Eine Ohrfeige für Edipresse

Lokal-TV Bei Edipresse reibt man sich die Wangen: Léman Bleu, der zentrale Baustein in der TV-Strategie, wandte sich dem Franzosen Hersant zu.

Lokal-TV Bei Edipresse reibt man sich die Wangen: Léman Bleu, der zentrale Baustein in der TV-Strategie, wandte sich dem Franzosen Hersant zu.Pech für Tibère Adler, Generaldirektor der Edipresse-Gruppe: Der Einstieg ins Medium Lokal-TV gestaltet sich weitaus schwieriger als geplant. Ausgerechnet der Genfer Sender Léman Bleu (LB), auf den er in seiner TV-Strategie so sehr zählte, hat ihm einen gewaltigen Felsbrocken in den Weg gelegt. Dabei sah im Februar, als Adler das Engagement im TV-Bereich ankündigte, alles noch so gut aus mit LB: Die Edipresse-Gruppe, die dort seit Jahren mit zwei Prozent beteiligt ist, anerbot sich, dem serbelnden Sender etwas Gutes zu tun, indem sie ihren Anteil per Mitte Jahr auf 22 Prozent aufstocken und per 1. Mai auch die Regie übernehmen würde. Doch nun, eine Woche vor dem geplanten Start von Ecran Pub, der eben gegründeten TV-Vermarkterin von Edipresse, kommt der Korb aus Genf: Die Mehrheit des LB-Verwaltungsrates verschmäht nicht nur das Liebeswerben von Edipresse, er will dem Lausanner Konzern gar das Vorkaufsrecht entziehen und stattdessen Tibère Adlers französischen Konkurrenten Hersant sowie den Genfer Investor und Regisseur Stéphane Barbier-Müller als Grossaktionäre begrüssen.
Auch punkto Werbeverkauf erhält Edipresse eine Absage. Antoni Mayer, VR-Präsident von LB, ist daran, zusammen mit Hersant und Barbier eine eigene Regie-Organisation aufzubauen, an der die drei Partner je ein Drittel halten werden. Die Zeit drängt, denn der bisherige Vermarkter Force Promotion in Lausanne will per Ende Mai seine TV-Aktivitäten aufgeben und hat seinem TV-Verkaufspersonal bereits gekündigt.
Dreiviertelmehr erforderlichZwei Unbekannte bleiben indes: Zum einen muss der Beschluss des LB-Verwaltungsrates Ende Mai noch von der Generalversammlung abgesegnet werden. Weil auch das Vorkaufsrecht ausgeschaltet werden soll, müssen drei Viertel der Aktionäre dem Vorhaben zustimmen. Mayer ist zwar zuversichtlich, dass er diese Mehrheit zu Stande bringt (siehe Kasten), doch auch Edipresse wird nicht untätig bleiben. Christophe Rasch, seit Februar TV-Verantwortlicher von Edipresse, gibt sich denn auch gelassen und bezeichnet den Entscheid des VR bloss als «eine erste Etappe». Der Beschluss werde bestimmt mit der Unterstützung der Stadt Genf an der GV korrigiert. Auch Marcel Siegenthaler, Leiter Werbemarkt bei Edipresse, macht sich keine Sorgen. Der Beschluss stelle bloss einen Vorentscheid und keineswegs ein Desaster dar, meinte er.
Das allerletzte Wort bei grösseren Aktionariatswechseln hat zudem das Departement Leuenberger. Weil primär ein französischer Teilhaber (Familie Bianco) durch einen anderen aus dem selben Land ersetzt wird, rechnet sich Antoni Mayer aber keine Probleme aus.
Doch was führte überhaupt zu der Ohrfeige für Adler und Rasch? Mayer erklärt das so: Kurz nachdem Adler bekannt gegeben hatte, dass Edipresse seinen Anteil an LB aufstocken wolle, reichte auch Hersant eine Offerte ein. Hersant gibt in der Romandie die Zeitungen La Côte, Impartial und L’Express heraus und steht in erbittertem Konkurrenzkampf zu 24 Heures von Edipresse. Letztere reagierte auf Hersants Offerte, indem sie die eigene nachbesserte. Aus finanzieller Sicht seien am Ende beide Angebote ähnlich gut gewesen, sagt Mayer.
Den Ausschlag für Hersant hätten zwei Aspekte gegeben: Zum einen hat Edipresse geblufft. So liessen Adler und Rasch Anfang April verlauten, sie hätten mit LB eine vierjährige Exklusiv-regie unterzeichnet. Tatsächlich hatten sie bloss mit Force Promotion eine entsprechende Absichtserklärung unterschrieben, die aber ausdrücklich das Einverständnis von LB zur Bedingung machte. Diese Einwilligung stand noch aus. Zudem, so Mayer weiter, haben vor einigen Wochen zwei Personen von Edipresse die LB-Büros inspiziert und sich dabei «wie die Herren aufgespielt». Solche Affronts aus Lausanne lässt man sich in Genf nicht gerne bieten.
Entscheidend für die Wahl Hersants war aber eine Option, die LB schon lange verfolgt: «Mit Hersant können wir endlich grenzüberschreitendes TV machen», sagt Mayer. Denn Hersant ist in der näheren und weiteren Umgebung Genfs bereits an drei TV-Projekten beteiligt, so in Lyon, Grenoble und – unmittelbar vor den Toren Genfs – an TV 8 Mont Blanc. Zu Letzterem kam Hersant übrigens erst Ende 2004, ebenfalls dank Familie Bianco, die dort Anteile hielt und diese wie in Genf abstossen wollte.
