«Das Ende der Pandemie wird hoffentlich sehr viel Energie freisetzen»

Mit 2020 ging ein von Herausforderungen geprägtes Jahr zu Ende. Jedoch haben die Schweizer Agenturen auch Chancen genutzt, neue Traditionen erschaffen und wichtige Learnings gezogen. Im letzten Teil unserer Miniserie berichten Contexta, Notch Interactive, Publicis, Spinas Civil Voices, Thjnk Zürich und Wunderman Thompson von ihren Erkenntnissen.

teil3serie5-

Das Coronavirus hält mittlerweile seit mehr als einem Jahr die gesamte Welt in Atem und ist auch nicht an der Werbe- und Kommunikationsbranche spurlos vorbeigegangen: Nebst all den Herausforderungen, die durch Homeoffice, stornierte Werbebudgets und geschlossene Geschäfte entstanden sind, gab es jedoch auch viele Chancen und Learnings, welche die Schweizer Agenturen aus der Krise ziehen konnten. Im ersten Teil unserer Miniserie haben Equipe, Heimat Zürich, Hinderling Volkart Part of Dept, Jung von Matt Limmat, Ruf Lanz, Serviceplan Suisse und Wirz das sowohl das vergangene wie auch das aktuelle Jahr beleuchtet. Für den zweiten Teil haben Farner, Havas, Inhalt und Form, Rod und TBWA\Zürich über Herausforderungen, Chancen und Learnings der Coronakrise gesprochen.

Im letzten Teil reflektieren Contexta, Notch Interactive, Publicis, Spinas Civil Voices, Thjnk Zürich und Wunderman Thompson die Krise. Wie war das Jahr 2020 für die Agenturen? Und mit welchen Vorsätzen haben sie das Jahr 2021 angetreten?

nadineborter_contexta

Nadine Borter, Contexta

«Mit dem kreativen Nomadentum haben wir uns vor zwei Jahren in den kontrollierten Ausnahmezustand versetzt. Als kurze Zeit darauf der Lockdown ausgerufen wurde, waren wir parat: 2020 war für uns ein sehr erfolgreiches und kreatives Jahr. Ein Jahr, wo unser gemeinsamer Mindset seinen ganzen Wert offenbarte. Es zählte zu einem der besten Jahre in unserer 52-jährigen Geschichte.

Das schlechteste Jahr war es aus gesellschaftlicher Sicht. Wir können Covid-19 wenig Gutes abgewinnen. Dass der Marathon bundesrätlich zum Triathlon erklärt wird, macht die Sache auch nicht besser. Der Gut-Mensch-Anstrich blättert ab. Darunter zeigt sich die hässliche Fresse einer Pandemie. Wir erfahren alle, wie wichtig gute, verständliche und einfühlsame Kommunikation ist. Oder besser gesagt: wäre. Doch Kritik von der Seitenlinie ist hier nicht angebracht. Einzig den Medien erlauben wir uns einen Vorwurf zu machen, dass ein Mindestmass an Verantwortung gegenüber den Menschen in unserem Lande Clickbait-Headlines, wie wir sie täglich serviert bekommen, eigentlich verbieten müsste.  

2021 gehen wir unseren Weg weiter. Wir haben Spass mit tollen Kunden und machen aus jedem Projekt das Beste. Zurzeit arbeiten wir im Homeoffice und – wann notwendig – in unserem Nomaden-Büro in der Wasserkirche Zürich. Wir glauben mehr denn je, dass die besten Ideen nicht durch Ordnung, Dienst nach Vorschrift oder schicke Büros entstehen, sondern durch Bewegung, Abenteuer und freies Denken. Die letzten Monate haben uns gezeigt, dass fast alles in sehr kurzer Zeit möglich ist, wenn man zulässt, mit Konventionen zu brechen. Oder wenn man durch äussere Umstände dazu gezwungen wird.

Mitte März ziehen wir weiter. Im Moment evaluieren wir gerade eine Autowasch-Anlage und ein Fitness-Center. Wir ziehen mit unserem Büro immer dorthin, wo die Kunden unserer Kunden sind. Wo das Leben spielt. Und dieses wird zurückkommen. Es ist nur eine Frage der Zeit.»

peter_van-der-touw

Peter Van der Touw, Notch Interactive

«Das Jahr 2020 hatte für Notch gleich mehrere spannende Herausforderungen am Start:

  1. Die Integration in Publicis Zürich
  2. Die kulturelle und prozessuale Transformation in ein grösseres Setting von beiden Agenturseiten
  3. Das virtuelle Onboarden von neuen Mitarbeiter*innen während Homeoffice-Zeiten

Die Chance, mit noch mehr Spezialistinnen und Spezialisten à la «Power of One» zusammenzuarbeiten, war sehr befruchtend. Auch die Lernbereitschaft von beiden Seiten ist nach wie vor inspirierend.
Die Umstellung auf Mobile Office ist gut geglückt und hat schnell funktioniert. Natürlich haben persönliche, physische Meetings noch eine andere Qualität als das Brainstorming beim virtuellen Bier.

