Einige Radios profitierten von nicht existenten Hörern

2014 war für die Radioforschung ein Problemjahr: Weil immer mehr Sendergruppen auf mehreren Kanälen stundenlang ein identisches Programm ausstrahlen (= Simulcasting), war das Radio-Messsystem von Mediapulse überfordert und publizierte teils zu hohe Reichweiten. Nun ist der Fehler behoben. Sein Ausmass lässt sich aufgrund der neuesten Zahlen erahnen.

Im letzten Herbst warf das Thema Simulcasting plötzlich hohe Wellen: Mitte September schlugen die Radios Basilisk und Bern1 öffentlich Alarm und warfen Mediapulse «Trägheit» und «Vertuschung» vor. Auch politisch machten sie Druck gegen die Forschungsstiftung: Es kam zu einer parlamentarischen Anfrage an Medienministerin Doris Leuthard. Doch worum ging es? Wenn zwei oder mehr Sender gleichzeitig dasselbe Programm ausstrahlen – ein Phänomen, das Simulcasting genannt wird – muss das Messsystem von Mediapulse die gemessene Nutzung dem richtigen Sender zuordnen. Simulcasting kam schon bisher häufig vor und war für kurze Sequenzen (Nachrichten, Musikstück) auch kein Problem – Mediapulse führte 2013 gar eine Überprüfung durch. Gröbere Differenzen erkannte die Forschungsstiftung erst Anfang 2014, nachdem sie von Lokalradios wiederholt darauf aufmerksam gemacht worden war. Der Anlass: Primär die Ringier- Radios Energy Zürich und Energy Bern hatten ihr Simulcasting ab ca. 2012 mehr und mehr ausgedehnt, ab März 2014 wurde auch Energy Basel einbezogen. Anfangs geschah dies nur ab und zu, dann während zweier Stunden täglich und seit 2014 gar während vier und mehr Stunden pro Tag. Aber auch die Radios von SRF und RTS sowie die Westschweizer Sender RFJ, RJB und RTN von Pierre Steulet (Groupe BNJ) verbreiten öfters längere Programmteile synchron. Die Folge: Den Sendergruppen mit ausgedehntem Simulcasting wurden von Mediapulse mehr Hörer ausgewiesen als sie effektiv hatten.

System «erfindet» zusätzliche Hörer

Um dies zu verstehen, muss man die Funktionsweise der Radiomessung bei Mediapulse kennen. Diese erfolgt mit der Mediawatch und basiert auf Audio- matching. Dabei nimmt die Armbanduhr mittels integriertem Mikrofon die Geräusche in der Umgebung des Probanden auf und codiert sie. Mediapulse vergleicht diese Daten später mit etwa 150 in- und ausländischen Radiosendern, deren Programme sie ebenfalls aufgenommen und codiert hat. Stimmen die Codes auf der Mediawatch zeitgleich mit dem Code eines Programms überein, steht fest, dass der Proband diesen Sender während der besagten Zeit gehört hatte.

Bei Simulcasting weisen nun aber mindestens zwei Sender gleichzeitig denselben Code auf. Welchem ist der Proband als Hörer zuzuordnen? Bei kurzen Sequenzen ist das relativ einfach, weil vorher oder nachher eindeutige Hinweise (etwa Trailer, Anmoderation etc.) die richtige Zuordnung ermöglichen. Doch wenn mehrere Radios stundenlang ein absolut identisches Programm ausstrahlen, enthält selbst eine längere Hörsequenz keinen eindeutigen Hinweis auf den eingestellten Sender. Hört nun der Proband in dieser Zeit den Sender mit Unterbrüchen – etwa weil er den Raum ab und zu verlässt – muss das System hintereinander die richtige Zuordnung finden, dies aber ohne klare Hinweise auf den Sender. Dabei geschah Folgendes: Obwohl beispielsweise Energy Zürich eingeschaltet war, ordnete das System denselben Hörer zwischendurch auch den gleichklingenden Energy Bern und Energy Basel. Die Sender in Bern und in Basel kamen so ganz unverdient zu je einem Hörer und damit zu einer höheren Reichweite – und die ganze Energy-Gruppe zu insgesamt drei Hörern, zwei mehr als in Wirklichkeit. Wobei diese wegen der Hochrechnung natürlich je mehrere Tausend Hörer repräsentieren. Umgekehrt verhielt es sich übrigens nicht ganz gleich: Energy Zürich profitierte von den Schwestersendern in Bern und Basel weniger, denn das Messsystem bevorteilt eher den kleineren Sender auf Kosten des grösseren.

