Schrauben und managen

Gogo Gärtner hat in weniger als zehn Jahren aus ihrer Ein-Frau-Firma ein Unternehmen mit über zehn Mitarbeitenden entwickelt. Nolina ist auf Werbetechnik spezialisiert und arbeitet für das WEF ebenso wie für die SBB, die Uhrenmessen in Basel und Genf oder die verschiedensten Werbeagenturen.

Es war ein Rennen mit der Zeit. Viele meinten, ein solcher Umbau sei in einer Nacht gar nicht zu schaffen. Das war vor zwei Jahren am WEF in Davos. Gogo Gärtner und ihr Partner hatten den Job angenommen, den Pool-Raum im Grandhotel Belvédère innert weniger Stunden in einen festlich gestylten Party-Raum zu verzaubern. «Die Schwierigkeiten fangen schon bei der Zufahrt an. Wenn die Leute von der Security meinen, wir dürfen mit unserem Sattelschlepper nicht durch, dann kommt man einfach nicht durch. Oder die Eingänge sind plötzlich mit Autos von anderen Lieferanten verstopft. » Aber Gogo Gärtner wusste: «Wenn wir es nicht schaffen, sind wir nie mehr in Davos. Wenn wir es schaffen, dann sind wir drin!» In einer solchen Situation wurde selbst Gogo Gärtner und ihr Partner René Kaufmann nervös. «Aber wir waren ein super Team. Wir wurden auf die Sekunden fertig. Die Gäste sind schon vor der Türe gestanden, als wir die letzten Scheinwerfer gerichtet haben.»

Drei 17 Meter lange Wände mit vier verschiedenfarbigen Stoffen übereinander mussten gespannt und mit einem ausgeklügelten System von LED-Leuchten illuminiert werden. Der Rest von Pool- Raum wurde mit einem Abrieb versehenen Wänden ausgekleidet. «Die Lichtwirkung, die Höhe, die Stabilität und die Arbeitsabläufe: Alles musste genau passen. Die Vorbereitung musste absolut perfekt sein. Wir haben deshalb den gesamten Umbau in unserem Lager geprobt. Bei einer solch kurzen Aufbauzeit bleiben keine zwei Minuten, um etwas noch einmal ausprobieren oder überdenken zu können. Es darf keine Überraschungen geben. Was sonst bei jedem Event der Fall ist.»

Nach dem Erfolgserlebnis vor zwei Jahren waren Gogo Gärtner und ihr Team auch heuer wieder am WEF mit dabei. Nolina hat viele Beschriftungen geliefert. Auch für die Eröffnung der Durchmesserlinie im letzten Sommer hat Nolina einen grossen Teil der Dekoration für das Einweihungsfest des Zürcher Bahnhofs liefern dürfen. Dazu sind wichtige Elemente für die Beschriftung und Signaletik gekommen. Die überdimensionale Schrift «Danke» prangt inzwischen im Atelier von Nolina in Rickenbach bei Winterthur.

Wir machen das Unmögliche möglich

In nur neun Jahren ist Nolina von einer Ein-Frau- Firma zu einem Unternehmen mit über zehn Mitarbeitenden angewachsen. Die Firma hat sich auf Artikel und Dekorationen für Werbung, Events, Jubiläen oder Messen spezialisiert. Zum Angebot zählen auch Klebefolien für Autos oder Lokomotiven. Mit mehreren hoch technisierten Druckmaschinen kann alles vom T-Shirt bis zur riesigen Werbetafel bedruckt werden.

Zu den Kunden von Nolina zählen Event- und Werbeagenturen. Seit Jahren zum Beispiel Rufener Events. Bei solchen Aufträgen sowie auch den regelmässigen Jobs für die Uhrenmessen in Genf und Basel sind dabei die Vorgaben klar und Nolina arbeitet genau nach Plan. In Basel wird Nolina gerne auch als «die Expressmenschen» dazu geholt, wenn unermüdliche Kreative plötzlich noch einmal einen Einfall in letzter Minute haben. «Bei anderen Aufträgen können wir selber kreativ gestalten. Wir haben bei uns im Team alle dazu nötigen Spezialistinnen und Spezialisten», erklärt Gogo Gärtner. Die Gründerin und immer noch im Daily Business aktive Chefin von Nolina hat Schriftenmalerin gelernt. Heute nennt sich das «Gestalter Werbetechnik ». 15 Jahre hat die junge Frau im Aargau «mit Begeisterung» auf dem Beruf gearbeitet. Für eine kurze Zeit liess sich Gogo Gärtner auch bei der Dekorationsabteilung von IKEA anstellen. «Das war mir aber zu wenig kreativ. Es gab zu viele Vorgaben.» Später ist die Schriftenmalerin «nicht geplant» von ihrem gelernten Beruf weggekommen und in die Kosmetikbranche gerutscht. Zu Beginn hat es ihr Spass gemacht, «am Menschen» arbeiten zu dürfen. Später landete sie im Verkauf. Schliesslich wurde sie Leiterin einer Grosshandelsfirma. «Das mit dem Handel hat sich ergeben, so ist das manchmal im Leben», blickt sie heute auf diesen erfolgreichen Aufbau eines wichtigen Marktplayers zurück. Aber mit ihrer ständig wachsenden Verantwortung für Umsatz und Mitarbeitende hatte sie an der Spitze einer ganzen Firma irgendwann nur noch Zahlen im Kopf. «Das hat nicht mehr gepasst.»

