Zur Sache: Der richtige Weg zeigt sich beim Gehen

Das Editorial der vergangenen Ausgabe endete mit einer Bitte an Sie: an unserer Leserbefragung teilzunehmen. Dieses Mal starte ich mit einem Dankeschön: 346 Leserinnen und Leser haben bei unserer Umfrage mitgemacht.

Und viele von Ihnen haben nicht nur die Antworten durchgeklickt, was uns bereits sehr wichtige Erkenntnisse geliefert hat – Sie haben zusätzlich noch kommentiert, erklärt und Vorschlage unterbreitet. Medienverdrossenheit? Nicht bei uns! So wissen wir nun, dass die Werbewoche für Sie nach wie vor zur Pflichtlektüre gehört, sowohl die gedruckte Ausgabe als auch unser Newsletter. Das finden 67% der Antwortenden.

Doch die Werbewoche soll nicht nur Pflichtstoff sein, sondern Spass machen und Ihnen Impulse und Hilfestellungen für den Arbeitsalltag geben. Gut, dass wir nun genau wissen, was Sie gern lesen – und was Sie ausserdem noch gerne lesen würden.

Zudem haben Sie uns in unserer Meinung bestätigt: Wer lesenswerte Inhalte bietet, muss sich nicht um die Lebenserwartung seines Publikationskanals sorgen. Print stirbt? Online ist nicht rentabel? Gute Texte und kluge Köpfe finden immer zusammen. In diesem Sinne: Herzlichen Dank. Wir verstehen auch Ihr Lob als klaren Auftrag.

Relevanz und Mehrwert in den Medien waren auch die Schlagworte beim Schweizer Medienkongress, der in diesem Jahr zum letzten Mal in Interlaken stattfand. Während Jeff Jarvis dazu riet, Usern und Lesern als Mittel gegen die Reizüberflutung exakt auf sie zugeschnittene Informationen zu liefern, empfahl Dominique Eigenmann, weniger Negatives und mehr Aufbauendes zu schreiben. Denn das sei es, was Menschen lesen wollen.

Während Hanspeter Lebrument die Werbeallianz von Ringier, SRG und Swisscom verteufelte, weil sie faktisch ein Datenmonopol errichtet, hielt Doris Leuthard sie für eine gute Idee. Unternehmerisch mache der Schritt Sinn, betonte die Medienministerin. Und aus dem Elfenbeinturm kam der Vorschlag, erst einmal ein gemeinsames «Swiss Media Technology Institute» zu gründen, um für den rasanten Wandel in der Medienbranche gewappnet zu sein – forschen hat schliesslich noch nie geschadet.

Ideen, wie Medien und Verlage, Werber und Marketer im schwierigen Markt reüssieren können, gibt es viele. Allein, es gibt keine Garantie auf Erfolg. Wenn zehn «hü» sagen, sagen mindestens so viele «hott». Das Gebot der Stunde ist also: Kopf hoch, tanzen!

Augen auf, ausprobieren! Die Lust nicht verlieren und machen! Der richtige Weg zeigt sich beim Gehen.

Doch das ist manchmal gar nicht so einfach: Da tritt eine Kamerafrau Flüchtlingskinder und ruiniert in wenigen Sekunden «ihr ganzes bisheriges Leben». Auf dem Münchner Oktoberfest muss mit Lebkuchenherzen für Toleranz geworben werden: «Wir haben um die 1000 Herzerl hergestellt», zitierte SDA den Wiesn-Händler Andreas Greipl. Er verkauft die Sonderedition an seinen Ständen im Hofbräuzelt und in der Ochsenbraterei. Wird Ihnen da nicht auch irgendwie übel? Hofbräuzelt, Ochsenbraterei und Toleranz – irgendwas geht da nicht zusammen. Ursprünglich sollte das Zuckergusswort auf den bunten Lebkuchenherzen übrigens «Solidarität» lauten. Aber der Begriff passte nicht aufs Herz. Guten Appetit.

Gemischte Gefühle hege ich auch für die Freundlichkeitsoffensive der Stadt Zürich. Freundlichkeit ist generell so wenig verkehrt wie Forschung. Aber können Plakate bewirken, dass Menschen wieder netter miteinander umgehen, einander mal den Vortritt lassen, sich mit Sack und Pack ins Tram helfen? Ja.

Die aktuellen Plakatsujets haben allerdings nicht das Zeug dazu. Auf meinem «Lieblingssujet» sehe ich einen älteren Herrn mit einer Art Rettungsreifen im Arm, der grinst, als habe er sich gerade beim «Zahnarzt in Deutschland» das Gebiss sanieren lassen. Der Slogan behauptet zweideutig: «Freundlich kommt man in Zürich besser an» (– auch wenn jeder Zürcher weiss, dass man höchstens länger ansteht, wenn man freundlich ist; aber das wird sich ja nun ändern).

Die Kampagne, die von der
 Agentur Dynamite umgesetzt 
wurde, soll die Verkehrssicherheit unterstützen. Dabei schaut der Herr mit dem Rettungsreifen im Arm aus dem Seitenfenster seines Autos. Ich habe gelernt: Beim Fahren Hände ans Steuer und immer nach vorne schauen, ausserdem in den Rück- oder Seitenspiegel. Wer freundlich ringsherum strahlt, provoziert im Stossverkehr höchstens einen Auffahrunfall. Oder wütendes Gehupe.

Wie es zu diesem werblichen GAU kommen konnte, erklärt das Zürcher Polizeidepartement auf seiner Website: «Die Stadt Zürich und zwölf Verkehrs- und Interessenverbände ziehen an einem Strick …» Wohl eher: «… zerfledderten eine Idee.» Die Kampagne wird uns übrigens nun drei Jahre lang belästigen.

Wir bleiben noch kurz auf dem Revier: «Die Welt ist aus den Fugen!», würde ein wohlbekannter Ordnungshüter, der vor allem im Sonntagsprogramm von Radio SRF ermittelt, nach einem Blick in die Tageszeitung ausrufen. Hören wir einfach nicht auf zu denken und zu fühlen. Und kitten sie wieder zusammen.

Anne-Friederike Heinrichrédacteur en chef
f.heinrich@werbewoche.ch

 

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