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Eine Lösung ist gefunden

Doch nicht alle «Mehrfach»-Hörer bei Simulcasting- Sendern müssen falsch sein. Wenn beispielsweise ein Autofahrer von Zürich nach Bern fährt, zu Beginn Energy Zürich hört und später auf das gleichklingende Energy Bern umschaltet, muss folgerichtig beiden Sendern ein Hörer zugeordnet werden. Das Problem von Mediapulse besteht nun darin, plausible Mehrfachhörer von unplausiblen zu unterscheiden. Dafür haben nun Mediapulse und die Radiobranche das Messsystem so optimiert, dass die Daten des 2. Semesters 2014 rückwirkend einigermassen korrigiert werden konnten und vor allem in Zukunft ähnliche Fehler vermieden werden können – selbst wenn das Simulcasting noch zunehmen sollte. Die Lösung funktioniert wie folgt: Mediapulse gleicht zunächst die Codes aller 150 aufgenommenen Sender gegenseitig ab, um festzustellen, wann welche Sender Simulcasting betrieben haben. Damit die Hörer dann dem richtigen Sender zugeordnet werden können, greift das System neu «auf zusätzliche Plausibilisierungen und frühere Nutzungssequenzen des Hörers zurück».

Allerdings konnten nur die Zahlen der Energy- Radios und der Steulet-Sender rückwirkend korrigiert werden, jene der SRF- und RTS-Sender aus technischen Gründen nicht. Deshalb wurden die RTS- und SRF-Sender in der Semesterpublikation 2014-2 nicht einzeln, sondern bloss als Gruppe ausgewiesen. In der Gruppe hebt sich der Simulcasting- Effekt auf. Ab der Publikation 2015-1 werden die SRF- und RTS-Sender aber wieder einzeln ausgewiesen.

Bis 15 Prozent zu viele Hörer pro Sender

Eine Frage jedoch bleibt: Wie stark haben sich die Falschzuweisungen in der Semesterpublikation 2014-1 (und früher) ausgewirkt. Die Meinungen gehen auseinander. Mediapulse nannte im letzten Sommer ein Beispiel, bei dem die Energy-Sender im 1. Semester 2014 dank Simulcasting insgesamt 13 000 zusätzliche Hörer oder 12% mehr Reichweite «gewannen». Die Radios Basilisk und Bern1 sprachen dagegen im September 2014 von zeitweise 50 000 bis 100 000 Doppel- oder Dreifach-Hörern. Diese hätten Energy im Werbemarkt einen unverdienten Vorteil verschafft, kritisierten sie. Eine Annäherung aufgrund der Semesterzahlen 2013-1 bis 2014-2 ergibt eher einen Mittelwert und dürfte zudem das Ausmass für Energy Bern und Basel und deren direkte Konkurrenten andeuten. Das Vorgehen (siehe Grafiken): Zunächst wird der Reichweitenverlauf aller Sender aufgrund der offiziellen Zahlen als Kurve gezeichnet, inklusive Reichweiten 2014-1, die bei den Energy-Radios am deutlichsten zu hoch ausgefallen sind (frühere Fehler bei Energy Bern ignorieren wir einfachheitshalber). Verbindet man nun in der Kurve jeweils die Werte von 2013-2 und 2014-2 direkt (ohne 2014-1), deutet dies den wohl tiefstmöglichen Reichweitenverlauf ohne Simulcasting- Effekt an. Daraus lässt sich ableiten, dass das Simulcasting den Sendern Energy Basel und Bern im ersten Semester 2014 täglich 11% bzw. 14% zusätzliche Reichweite und damit einen signifikanten Zuwachs von insgesamt 26 800 Hörern bescherte. Zu beachten ist allerdings, dass bei dieser Betrachtungsweise andere Faktoren wie Programmgestaltung oder Hörerverhalten, die die Reichweitenentwicklung ebenfalls beeinflussen, ausgeblendet sind: Der Simulcasting- Effekt dürfte somit eher geringer sein. Aber genaue Angaben sind nicht möglich.