Gogo Gärtner fand es eine kecke Idee, mit 40 den Schritt noch einmal zu wagen, und eröffnete ein eigenes Atelier für Schriftenmalerei. «Bei diesen   Arbeiten merkte ich bald: Ich habe das Richtige gelernt. Werbetechnik zu gestalten ist immer noch ein Traumberuf für mich.» Das war vor neun Jahren. Ihr Atelier musste auf 60 Quadratmeter Platz finden. Die eben ausgestiegene Handelsfrau wollte das Risiko dosiert halten. «Nach zehn Jahren war ich ja weg vom Fenster. Ein Nullbeginn. Man hat auch viel von der Technologie verpasst. In meinen Anfängen habe ich noch von Hand geschnitten und gezeichnet. Heute gibt es für alles Maschinen. Ich musste viel aufholen.» Nach drei Monaten wusste sie aber: «Ich bin wieder am richtigen Ort.» Zwar hätte sie jederzeit wieder zurück in den Handel gehen können. «Das gab mir die nötige Sicherheit. Trotzdem habe ich dann noch in der Aufbauphase des neuen Ateliers meine Anteile am Handel verkauft.»

Müli-Scheune wird zur Kreativfabrik

Nach einem Jahr ist die erste Lehrtochter dazugekommen. Nach vier Jahren zählte das Unternehmen mit dem Fantasienamen «Nolina» drei Leute. Mit einem «gesunden Wachstum» ist das Atelier vor drei Jahren so gross geworden, dass Nolina sich einen neuen Standort suchen musste. Seit November 2014 wirkt das bunt zusammengewürfelte Team in der alten Mühle in Rickenbach bei Winterthur. Mit dieser stilvoll ausgehöhlten und neu wieder mit Leben und Maschinen aus dem Bereich Grafik gefüllten Mühle ist ein weiteres Wachstum auf natürliche Weise beschränkt. Mit mehr Angestellten würde es Gogo Gärtner aber auch nicht mehr so viel Spass machen wie in der aktuell idealen Konstellation. «Ebenso die Philosophie des Unternehmens kann ich nicht mehr pflegen, wenn es massiv grösser wird. Ab einer gewissen Grösse wäre ich wieder nur bei den Zahlen wie damals in der Kosmetik. Ich will noch selber mitschrauben können.»

Das hat Gogo Gärtner ausgiebig ebenfalls beim Umbau ihres Ateliers ausleben können. Jahrzehntelang stand die Scheune der alten Müli in Rickenbach leer und zerfiel. Die Unternehmerin hat dem 200 Jahre alten Gebäude neues Leben eingehaucht und es zum Geschäftssitz ihrer Nolina applica gemacht. Geholfen beim Planen und Umsetzen hat auch Gogos Partner. Dieser ist in einem verwandten Gebiet tätig und führt seine eigene Firma für Kulissenbau. Neben Dekorationsbauten am POS oder bei Events arbeitet das Unternehmen regelmässig auch für Grossanlässe wie die Uhrenmesse SIHH in Genf. Eines der viel beachteten Projekte dort war vor drei Jahren der gigantische Flugzeugträger für die Luxusmarke IWC. Sechs Sattelschlepper Material wurden bei diesem Einsatz «verbaut». Nach fünf Tagen war die ganze Illusion wieder vorbei.

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Synergien mit dem Partner

Solche Aufträge ihres Partners generieren immer wieder Synergien auch für Gogo Gärtner. Beim Flugzeugträger in Genf hat Nolina viele der grafischen Arbeiten geliefert. Auch beim WEF in Davos oder bei der Uhrenmesse in Basel ziehen die beiden Unternehmen regelmässig zusammen an einem Strick. Trotzdem wollen die beiden Lebenspartner ihre Lebenswerke nicht fusionieren. «Es ist viel spannender, wenn beide ihre eigene Verantwortung tragen. Aber gemeinsame Projekte finde ich voll stark», verrät Gogo Gärtner. Und sie erwähnt wie nebenbei, dass ihr Pensum im Job normalerweise 70 bis 90 Stunden pro Woche ausfüllen kann. «Das passt mir und verleiht mir Freude und Energie.» Die elf weiteren Angestellten bei Nolina sind alles Werbetechniker. Vier davon Lehrlinge. «Wir sind ein bisschen die Auffangstelle für gestrandete Lehrlinge. Schon fünf haben wir übernommen und bei allen ist es gut gekommen», freut sich die Chefin. «Ich bilde gerne Leute aus. Das war schon bei meinem Abstecher in die Kosmetik so, wo ich mich auch noch auf Erwachsenenbildung spezialisiert habe. Ich will das Gelernte weitergeben.»
 
Andreas Panzeri

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