«Abschalten im Homeoffice ist eine Kunstform, die ich noch nicht exzellent beherrsche»

Mit 2020 ging ein von Herausforderungen geprägtes Jahr zu Ende. Jedoch haben die Schweizer Agenturen auch Chancen genutzt, neue Traditionen erschaffen und wichtige Learnings gezogen. Im zweiten Teil unserer Miniserie berichten Farner, Havas Switzerland, Inhalt und Form, Rod Kommunikation und TBWA\Zürich von ihren Erkenntnissen.

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Das Coronavirus hält mittlerweile seit mehr als einem Jahr die gesamte Welt in Atem und ist auch nicht an der Werbe- und Kommunikationsbranche spurlos vorbeigegangen: Nebst all den Herausforderungen, die durch Homeoffice, stornierte Werbebudgets und geschlossene Geschäfte entstanden sind, gab es jedoch auch viele Chancen und Learnings, welche die Schweizer Agenturen aus der Krise ziehen konnten. In einem ersten Teil der Miniserie haben Equipe, Heimat Zürich, Hinderling Volkart Part of Dept, Jung von Matt Limmat, Ruf Lanz, Serviceplan Suisse und Wirz das sowohl das vergangene wie auch das aktuelle Jahr beleuchtet.

Für den zweiten Teil hat Werbewoche.ch bei Farner, Havas, Inhalt und Form, Rod und TBWA\Zürich nachgefragt. Wie war das Jahr 2020 für die Agenturen? Und mit welchen Vorsätzen haben sie das Jahr 2021 angetreten?

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Philipp Skrabal, Partner und Chief Creative Officer, Farner

«Das Wichtigste vorweg: Meinen rund 200 Kolleginnen und Kollegen geht es gesundheitlich soweit gut. Niemand ist oder war in Kurzarbeit. Wir konnten unseren Umsatz aus dem Vorjahr halten und als Gruppe sogar wachsen.

Persönlich bin ich noch immer sehr beeindruckt, wie schnell wir den Schalter umlegen und im Homeoffice produktiv sein konnten. Mit virtuellen Apèros und Foto-Challenges haben wir im letzten Frühjahr die soziale Distanz überbrückt, uns bei Laune gehalten und Resilienz entwickelt. Der zweite Shutdown fühlt sich anders an, irgendwie normaler, nicht mehr das selbe Gefühl von Ausnahmezustand. Gleiches spüre ich auf Kundenseite. Man kennt es langsam und es nervt. Ich denke oft an die Restaurants, in die ich normalerweise über Mittag gehe, wie zum Beispiel das Bar Basso. Das tolle Team dort tut mir leid. Genauso die vielen Kulturschaffenden. Da sind wir Agenturen privilegiert. 

Ich persönlich kann der Situation auch Gutes abgewinnen. Zum Beispiel das nicht mehr Pendeln müssen. Soviel Zeit für Sport hatte ich schon lange nicht. Dummerweise ist auch der Kühlschrank näher als sonst.

Und trotzdem, wir wünschen uns alle nichts sehnlicher, als wieder gemeinsam in denselben schönen Räumen an der Löwenstrasse die Köpfe rauchen zu lassen, gemeinsam Dinge auszuhecken und dann zusammen essen zu gehen. Oder gemeinsam zu feiern. 

Das neue Jahr hat gut begonnen – auch wenn Vieles noch länger ungewiss bleiben wird. Die ersten beiden Wochen haben bereits vier neue Kunden gebracht und wir sind personell top aufgestellt. Unser Weg führt konsequent über ein breites Setup – von Werbung, Marketing-, Change- und Unternehmenskommunikation und Branding bis hin zu Public Affairs und Data & Commtech, was uns die Arbeit an hochkomplexen Aufgaben, wie zum Beispiel in der digital getrieben Transformation von Unternehmen, ermöglicht. Und wir verbinden systematisch unsere kreative Power mit unserem Data- und Technologie-Knowhow. Diese vielgepriesene Ko-Kreation zwischen Spezialist*innen auf Agentur- und Kundenseite kommt nicht von selbst. Sie muss kultiviert werden, wenn sie nicht als Schlagwort enden oder ins Mittelmass führen soll. Excellence ist Key, ganz besonders in anspruchsvollen Zeiten.»

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Patrick Beeli, Havas Switzerland

«2020 war für die ganze Branche eine grosse Herausforderung. 2021 wird nicht minder schwierig, da wir die Auswirkungen der Pandemie noch nicht erfassen können. Spannend zu beobachten ist, wie flexibel Kunden und Agenturen in diesen turbulenten und unsicheren Zeiten zusammenarbeiten, ohne dass Qualität und Tempo eingebüsst werden.

Die neuen Herausforderungen, die wir gemeinsam mit unseren Kunden zu meistern haben, stärken die Beziehung zwischen Kunde und Agentur. Diskussionen werden öfter wieder auf Augenhöhe geführt, denn wir sitzen alle im gleichen Boot.»