Somit könnte sich LB nun in eine TV-Kette von Hersant einreihen, die vom Genfersee bis fast zum Mittelmeer reicht. Das würde LB zahlreiche Kooperationsmöglichkeiten eröffnen: den Austausch von Sendungen zum Beispiel und das Eingehen eines Werbekombis, das über die Landesgrenzen hinausreicht. Gleichzeitig bliebe LB aber als Sender, der die Weltstadt Genf abdeckt, für die mit Edipresse liierten Westschweizer Sender TVRL (Lausanne) Ici-TV (Vevey) und Canal Nord-Vaudois (Yverdon) sowie für weitere TVs ein unerlässlicher Partner im Pool Romand.
Vier statt zwei VermarkterMayer will denn auch trotz Ohrfeige an Edipresse die Brücken keineswegs abbrechen. Doch er bleibt dabei: LB soll sich neu sowohl nach Frankreich als auch zur Westschweiz hin orientieren können und sich so mehr Eigenständigkeit wahren.
Und als ob er um Verständnis für sein Fremdgehen werben wollte, sagt er: «Bedenken Sie, dass Genfs Grenze mit der übrigen Schweiz nur 6 Kilometer misst, jene mit Frankreich aber 110 Kilometer.» Zudem werde LB dank den Investitionen von Hersant und Barbier künftig weniger abhängig von den Subventionen der Stadt Genf, glaubt er. Diese hatten bisher um 270000 Franken pro Jahr betragen.
Sollten die LB-GV und das UVEK zustimmen, so wird es spannend sein zu sehen, wie sich der Lokal-TV-Markt in der Romandie weiterentwickelt. Denn dann wäre mit neuen Impulsen sowohl von Edipresse als auch von Hersant zu rechnen.
Zudem würden künftig vier statt wie bisher zwei Vermarkter bei den Werbeauftraggebern die Türen einrennen – neben Hersant und Edipresse auch Radiotele und seit kurzem die IP Multimedia. Allianzen sind deshalb wahrscheinlich. Eine erste könnte sich schon diese Woche ergeben, wenn Radiotele und Edipresse über die Lancierung eines RomandieNewsCombi, einem Pendant zum Deutschschweizer TeleNewsCombi, beraten.
Kleinaktionäre werden den Ausschlag gebenDerzeit weist Léman Bleu (LB) ein Aktienkapital von 1,8 Millionen Franken aus. Hauptaktionär ist der Kabelnetzbetreiber Naxoo (vormals Tele Genève) mit 40 Prozent, die französische Familie Bianco, seit Gründerzeiten dabei, hält 30,5 Prozent, die Stadt Genf 12,5 Prozent, Edipresse (via Tribune de Genève) 2 Prozent und diverse Kleinaktionäre besitzen insgesamt 15 Prozent. Wichtig: Die Stadt Genf ist auch an Naxoo beteiligt, und zwar zu 50,1 Prozent.
Der VR-Beschluss sieht nun für LB ein völlig neues Aktionariat vor. In einem ersten Schritt soll das Vorkaufsrecht gestrichen werden. Dann sollen Hersant und Stéphane Barbier-Müller je 15,25 Prozent der
Bianco-Anteile übernehmen und danach in einem dritten Schritt das
Aktienkapital auf rund 3 Millionen Franken aufstocken, so dass Naxoo, Barbier und Hersant je etwa 30 Prozent erhalten, während sich der Rest auf die Stadt Genf, Edipresse und die Kleinaktionäre verteilt.
Diesen Plan muss Antoni Mayer, Direktor von Naxoo und VR-Präsident von LB, Ende Mai nun an der Generalversammlung durchbringen. Die Chancen, die erforderliche Dreiviertelmehrheit zu erreichen, beurteilt er als gut, weil Naxoo, den er allein vertritt, sowie Familie Bianco den Beschluss mittragen. Macht bereits 70,5 Prozent. Für die restlichen 4,5 Prozent muss Mayer entweder einige Kleinaktionäre oder den Vertreter der Stadt Genf überzeugen. Letzterer hat aber dem Vernehmen nach im VR gegen den Plan gestimmt. «Theoretisch steht die Sache knapp», gesteht
Mayer, «aber unter den Kleinaktionären finden wir schon ein paar Freunde von Léman Bleu.» (mk)
Weko-Entscheid steht noch ausOb Edipresse sich wie vorgesehen zu 35 Prozent an Vaud TV, dem geplanten Fusionsprodukt der Waadtländer TV-Sender TVRL, Ici-TV und Canal Nord-Vaudois beteiligen darf, ist noch offen. Die Wettbewerbskommission (Weko) weiss derzeit nicht, ob sie das Vorhaben einer Untersuchung unterziehen wird. Sie hat von Edipresse aber eine Stellungnahme angefordert und diese mittlerweile erhalten, sagte der stellvertretende Direktor Patrik Ducrey. Der Hintergrund der möglichen Prüfung:
Im Jahr 2002 durfte Edipresse die Corbaz-Titel La Presse Nord-Vaudois und La Presse Riviera-Chablais nur übernehmen (und mittlerweile in 24 Heures integrieren), weil der Konzern bereit war, auf die Corbaz-Beteiligung bei Ici-TV zu verzichten. Über den Einstieg bei Vaud TV würde dieser Verzicht aber möglicherweise umgangen. Kein Problem für die Weko stellt hingegen der bevorstehende Einstieg der Edipresse in die TV-Vermarktung dar. (mk)
Austeilen, einstecken: Wer setzt sich durch im Kampf um die Poleposition im Westschweizer TV-Markt?
Markus Knöpfli

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