Der Wegbereiter

Andreas Waldis soll bei Ringier als Projektleiter «Neue Medien» bereichs- und länderübergreifend neue Geschäftsmodelle erkennen.

Andreas Waldis soll bei Ringier als Projektleiter «Neue Medien» bereichs- und länderübergreifend neue Geschäftsmodelle erkennen.
In die Zukunft schauen, mit einem
möglichst treffsicheren Filter, ist fast unmöglich. Was ist in fünf
Jahren wirklich erfolgreich? Wo schlummert ein Geschäftsmodell, das
nicht nur eine tolle Idee verspricht, sondern auch ein Return on
Invest? Antworten auf solche Fragen sucht beim Verlagshaus Ringier ein
neu
gegründeter Ausschuss «Neue Medien».

Projektleiter seit diesem Frühling
ist Andreas Waldis, der frühere Leiter Marketing & Sales von
Ringier-TV. Der nebenamtliche Bassist der Soul-Band «Captain Funk and
the Starships» dürfte damit einen Traumjob im weitgehend noch
unentdeckten Universum der Neuen Medien gefunden haben.

Bereits einen Drittel seines Umsatzes erwirtschaftet Ringier im
Ausland. Vielschichtig interessant in diesen Märkten ist, dass die
Entwicklungen zeitverschoben ablaufen.  Ideen, die hier schon
lange einen gesättigten Markt vorfinden, haben in anderen Ländern noch
Potenzial. «In vielen Oststaaten könnte man noch einen Printtitel
lancieren. Aber weil alles so schnell geht, muss man sich gleichzeitig
auch im neuen Medienbereich bewegen», weiss Waldis. 

Es gibt sehr viele Ideen in einem kreativen Haus wie Ringier. Der
Projektleiter Neue Medien soll nun diese erkennen und für die
Realisation die richtigen Leute zusammenbringen. Diese Funktion des
Vermittlers ist mit ein Grund, wieso Waldis bei den Corporate
Communications angesiedelt ist.

Anfangen wollte er eigentlich als Jurist. Nach zwei Jahren war für ihn
aber der Reiz dieses Studiums vorbei. Mehr faszinierte ihn die Werbung.
Bei diversen kleinen und mittleren Agenturen in Zürich durfte er «von
der Pike auf» lernen, machte beim Sawi den Werbeassistenten und
schliesslich berufsbegleitend noch den eidg. dipl. Werbeleiter. Bei
Burkard & Partner endete seine Karriere auf Agenturseite 1998 im
Rang eines stellvertretenden Geschäftsführers. In diesem
Fünf-Mann-Betrieb habe er «fast alles gemacht und sehr viel gelernt».
Das Vertrauensverhältnis zu den Kunden hat dazu geführt, dass der
Werber immer mehr auch «fast Unternehmensberatung» machen konnte.
Waldis entdeckte sein «Interesse am Strategischen».

Noch direkter ausleben konnte er dieses Vorausdenken natürlich auf
Kundenseite. Es folgten vier Jahre als Leiter Werbung bei Kuoni. Die
Reisebranche war eher Zufall, obwohl Waldis Affinitäten zum Produkt
durchaus vorweisen konnte. Sein Studium verdiente er als «Seasonal
Flight Attendant». Auch dieses «Europa bolzen» sei für ihn eine
lehrreiche Erfahrung gewesen, vor allem, was die Teamarbeit betrifft,
wenn mehrmals pro Tag ein voll besetzter Kurs gemäss damaligem
Swissair-Standard verpflegt werden musste.

Bei Kuoni hat Waldis die Kampagnen «Ferien, in denen Sie alles
vergessen» sowie Helvetic Tours mit Advico durchgezogen. Er hat neben
der Markenführung auf Ebene Konzern auch den Direktvertrieb Reisen
Netto mitaufgebaut. Hier haben sich erste Erfahrungen mit den Neuen
Medien ergeben, denn auch das eben frisch aufgekommene Onlinemarketing
wurde bei ihm angesiedelt. «Die Reisebranche zählte zu den Pionieren im
Netz.»