Die Branche atmet auf

Doch egal, wie stark der Simulcasting-Effekt auch immer war – was sagen die Radios, allen voran die Energy-Konkurrenten Bern1 und Basilisk, zur Lösung? «Ich bin mit dem jetzigen Stand der Dinge zufrieden und guten Mutes, dass wir hier keine Überraschungen erleben werden», schreibt etwa Peter Scheurer, Geschäftsleiter von Radio Bern1. Die Fehler seien lokalisiert und mit neuen Filterregeln abgefangen. «Die Hörerzahlenkorrekturen, wie sie beispielsweise bei den Energy-Sendern erfolgten, machen Sinn. Ungewöhnliche Effekte, wie übertrieben hohe Stundenreichweiten während Simulcastingphasen sind nicht mehr zu erkennen.» Ähnlich sieht es auch Matthias Hagemann, Eigentümer von Radio Basilisk, der jedoch das Verhalten von Mediapulse kritisiert. Diese habe lange nicht wirklich zur Klärung der Angelegenheit beigetragen. Erst mit dem Wechsel im Präsidium von Verwaltungsrat und Stiftungsrat zu Franziska von Weissenfluh habe sich dies geändert.

Auch der Privatradioverband VSP und die SRG stimmen der gefundenen Lösung zu. Wichtig sei, dass das Vertrauen in die Radiowährung gewahrt bleibe, heisst es unisono. Dieser Einschätzung schloss sich auch die Interessengemeinschaft Elektronische Medien (IGEM) an.

Markus Knöpfli

«Nobody is perfect»: Auch andere Forschungssysteme haben Mängel

Die Radioforschung von Mediapulse ist nicht das einzige Medienforschungssystem, das (vorübergehend) fehlerhaft ist. Das bekannteste Beispiel für einen Messfehler lieferte vor zwei Jahren das neue TV-Messsystem von Mediapulse: Auch dort kam es anfänglich zu Zuordnungspannen, was zu juristischem Hickhack und einer gut halbjährigen Datenblockade führte. Dabei blieb es aber nicht: Die medienwissenschaftliche Kommission, die das Panel regelmässig überprüft, fand im April 2014 einige weitere «nicht tolerierbare» Mängel, die mittlerweile aber «entscheidend» verbessert wurden. Doch kürzlich tauchte ein weiterer kleiner, aber peinlicher Fehler auf: Kantar Media, der Betreiber des TV-Panels, hatte Ende Januar 2015 «eine Fehleinstellung entdeckt»: Das Panel, das die TV-Nutzung von Personen ab 3 Jahren misst, habe zwar vollständig gemessen, doch die Daten der 3-jährigen TV-Zuschauer nie in die Auswertung eingespeist. Gemäss Mediapulse gingen so «auf den gesamten TV-Konsum rund 0.3% Nutzung verloren». Seit dem 30. Januar 2015 sei der Fehler behoben. Bis vor Kurzem kämpfte auch die Internetforscherin NET-Metrix, eine Tochterfirma von WEMF und Mediapulse, mit Problemen: Die Daten für Januar 2015 konnte sie erst am 5. März publizieren – wegen «Defekten an der für die Berechnung der Unique-Client-Werte zuständigen Hardware», wie es unter dem Titel «Nobody is perfect» auf der NET-Metrix-Website hiess. Ein viertes Forschungsprojekt, das aktuell zu kämpfen hat, ist die Plakatforschung SPR+. Reichweitendaten zu städtischen Plakatstellen sind zwar wie bisher erhältlich, doch die angekündigte Ausweitung auf die ländlichen Plakatstellen und Einwohner (SPR+ Mob Nat) hinkt schon über ein Jahr dem Zeitplan hinterher. Grund: Das Überprüfen der riesigen Datenmengen im einstelligen Terabyte-Bereich ist aufwendiger als angenommen. Nach Verschiebungen auf Herbst 2014 und dann auf Dezember 2014 rechnet nun SPR+-Geschäftsleiter Felix Mende damit, dass die Validierungsphase «spätestens im Laufe des 2. Quartals 2015 abgeschlossen werden kann». Nicht immer werden Mängel behoben. So sind etwa Doppelzählungen bei der Auflagenbeglaubigung der WEMF bewusst Teil des Systems: Das Reglement ermöglicht es den Verlagen, E-Paper-Abos, die zu einem bezahlten Printabo gehören, als Gratis-E-Paper ausweisen zu lassen, sofern die E-Paper regelmässig benutzt werden. Das führt dazu, dass dasselbe Abo doppelt in die verbreitete Auflage einfliesst und Letztere somit überhöht wird (vgl. Werbewoche 19/24.10.2014, S. 47). Eine Umfrage der Werbewoche bei 40 Zeitungstiteln mit ausgewiesenen Gratis- E‑Papern zeigt: Einige Zeitungen machen von der Möglichkeit, die verbreitete Auflage aufzupeppen, aktiv Gebrauch, doch es herrscht keine Transparenz: Die meisten gaben dazu keine Auskunft.
 

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