2021 wollen wir unsere Kunden und Neukunden tatkräftig bei der digitalen Transformation weiterhin unterstützen und unsere Services in diesem Bereich dank dem Netzwerk sogar noch ausbauen. Sei das in der Strategie und Konzeption von UI/UX Design sowie Programmierung von Plattformen und Apps, im Digital Campaigning, im Performance Campaigning inklusive Media oder im Content-Bereich und Social Media. Neu können wir unsere Auftraggeber auch im digitalen CRM und bei der Marketing Automation beraten.

An diesem Punkt auch ein Kompliment an unsere Teams, die sich extrem schnell an die neue Situation angepasst haben und sich mit voller Leidenschaft für unsere Kunden ins Zeug legen.»

matthias_koller_publicis

Matthias Koller, Publicis

«Das Jahr 2020 war für Publicis ehrlich gesagt durchzogen, mit Ups und Downs – so wie es die meisten Jahre nun mal sind. Letztes Jahr war aus uns allen bekannten Gründen vielleicht noch etwas verstärkter mit höheren Ups und tieferen Downs. Was mich allerdings freut, sind die diversen Kunden- und Projektgewinne sowie die hervorragende Zusammenarbeit mit den ehemaligen Notch-Mitarbeitenden. Die beiden Agenturen tun sich gegenseitig extrem gut. 

Die grösste Herausforderung war – das ist jetzt keine grosse Überraschung – die Coronakrise. Genauer, die damit bedingte Umstellung aufs Homeoffice sowie der fehlende physische Austausch mit den Mitarbeitenden und Kunden. Da mussten wir sehr schnell sehr viel lernen – was natürlich auch spannend war und uns weitergebracht hat. Einige Kunden haben grosse Probleme, weil ihr Kerngeschäft massiv eingeschränkt oder komplett stillgelegt wurde. Andere wiederum profitieren. Allen gemein ist, dass sie deshalb auch neue Bedürfnisse im Bereich der Kommunikation haben. 

Was wir dabei gelernt haben: Flexibilität und Anpassungsfähigkeit helfen enorm. Oft sind wir einfach zu stark in gelernten und gewohnten Mustern unterwegs, welche wir nur schwer aufbrechen oder anpassen können. Letztes Jahr wurden wir dazu gezwungen. Und siehe da: Es geht nicht nur besser als gedacht, teilweise haben uns diese Anpassungen auch weitergebracht. Sei es in der Art, wie wir zusammenarbeiten, beim Nutzen von Tools oder bei völlig neuen Denkweisen, wenn es darum geht, die Herausforderungen unserer Kunden gemeinsam anzugehen und zu lösen.

Im Jahr 2021 freuen wir uns auf ganz viel Neues. Allem voran natürlich darauf, unsere neue Ausrichtung spürbar umzusetzen. Und zwar sowohl für unsere Kunden als auch für unsere Mitarbeitenden. Ich freue mich aber auch auf viele Lacher; darauf, Challenges im Team anzupacken und auf viele kreative Ideen und Umsetzungen auf höchstem Niveau.»

susi_spinas

Susi Kammergruber, Spinas Civil Voices

«Virus. Zack. Homeoffice. So schnell ging das, als wir als eine der ersten Agenturen der Schweiz auf Homeoffice umgestellt haben. Auslöser war ein Mitarbeiter, der ein Wochenende in Mailand verbracht hatte, das sich tags darauf als Hotspot entpuppt hat. Schnell war klar, dass wir nicht nur ihn nach Hause schicken, sondern dass wir fairerweise den Ernstfall für alle proben. 

Laptops und Bildschirme wurden wie bei einem Raubüberfall aus der Agentur abtransportiert. Übrig blieben zwei fast leere Stockwerke und fünf einsame Mitarbeitende. Zwei Wochen und einen Digitalisierungsschub später dann tatsächlich der Ernstfall: schweizweiter Lockdown. Wir sind ready für die totale Ausnahmesituation. Zum Glück, denn das Telefon läutet Sturm.

Unsere Kunden sind ziemlich ausnahmslos NPOs. Die Verunsicherung war überall gross: Darf man in solchen Krisenzeiten für Spenden werben? Oder sollte man sogar? Mit viel Extra-Einsatz unserer Teams und mutigen Kunden sind von Heimbüro zu Heimbüro viele Spendenaufrufe für Corona-Nothilfe entstanden. Mut und Einsatz wurden belohnt: die Schweizer Bevölkerung hat in diesen Ausnahmezeiten die Schwächeren kräftig mit Spenden unterstützt. 