Kurz vor dem fatalen 11. September kündigte Waldis beim Touroperator.
«Der Laden lief rund und ich hatte Lust auf etwas Neues.» Auf dem
folgenden Sabbatical-Trip von Los Angeles quer durch die USA war er
dann oft der einzige Tourist. «Allein reisend und männlich – das machte
mich suspekt», erinnert er sich. Befreiter fühlte er sich auf einer
zweiten Reise durch Mexiko. Dort holte ihn aber ein Anruf von Marc
Görtz in die Realität der Berufswelt zurück.

Der Geschäftsführer von Ringier TV wollte das Marketing verstärken.
«Medien sind genau das Gebiet, welches in meinem Lebenslauf noch
fehlt», freute sich Waldis. So ist er 2002 als Mitglied der
Geschäftsleitung bei Ringier-TV eingestiegen. Waldis zeichnete
verantwortlich für Marketing und Verkauf. «Das Rückgrat einer Sendung
im Privat-TV ist sehr oft das Sponsoring», hat Waldis realisiert.

Eine
spannende Aufgabe: 14 Sendungen – und alle brauchen Partner, Finanzen
und Image: Wie sehe ich eine Marke in einer bestimmten Sendung? Wo
gibts im Programm Rubriken, in denen eine Marke gut integriert werden
kann, ohne dass es aufgesetzt wirkt und im besten Fall der Formel «1 +
1 = 3» entspricht, nämlich: ein gutes Programm mit einem guten Partner,
so dass auch der Zuschauer etwas davon hat, wenn dieser Partner mit
dabei ist. Waldis gefiel es, dass er bei diesem Geschäft jeweils «auf
einer hohen Hierarchiestufe Kontakte pflegen» durfte.

Mit der Beteiligung von Ringier an Sat 1 Schweiz hat Waldis viele neuen
Gefässe mitentwickelt. Stolz ist er zum Beispiel auf «People» oder
«Celebrations». «Fernsehen ist in einem traditionellen Printhaus wie Ringier ein
exotischer Bereich», erklärt Waldis. Als eine seiner wichtigen Aufgaben
sah er deshalb «die Scharnierfunktionen ins Stammhaus». Dazu gehörte
das Key-Account-Marketing – heute organisiert als
«Crossmedia-Solutions». Immer wichtiger wurden auf  Kunden
zugeschnittene Projekte mit crossmedialen Lösungen, die über mehrere
Bereiche von Ringier gehen. «Win-a-house» für Credit Suisse oder «Die
Familie des Jahres» für Vögele sind hier erfolgreich vernetzte Cases.

Alle vier Jahre packt es ihn. «Wo kann ich in Zukunft noch mehr
strategisch arbeiten und etwas Neues aufbauen?», war nun letztes Jahr
die Frage, als Waldis sich wieder einmal verändern wollte. Die Chance
dazu haben ihm Thomas Trüb und Marco Castellaneta angeboten im Rahmen
des Projektes «Ringier 2010». Wohin geht die Reise? Was macht ein
Medienhaus in Zukunft? Wo gibt es Handlungsbedarf? Wie geht man um mit
den Generationen, die nachkommen? Wie verändert sich die Distribution?

Man redet seit zehn Jahren von den «Neuen Medien». Jetzt sind sie da.
Unter möglichen Techniken, über die man unterwegs ein Medium
konsumieren kann, sieht Waldis neben dem Handy bald einmal das E-Paper.
Dieses auch kombiniert mit bewegten Bildern.

Bei solchen Entwicklungen will Ringier «von Beginn weg sehr stark dabei
sein». Eine wichtige Zukunft birgt auch das Schlagwort «Communities»:
Wie kann ein bestehender Titel in diese Richtung ausgeweitet werden?
Und welche neuen Marken braucht es dazu?

Andreas Panzeri

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