Preussisch-helvetische Wertarbeit

Zeitschriften Ringiers Cicero soll ein gedruckter Salon sein. Dekor und Personal lösen dieses Versprechen ein.

Zeitschriften Ringiers Cicero soll ein gedruckter Salon sein. Dekor und Personal lösen dieses Versprechen ein.Wer je einem seiner seltenen Referate beigewohnt hat, weiss, dass er (noch) besser spricht als er schreibt. Nur logisch also trägt das nach monatelangen Ankündigungen diesen Donnerstag endlich erschienene «Magazin für politische Kultur» den Namen des Urvaters aller staatstragenden Chef-Rhetoriker und -Publizisten. Nichts anderes war Frank A. Meyer nämlich in Zürich beziehungsweise Bern – und ist es nun in Berlin. Dieses Talent hat FAM, der Spiritus Rector hinter Cicero, aber nicht bloss mit seinem römischen Gewährsmann gemeinsam, sondern auch mit seinem Duzfreund im Bundeskanzleramt.Folgerichtig macht das erste, von der Malerikone Jörg Immendorf stilvoll Front-verzierte Mattglanzheft mit dem aktuellen Prügelknaben der deutschen Presse auf. Und rehabilitiert, ja nobilitiert diesen streckenweise geradezu. Kontrastiert werden FAMs Titelinterview mit Gerhard Schröder «über die Zumutungen des Amtes» und – selbstverständlich andere – «Versager in der Politik» sowie Jim Raketes Fotoessay über den einsamen Kanzler durch einen bissigen Beitrag von Ex-SPD-Chef Rudolf Scharping mit der unzweideutigen Überschrift «Meine Partei droht zu erfrieren».
Dieser expliziten Gegenposition hätte es indes gar nicht bedurft, um deutlich zu machen, dass Cicero kein reines Selbstverwirklichungsorgan für FAM ist. Dazu ist das Meinungsspektrum zu breit gefächert, das Autorenteam zu bunt gescheckt. Selbst Meyers aristokratischer Tamedia-Antagonist Roger de Weck wurde eingeladen, über «Die Unfälle der besserwisserischen Generation Golf» zu räsonieren.
Überhaupt scheinen Chefredaktor Wolfram Weimer und seine konzipierende statt schreibende Crew über einen guten Themeninstinkt und noch bessere Kontakte zu verfügen. Man muss in der deutschen Pressegeschichte schon bis zur nicht zufällig zum Vorbild erklärten «Weltbühne» zurückblättern, bis man auf ein ähnlich dichtes Geflecht an Geistesgrössen (Umberto Eco, Arthur Miller, Milton Friedman et al) stösst.
Weltbühne heisst auch das erste der fünf Hauptressorts; es folgen Berliner Republik, Medienmacht, Kapital – inklusive «Mensch Meyer», der obligaten FAM-Kolumne – und zuletzt der Salon. An dessen Tapetentür schreibt Weimer gross die Frage «Gibt es ein Jenseits der Ironie?». Unaufgeregt und seriös wirkt auch die von Art Direktorin Katharina Glaser verantwortete Optik: Gediegene, ganzseitige Fotos lassen Raum für ciceronische Gedankenflüge, aber auch für Original-Karikaturen aus dem New Yorker und andere illustrative Einsprengsel.
Mit einer verkauften Auflage von 50000 könne er bereits «gut und längerfristig leben», sagte Herausgeber Michael Ringier im Vorfeld. Nach erfolgtem Launch ergänzt nun Verlagsleiter Martin Paff: «Wenn wir dieses Buchungsniveau halten können, erreichen wir den Break- even einiges schneller, als wir eigentlich müssen.»
Gerät Cicero tatsächlich zur Erfolgsstory, wäre dies auch dem US-Konzern Conde Nast geschuldet, der nun doch kein deutsches Pendant zum New Yorker oder Vanity Fair entwickelt. Und natürlich FAM, der das Titel gebende Schröder-Zitat auch selbst gesagt haben könnte: «Niemand soll hoffen, dass ich müde werde». Wir hoffen und warten lieber auf den nächsten Cicero.
Oliver Classen

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