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Karin Estermann, Inhalt und Form

«Für Inhalt und Form war das Jahr 2020 ein sehr erfolgreiches Jahr. Wir konnten die anfängliche Unsicherheit rasch in positive kreative Energie umwandeln und mit vielen Ideen und Inputs uns und unsere Kunden durch die neue Situation führen. Ein kleines Beispiel dafür ist die «Restart Switzerland» Initiative, die wir im Lockdown rasch und erfolgreich umsetzten.

Ebenfalls gründeten wir 2020 die Mediaagentur «Iundf Media Impact» welche sich erfolgreich etablierte und wunderbar in die «Iundf Family» eingefügt hat. Im Allgemeinen wurde gerade das Zusammenspiel von Kreation und Technologie in diesem Jahr noch stärker verlangt, was unserer Ausrichtung entgegenkam.

Was uns aber am meisten Freude bereitete sind unsere Mitarbeiter, auf die wir uns auch in dieser Zeit immer voll und ganz verlassen konnten. Ein ganz herzliches Dankeschön an dieser Stelle an unsere Family. Auch schön war, dass es Nachwuchs gab – zwei neue Agentur-Babys kamen 2020 zur Welt.

2020 war für uns ein sehr menschliches Jahr – trotz Social Distancing spürten wir bei Inhalt und Form einen grossen Zusammenhalt. Die grössten Challenges waren für uns, den Agentur-Spirit ins Digitale zu übertragen. Unsere «Prosecco Fridays» fehlen den Mitarbeitern. Neue Formen von Teambuilding waren gefragt. Zudem ist das neue Arbeiten aus dem Home-Office nicht für Jede und Jeden das passende Arbeitsmodell, daher ist es umso wichtiger, jeden Mitarbeiter einzeln abzuholen. Und natürlich musste auch die Planung auf Kunden-Projekten flexibler gestaltet werden.

Aber wir befinden uns immer noch in einer sehr privilegierten Branche. Insgesamt gibt es unendlich viele neue Chancen für uns. Der Online-Konsum wird weiter ausgedehnt werden, daher wird es viel mehr digitale, personalisierte Kampagnen geben, die den Kunden individuell ansprechen und ihm dadurch einem echten Mehrwert geben.

Bei uns selbst haben wir erkannt, dass der Mensch als Wesen sehr anpassungsfähig ist und wir flexibler sind, als wir dachten. Pitchen aus dem Homeoffice ist nun normal, was zuvor kaum vorstellbar war. Locker bleiben und keine Angst haben, muss weiterhin das Motto bleiben. Noch mehr miteinander reden, noch mehr das «Social Life» fördern – trotz Social Distancing. Noch mehr Lachen zusammen, auch wenn es nur durch die Webcam ist. Den Agentur-Alltag und Stress auch im Homeoffice nicht alleine, sondern zusammen bewältigen.

Weiter gilt fürs 2021, dass der Lockdown uns alle offener gegenüber digitalen Interaktionen hat werden lassen. Das Konsumverhalten wird sich noch mehr online verlagern. Der Konsument überlegt sich in Zukunft noch viel exakter, was er wirklich braucht. Daher muss die persönliche Relevanz eines Produktes oder einer Marke für den Kunden klar ersichtlich sein. Es ist unser Job, dies so individuell und kreativ zu bewerben, dass das Produkt den Käufer erreicht.»

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Regula Bührer Fecker, Rod Kommunikation

«2020 ist für Rod im Eiltempo vergangen. Das Grundgefühl war, dass wir alle näher zueinander gerückt sind. Die Corona-Kampagne im Auftrag des BAG hat unser ganzes Team sehr beschäftigt – an allen Tagen und zu fast allen Zeiten. Die konstruktive Zusammenarbeit mit dem BAG und die Dringlichkeit der Aufgabe haben die Aufwendungen aber immer wieder wett gemacht. Es galt für uns Woche für Woche zu antizipieren, wie sich die Meinungen in der Schweiz entwickeln und wo wir kommunikativ helfen können. Kommunikation wurde 2020 systemrelevant. Das zu spüren, gab uns Sinnhaftigkeit.  

Wir hatten, ehrlichgesagt, einfach so viel zu tun, dass wir uns gar nicht so eingehend mit der Krise beschäftigen mussten. Dass das ein Privileg ist, das ist uns allen bei Rod mehr als bewusst. Ab März 2020 waren wir alle im Homeoffice und haben einfach weitergearbeitet. Und weil so viel zu tun war, pendelte sich das schnell ein. Persönlich finde ich es eine Herausforderung, Arbeit und Zuhause zu trennen, weil alles verschmilzt. Abschalten zu können, das ist sicher eine Kunstform im Homeoffice, die ich noch nicht exzellent beherrsche. Wobei mich meine Kinder hier sehr schnell korrigieren, wenn ich mental mit einem Bein im Büro bin.   

Die grösste Chance aus der Krise empfand ich darin, dass die Zusammenarbeit mit den Kunden und dem Team auf eine sehr neue, ehrlichere und direktere Basis gestellt wurde. Im Call muss man sehr präsent und aktiv sein, um keine Missverständnisse zu haben. Dass Tools der Zusammenarbeit schneller eingeführt und aktiver genutzt wurden. Ich fand es schön, hier gemeinsam besser zu werden.  

