Neue Kompromisskultur

Verlage Nach 20 Minuten integriert Tamedia Finanz und Wirtschaft. Und liberalisiert die Redaktionsreglemente.

Verlage Nach 20 Minuten integriert Tamedia Finanz und Wirtschaft. Und liberalisiert die Redaktionsreglemente.Zeitungsübernahmen ohne eine zumindest partielle Einverleibung in den Mutterverlag sind so selten wie Predigten ohne Amen. Das akquisitionsfreudigste, weil einzige börsenkotierte Deutschschweizer Medienhaus macht da keine Ausnahme. Und Tamedia handelt fix: 20 Minuten wurde kein halbes Jahr nach der vorgezogenen Gesamtübernahme aus seinem Oerlikoner Gärtchen ins gläserne Treibhaus an der Werdstrasse verpflanzt (siehe Kasten). Auch beim Börsenblatt Finanz und Wirtschaft (FuW) erfolgt die Integration der Backofficebereiche jetzt nur wenige Monate nach dem endgültigen Rückzug seines langjährigen Verlegers Gerhart Isler.Für ein solches Tempo spricht sicherlich die möglichst schnelle Ausnutzung der (im Vorfeld exakt evaluierten) Synergiepotenziale, dagegen der bei redaktionellen Produkten unvermeidliche «Clash of Cultures». Im Fall der FuW heisst dessen erstes Opfer Peter Bohnenblust. Der wohl amtsälteste Schweizer Chefredaktor hatte laut seinem Stellvertreter Peter Schuppli «andere Vorstellungen über den Autonomiegrad» jenes Fachtitels, den er mit Isler und Schuppli seit 1976 im Triumvirat leitete.
Kall-Berater bei Coninx juniorSchuppli zeigt Verständnis für Bohnenblusts Entscheid, schliesslich seien vom Outsourcing zentraler Dienste an Tamedia und externe Firmen zwei Drittel des ehemals 25-köpfigen Verlags betroffen. Geleitet wird dieser seit Anfang 2005 pikanterweise von Martin Coninx. Glaubt man FuW-Insidern, war auch der Sohn und Kronprinz von Verleger Hans Heinrich Coninx nicht erfreut über einen «Soloberater aus Thalwil», der im Auftrag von CEO Martin Kall die Prozesse und Protagonisten an der Hallwylerstrasse durchleuchtete. «Das hätten wir selber besser gekonnt», meint auch Schuppli.
Dass sich der 55-Jährige dennoch bereitgefunden hat, die Redaktion interimistisch zu führen und bei der Bohnenblust-Nachfolge konstruktiv mitzusuchen, erklärt er mit «publizistischem Verantwortungsgefühl» und seiner Neugier, ob Unabhängigkeitszusicherungen beim Mutterkonzern auch tatsächlich gelebt werden. Ziel ist eine Neubesetzung noch in diesem Jahr. Dazu erstellt er derzeit gemeinsam mit Uli Rubner,
Tamedias Zeitschriftenchefin, eine Namensliste. Kein Wunder würde Schuppli einer internen Lösung den Vorzug geben.
Zur Begründung des mit der Heranführung ans Mutterhaus erfolgten Bereichswechsels der FuW nennt Rubner drei Faktoren: Erstens seien die Managementressourcen im Zeitungsgeschäft durch die Expansion von Tages-Anzeiger (Stichwort «Regionalisierung») und 20 Minuten («St. Gallen und mehr») stark absorbiert, zweitens passe die Mittwoch und Samstag publizierte FuW auch auf Grund ihrer Erscheinungsweise und ihrer Fachmagazine gut ins Zeitschriftenportfolio und ausserdem verspüre sie als ehemalige Wirtschaftsjournalistin eine persönliche Affinität zu diesem Traditionsblatt.