Was anfangs für alle herausfordernd war, wurde im Verlauf des Jahres zur Normalität. Artdirektoren und Texterinnen halten sich ihre Ideen auf Papier nun nicht mehr unter die Nase sondern in die Kamera. Kreative Kampagnen sind entstanden, deutlich mehr als sonst – logisch – für Online-Kanäle. Neue Strategien für digitale Spendenwerbung wurden erprobt und live geschaltet. Nach dem Digitalisierungsschub der Bevölkerung sehen wir in den Zahlen, dass Online nun ein rentabler Kanal für Spendenwerbung sein kann. Hier liegt eine grosse Chance für NPOs.

Es wäre also eigentlich alles in Ordnung. Wäre da nicht der Corona-Blues. Wir vermissen uns. Wir versuchen, mit Zoom-Sessions wie ‹Bier um vier› oder ‹Jetzt es Kafi› möglichst viele Gelegenheiten zu bieten, uns nebst der Arbeit auszutauschen. Doch wer schon den ganzen Tag vor dem Compi sitzt, mag für eine Pause lieber aufstehen, sich strecken, an die frische Luft gehen. Der anfängliche Durchhaltewillen weicht langsam einer gewissen Müdigkeit. Da geht es uns wohl allen gleich. 

Dass Homeoffice funktioniert, ist bewiesen. Und es finden eigentlich auch alle toll. Aber eben nicht für immer. Und so werden wir die totale Ausnahme von früher, dass man von zu Hause aus arbeiten kann, als neue Normalität in unseren Agentur-Alltag integrieren. Bleibt zu hoffen, dass auch alles andere bald wieder normal sein wird: zusammen Kaffe trinken, Köpfe zusammen stecken, Ideen aushecken – gemeinsam an ein- und demselben Tisch. Nicht, weil es effizienter wäre. Sondern weil es so viel mehr Spass macht.» 

Alex-Jaggy_thjnk

Alexander Jaggy, Thjnk Zürich

«2020 sind wir mit Vollbeschäftigung durch unser viertes Jahr gekommen und konnten unser Geschäft in der zweiten Jahreshälfte sogar noch ausbauen. Kampagnenproduktionen unter Einhaltung der BAG-Sicherheitsrichtlinien haben Auftraggeber, Agenturen und Filmprodukionen gleichermassen vor Herausforderungen gestellt, aber auch neue Wege für schlankere Prozesse aufgezeigt.

Dabei ist es interessant zu beobachten, welche Auswirkungen die Pandemie auf die Konsumpsychologie hat und welche Chancen sich auftun. Die Krise hat das Markenprofil einiger Kunden in einem natürlichen Prozess geschärft.

Wir haben das Homeoffice für die Zukunft standardisiert. 2021 stellen wir auf Mobilarbeit um. Alle können arbeiten, wo sie wollen. Des Weiteren sind unsere Prognosen für das laufende Jahr vorsichtig optimistisch, wie man so schön sagt. Wir haben die Zeit genutzt, um unsere Markenidentität herauszuarbeiten und unser Marktangebot anzupassen. Zudem freuen wir uns auf zwei, drei schöne Projekte, die im ersten Quartal an den Start gehen.»

Swen_Morath

Swen Morath, Wunderman Thompson

«2020 fühlte sich ein bisschen so an als hätte man links und rechts geschaut bevor man den Zebrastreifen überquert, um dann von einem Flugzeug getroffen zu werden. Das Jahr nahm eine sehr dramatische Wendung, die natürlich auch Wunderman Thompson Switzerland stark betroffen und gefordert hat. Aber im Vergleich zu anderen Branchen, wie zum Beispiel im Bereich Event oder Reisen, sind wir glimpflicher davongekommen. Dafür dürfen wir durchaus dankbar sein. 

Nachdem die Umstellung auf virtuelle Zusammenarbeit sehr schnell und zumeist reibungslos funktioniert hat, war sicher eine der grossen Herausforderungen, die Kundenbedürfnisse unter den permanent wechselnden Parametern schnell zu adaptieren und in innovativen Konzepten widerzuspiegeln. Gleichzeitig: Wenn man ins kalte Wasser geworfen wird, schwimmt man schneller. Ohne Corona hätte es noch Jahre gedauert, bis wir mit digitalen Tools wie Miro oder Teams so selbstverständlich umgegangen wären. 

In Krisen ist Kreativität ein gefragtes Gut und ein wichtiges Werkzeug, um diese zu überwinden. Es braucht neue Ideen, in allen Bereichen. Deshalb bin ich sicher, dass unsere Branche dank ihrer Kreativität jede mögliche Zukunft auch als Chance nutzen kann.

Aber – man wagt es noch gar nicht daran zu denken – mit ziemlicher Sicherheit wird das Ende der Pandemie kommen. Dieses Ende wird hoffentlich sehr viel Energie freisetzen. Anfang des letzten Jahrhunderts kamen nach einem verheerenden ersten Weltkrieg und einer noch schlimmeren Pandemie die berühmten «Roaring Twenties». Ein Boom der Kultur, der Wissenschaft und der Wirtschaft. Ich würde mir wünschen, dass wir am Anfang der neuen «wilden Zwanziger» stehen.»

(Visited 184 times, 1 visits today)

Weitere Artikel zum Thema