In den vergangenen Monaten haben die Schweizer Medien einen super Job gemacht, Rekordzahlen erreicht. Dennoch litten viele unter dem Abfluss der Werbemittel. Die Schweizer Werbeauftraggeber und -agenturen sind auf starke Medien in unserem Land angewiesen. Ich würde mir wünschen, dass sich Auftraggeber dieser Abhängigkeiten wieder bewusst werden, und nicht den Grossteil der Gelder ins Silicon Valley verschieben. Ich bin sonst nicht so protektionistisch oder patriotisch – aber was die Medien angeht, da müssten wir mehr Acht geben, Werte zu erhalten.   

Im neuen Jahr beschäftigt uns die Impfkampagne des BAG sehr intensiv. Sie muss laufend auf die neuen Situationen angepasst werden. Ich hoffe persönlich, dass die Impfbereitschaft in der Bevölkerung weiter wachsen wird, und dass wir kommunikativ zum Impfentscheid beitragen können. Daneben arbeiten wir an weiteren spannenden Projekten wie der Relaunch-Kampagne von Annabelle, auf die ich mich selber wahnsinnig freue. Zusätzlich entwickeln wir zusammen mit Helvetas eine neue Kommunikationsstrategie und -umsetzung. Es läuft also einiges – aber wir freuen uns natürlich auch über weitere Anfragen.»

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Matthias Kiess, TBWA\Zürich

«Trotz aller Widrigkeiten hat das Jahr 2020 bei uns in der Agentur viele positive Spuren hinterlassen. Wir wurden alle in einen unerwarteten Lernprozess katapultiert, welcher sich mannigfaltig geäussert hat. Im Vordergrund standen sicherlich die neuen «Ways of Working», die sich sehr schnell manifestiert und etabliert hatten. Aus heutiger Sicht sehe ich das sehr positiv. Das Jahr hat uns zusammengeschweisst und zahlreiche Erfolge, vor allem zum Jahresende, haben dazu beigetragen, dass wir mit viel Positivität ins neue Jahr gestartet sind.

Auch wenn das Jahr gut geendet hat, so hatten auch wir unsere Herausforderungen zu meistern. Umgehende Digitalisierung der Arbeitsformen und der Zusammenarbeit, konsequenter Schutz von Mitarbeitenden, Kunden und Partnern, Aufrechterhalten aller Funktionalitäten und die Sicherung des Geschäftes, um den Arbeitsplatzerhalt zu gewährleisten. Dazu kam, dass wir als Teil einer globalen Struktur viele Stakeholder haben, die sich zwar in guter Absicht involvieren, aber auch nochmals zusätzlich Arbeit machen.

Nebst den behördlichen Vorgaben war sicherlich der Wechsel in den Modus «Working from Anywhere» die einschneidendste Veränderung, die uns getroffen hat – ganz im Positiven. Dennoch glaube ich, dass die Homeoffice-Fatigue doch langsam um sich zu greifen beginnt. Die soziale Interaktion, die weit über geplante Termine hinausgeht, fehlt, und die Stärkung von Kultur und Zusammenhalt fällt zunehmend schwerer. Online-Apéros können beim besten Willen das gemeinsame, physische Feiern nicht einfach ersetzen. 

Zum Glück ist die Wirtschaft nicht komplett zum Erliegen gekommen und die meisten unserer Kunden sind in Wirtschaftszweigen tätig, die vielleicht nicht ganz so stark unter die Räder gekommen sind, wie dies bei anderen Marktteilnehmern der Fall war. Gewisse Bereiche haben eine so grosse Dynamik bekommen, so dass sie gar neue Potenziale aufschlossen. Das Konsumentenverhalten hat sich nachhaltig verändert, was sich zum Beispiel auf E-Commerce, Audio als Kanal, Convenience Services, VR/AR oder E-Sports ausgewirkt hat, woraus sich auch für Agenturen neue Chancen ergeben, in neue Geschäftsfelder vorzudringen.

Zugleich suchen Konsumenten aber auch Orientierung, welche ihnen starke Marken, die im Zeitgeist operieren, geben können. Werthaltigkeit und ein noch bewussterer Lebensstil verändern die Bedürfnisse und beschleunigen Veränderungen im Markt.

So muss der Mut zum Wandel gar nicht lange gesucht werden, sondern es gibt gar keine Alternative zur Veränderung. Und diese haben wir weitgehend positiv erlebt. Das dezentrale Arbeiten ist unkompliziert und bringt viel Effizienz. Auch das Hinterfragen des eigenen Businessmodells wurde zusehends zum Erfolgskriterium und hat neues Momentum induziert, welches für uns neue Opportunitäten schafft.

Sobald der Corona-Wahnsinn irgendein Ende hat und wir uns an einer neuen Realität orientieren und normieren können, wird es nochmals ein befreienden Ruck geben, welcher die einen oder anderen beflügeln wird. Wir alle werden ein neues Kapitel aufschlagen, in welchem neues Denken und Handeln gefragt ist. Wer dies erkennt, wird auch davon profitieren.»

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