The Futur(e)s est Franglais

Agefi-Verleger Alain Fabarez lancierte Futur(e)s und bekam mit seiner Einführungswerbung ziemlichen Ärger

Agefi-Verleger Alain Fabarez lancierte Futur(e)s und bekam mit seiner Einführungswerbung ziemlichen ÄrgerVon Christophe BüchiDie Westschweizer Verlagsgruppe L’Agefi lanciert ein – ganz auf die New Economy spezialisiertes – Monatsmagazin. Es heisst Futur(e)s und hat auch typografisch grosse Ambitionen.
Das lang erwartete und immer wieder angekündigte Monatsmagazin der Agefi-Gruppe ist endlich da. Es wurde mit einer bemerkenswert vulgären Werbekampagne in Frankreich und in der Schweiz lanciert, die dann auch prompt den französischen Gesetzeshütern ins Auge stach. Ein Sujet, auf dem ein Mann seine Hosen runterlässt und den Passanten sein pralles, nacktes Hinterteil entgegenstreckt, wurde den Franzosen auf behördliche Weisung vorenthalten. Immerhin kam damit das Produkt aber ins Gerede. Und das kostet ja bekanntlich nichts…
Genau genommen handelt es sich eigentlich um zwei Magazine, denn der neue Titel kommt in einer französischen und einer schweizerischen Ausgabe heraus. Rund 60 Prozent des Inhalts findet sich in beiden Blättern. Der Hauptteil der Produktion befindet sich in Paris. Vier Redaktorinnen und Redaktoren des Lausanner Ablegers sind zur Hauptsache damit beschäftigt, den in der französischen Metropole produzierten Inhalt zu Verschweizern.
Futur(e)s ist der eigenartige, halb französische, halb englische Name des neuen Wirtschaftsmagazins, von dem man nicht recht weiss, wes Geistes Kind er ist. Es ist also nicht ganz klar, ob der geneigte Käufer am Kiosk ein «Fütür» oder ein «Fjuutscher» oder gar ein «Fjuutschers» verlangen soll. No future…
Futur(istisches) wird zu Fast-Food-Journalismus
Das erste Futur(e)s umfasst 178 Seiten. Viele Fotos, eine gewollt schiefe Graphik, LED-Typo: Das Heft will mit der Vergangenheit brechen und sich nach einer modernen, aus der Computerwelt stammenden Ästhetik ausrichten. Die Themen sind ganz auf New Economy und vor allem auf die neuen Applikationen in der Informatik fokussiert. Dem alten Wirtschaftsjournalismus wird ade gesagt: Es werden keine ellenlangen Artikel, keine Geschäftszahlen und keine Umsatzkurven serviert.
Als Ersatz dafür bekommt man viel Human touch und eine Menge Kleinfutter verabreicht. Das Magazin in Bilanz-Format kommt ganz gefällig, aber auch etwas beliebig daher. Der altmodische Leser, der gern auch etwas liest, muss sich gedulden und bis Seite 34 vorblättern, bis er endlich einigermassen solide Kost zwischen die Zähne bekommt. Und auch am Schluss dürfte ihm der Magen knurren. Fast-Food-Journalismus.
Futur(e)s will kein zweites Bilan sein
Das Magazin will bewusst die Regeln des traditionellen französischen Wirtschaftsjournalismus überwinden, sagt Danielle Hennard, die 49-jährige Chefredaktorin der Schweizer Ausgabe. Für Agefi-Verleger Alain Fabarez geht es auch gar nicht darum, den etablierten Zeitschriften wie Bilan etwas Gleiches entgegenzusetzen, sondern der New Economy und der damit verbundenen Kultur breiten Platz einzuräumen.
Fabarez will auch nicht einfach das klassische Publikum der Wirtschaftspresse ansprechen, sondern weiter ausholen: «Wir denken an den 18-jährigen Studenten, der noch nicht weiss, was er später tun will, aber auch an den 55-jährigen Kadermann, der sich auf dem Laufenden halten will. Den Leser, den wir nicht bekommen, ist der Angestellte, der auf seinem Sessel klebt.»
Futur(e)s made by Agefi ist in Frankreich für 20 französische Francs und in der Schweiz für 8.50 Schweizer Franken zu haben. Es erscheint am ersten Montag des Monats. Fabarez hat sich zum Ziel gesetzt, pro Heft fünfzig Seiten Werbung zu akquirieren. In Frankreich will man zwischen 70000 und 100000 Exemplare verkaufen, in der Schweiz wäre man mit 30000 verkauften Exemplaren zufrieden.
Die Westschweizer Konkurrenz – vor allem Bilan aus dem Haus Edipresse und PME Magazine von der Gruppe HandelsZeitung – gibt sich einstweilen gelassen. Bilan-Chefredaktor Alain Jeannet bezeichnet Futur(e)s als späten Remake von Wired: «Diese Grafik ist bereits aus der Mode. Futur(e)s wird nicht einmal 10000 Exemplare verkaufen. Die New Economy nur mit den Start-ups gleichzusetzen, das ist passé. Die New Economy, dazu gehören auch die Migros und die Post.»
Fabarez lässt sich von den freundlichen Worten der Konkurrenz nicht beirren. Er hat zwischen fünf und sieben Millionen (Schweizer) Franken ins Projekt gesteckt. Würde er diesen Einsatz verlieren, könnte er es mit Fassung tragen. Denn beim Börsengang der Agefi-Gruppe hat er grosse Kasse gemacht. Und die Aktionäre brauchen sich – bisher zumindest – nicht zu beklagen. Die Agefi-Aktie wurde im Juli 1999 zu 227.50 Franken an die Börse gebracht und hat ihren Wert beinahe verdreifacht.
Also: Wo liegt das Problem?
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