeinsam ein Konzept für einen neuen Sender namens RadioBilingue ausarbeiteten. Präsidiert wird die Gruppe von der Ex-FDP-Ständerätin Christine Beerli. «Man muss nicht an der Front abspecken, sondern auf der Direktionsebene. Wofür braucht Canal 3 zwei Direktoren?», übt Beerli an den Canal-3-Sparübungen Kritik – und weist damit auch auf einen Hauptpunkt des Neukonzeptes: Ein Direktor statt deren zwei. Weiter sieht das Konzept als Trägerschaft eine AG mit gegen 50 Aktionären vor. Derzeit stehen zehn Aktionäre fest – Beerli selbst gehört nicht dazu, hingegen das Verlagshaus Gassmann (Journal du Jura / Bieler Tagblatt), das Büro Cortesi sowie Thomas Eichelberger, Inhaber einer Autogarage. Vorgesehen sind je paritätische Beteiligungen und ein maximal fünfköpfiger Verwaltungsrat.
Die Spurgruppe rechnet mit den bisherigen städtischen und kantonalen Subventionen und mit Anteilen aus dem Gebührensplitting (siehe auch Seite 13.). Auf der Basis der derzeit tiefen Werbeumsätze von Canal 3 setzt der Businessplan von RadioBilingue aber auf steigende Einnahmen. Beerli: «Bisher wurde der lokale Markt zu wenig bearbeitet. Zudem glauben wir, dass dank der lokalen Verankerung eine gewisse Solidarität spielen wird.»
Mitte September ist nun aber die Espace Media Groupe den lokalen Bemühungen zuvorgekommen und hat angekündigt, Canal 3 zu übernehmen und in eine AG zu überführen. Der Spurgruppe wurde angeboten, sich zu beteiligen. Da für Biel keine zweite Radiokonzession erhältlich ist, schliesst diese zwar Kooperationen nicht aus, will aber am 25. Oktober dennoch für ihr Radio ein Konzessionsgesuch einreichen.
Lokale Verankerung zwingend
«Da sich die französische Frequenz von Canal 3 nie selbst finanzierte, besteht die Gefahr, dass ein Deutschschweizer Konzern diesen einstellt», befürchtet Beerli. Und Eichelberger ergänzt: «Wir wollen eine lokal verankerte Führung, deshalb wollen wir mindestens einen Anteil von 51 Prozent.» Bei Espace Media wollten sich weder CEO Albert P. Stäheli noch VR-Präsident Charles von Graffenried äussern.
Bei der Spurgruppe hofft man, dass das UVEK die Übernahme von Canal 3 durch Espace Media ablehnt. Dann hätte man wohl mit der maroden Stiftung leichtes Spiel. Dass in den nächsten Wochen auch noch Konzessions-Erneuerungen für alle Radios anstehen, beflügelt die Hoffnungen. Darob schüttelt René Wehrlin, zuständiger Sachbearbeiter beim Bakom, den Kopf, zumal die Spurgruppe bisher nicht bei ihm anklopfte. Er stellt deshalb klar: Eine zweite Konzession für Biel stehe nicht zur Verfügung und jene von Canal 3 nicht zur Disposition. Selbst wenn das UVEK die Lösung der Espace Media ablehnen würde, bliebe die Konzession von Canal 3 bei der Stiftung. Nur wenn diese Konkurs anmelden würde, werde die Konzession frei – und würde dann ausgeschrieben. Wehrlin: «Es kann sich heute niemand für die Konzession von Canal 3 bewerben, auch nicht im Rahmen der Konzessionserneuerungen.»
Dass die Zweisprachigkeit des Senders gefährdet sei, stellt Wehrlin ebenfalls in Frage. Diese sei für den einzigen Bieler Sender zwingend vorgegeben, nicht nur in der Konzession, sondern auch in den bundesrätlichen Weisungen. Andernfalls käme es zu einem Verfahren wegen Konzessionsverletzung, an dessen Ende ein Konzessionsentzug stehen könnte.
«On verra»Das Bieler Verlagshaus Gassmann kooperiert seit Jahren relativ intensiv mit der Espace Media – Bieler Tagblatt und Berner Zeitung sind wohl redaktionell und werblich im Berner Zeitungspool verbunden. Das abrupte Eindringen der Espace Media im
Bieler Radiomarkt kam deshalb auch für Verleger Marc Gassmann überraschend. «Damit ergibt sich vor allem ein verschärftes Konkurrenzverhältnis bei den elektronischen Medien», sagt er diplomatisch. Wird auch die Zusammenarbeit der beiden Zeitungen belastet? «On vera», sagt der Verleger. Und fügt hinzu: «Das ist derzeit nicht abzuschätzen.»
Eines aber stellt er klar: Der Aktienanteil von zwei Prozent, den die Stiftung Canal 3 bei TeleBielingue hält, soll niemals an die Espace Media gehen, obwohl diese offen damit liebäugelt. Gassmann würde dies aber mit seinem Vorkaufsrecht zu verhindern wissen. «TeleBärn strahlt schon heute in Biel ein. Da wäre es nicht vernünftig, den direkten Konkurrenten im
selben VR oder Aktionariat zu haben», sagt Gassmann. (mk)
Zwei Sprachen, ein Radio: Was immer aus Canal 3 wird, der Bieler Lokalsender muss bilingue sein.
Markus Knöpfli

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