Fusionsabsichten dementiertStrategische Überlegungen im Hinblick auf eine Bereinigung des Zeitschriftenmarkts im Allgemeinen oder eine etwaige Fusion mit dem Jean- Frey-Magazin Bilanz im Speziellen bestreitet Rubner. Ebenso vehement dementiert die Ex-Jean-Frey-Managerin, dass sie ihrem Segment konzernintern zu mehr Gewicht und Geltung verhelfen wollte. «Es war Martin Kall, der diese Zuordnung vorgeschlagen hat.»
Fürs Produkt selbst hat Rubner trotz Auflageverlusten (2004 minus 2 Prozent auf aktuell 37572 Exemplare) kaum Renovationspläne. «Trotz der Marktschwäche sind wir im Anzeigen- und im Lesermarkt überdurchschnittlich gut positioniert. Unsere Marktforschung zeigt, dass die inhaltliche Qualität der FuW sehr geschätzt wird. Deshalb besteht hier kein Handlungsbedarf. Wir planen lediglich eine leichte Modernisierung der Leserführung und ein paar Layout-Anpassungen.»
Angepasst werden sollen auch die Redaktionsreglemente – jenes der FuW wie auch die der übrigen Tamedia-Titel. Für die Wirtschaftsredaktionen von Tages-Anzeiger, SonntagsZeitung und Facts gilt seit dem so genannten «Huber-Skandal» von 1992, als den damaligen Chefredaktoren von Bilanz und FuW fragwürdige Aktiengeschäfte nachgewiesen wurden, ein striktes Schreibverbot, wenn man oder frau von einem Unternehmen selber Anteilscheine besitzt.
Die FuW hingegen hat sich nie offiziell von Gerhart Islers 1992 in einer TV-Diskussion zum Besten gegebenen Credo verabschiedet, wonach «nur wer das Börsenmetier kennt, also privat mit Aktien handelt, auch kompetent darüber berichten kann». Gemäss Rubner soll in den nächsten Wochen eine Richtlinie erarbeitet werden, die für sämtliche Konzernprodukte Gültigkeit haben soll. Diese dürfte wohl einen Kompromiss zwischen den beiden Extrempositionen darstellen.
FuW-Übergangschef Peter Schupp-li, der mit Rubner, Kall und Coninx junior in der dafür zuständigen Strategiegruppe sitzt, plädiert nämlich dafür, «den zwanghaft auf den Aktienhandel fixierten Branchenblick aufzutun» und die Diskussion auf Auto- und Reiseredaktoren sowie journalistische Verwandtschaften in Verwaltungsräten und Geschäftsführungen auszudehnen. Grundsätzlich spricht sich Schuppli gegen Reglemente «pour la galerie» und für die eigenverantwortliche Einhaltung hoher ethischer Standards aus.
Klima statt KostenAls sie vor zwei Monaten den 2. Stock des Tamedia-Hauptsitzes
bezog, wurde die 100-köpfige 20-Minuten-Crew von blau-weissen Transparenten begrüsst. Auf dem der Annabelle-Redaktion stand «Frauen können und wollen länger als 20 Minuten». Solch kollegiales Augenzwinkern gehörte zu einem Empfang, den die Neuzuzügler überwiegend als herzlich empfanden.
«Anfänglich vorhandene Ängste bezüglich Bevormundung und Reibungsverluste haben sich bislang nicht bestätigt», resümiert Peter Wälty, stellvertretender Chefredaktor, seine Erfahrungen.
Zu schaffen mache nicht das Betriebs-, sondern allenfalls das reale Klima im schlecht temperierbaren Glashaus. Auch kostenseitig sind (noch) keine Negativeffekte spürbar. Die im Vergleich zu Oerlikon etwa dreimal so hohen Quadratmeterpreise wie auch die neuen Overhead-Kosten schlagen 20 Minuten erst 2006 zu Buche. So wurde es im Übernahmevertrag vereinbart. (oc)
Gemeinsamer Kurs: Die Crews von 20 Minuten und Finanz und Wirtschaft werden sich an die Kultur von Tamedia gewöhnen müssen.
Oliver Classen

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