Neue Verteilungskämpfe

Kolumne Karl Lüönd über eine Genfer Konferenz, die im Fussballtrubel von den Medien übersehen wurde - obwohl sie die Medien betrifft.

Kolumne Es gibt ein Leben ausserhalb des
Fussballs. Doch während der WM verschwindet es fast ganz aus den Medien
– selbst dann, wenn sie selber betroffen sind.Die Hand des Alex Frei hat Schlagzeilen
gemacht, die beiden nicht gepfiffenen Penaltys für Togo schon weniger
(nur nöd drüber rede…). Dafür strömen vom Hofe in Bad Bertrich die
Nachrichten in einer 24-Stunden-Endlosschlaufe. Derzeit bräuchte es
wohl einen abgestürzten Jumbo, um die Hierarchie der Nachrichten
umzustürzen. Sollte es eine geheime Weltregierung geben, die den
richtigen Zeitpunkt suchte, um wichtige Mitteilungen im Abgrund der
medialen Nichtbeachtung zu versenken – sie müsste
Fussball-Weltmeisterschaften veranstalten.

Auch die Medien- und Marketingindustrie, die sich über die optische
Präsenz von Biermarken in den WM-Stadien stundenlang und seitenweise
ereifert hat, hat nicht gemerkt, dass in der zweiten WM-Woche in Genf
eine internationale Konferenz zu Ende gegangen ist, die Radio und
Fernsehen noch prägen wird, wenn wir uns längst nicht mehr an den
Fussball-Weltmeister 2006 erinnern werden. Die Konferenz trug den
harmlosen Kurznamen RRC-06, was «Regional Radiocommunication
Conference» bedeutet. Sie stand unter der Leitung des weithin
unbekannten Mr. Kavouss Arasteh aus Iran und versammelte während eines
Monats über tausend Delegierte aus 104 Staaten Europas, Afrikas und des
Nahen Ostens in Genf.   

Es ist ja sowieso ein Phänomen, dass dort am laufenden Band solche
Mammutveranstaltungen stattfinden können, von denen bestenfalls die
örtliche Hotellerie Kenntnis nimmt und – wie im vorliegenden Fall – die
Neue Zürcher Zeitung vom 21. Juni: Mit 16 Druckzeilen in einer
Schriftgrösse, welche die Setzer in der Bleizeit noch «Augenpulver»
genannt haben. Darin stand zu lesen, dass ein neuer Frequenzplan für
das kommende Zeitalter des digitalen terrestrischen Rundfunks
verabschiedet wurde, welcher der Schweiz 14 nationale Bedeckungen oder
Layer (was immer das sein mag) zuteilt. Mit einer solchen Bedeckung
können vier Fernseh- oder sieben Radioprogramme verbreitet werden.

Was sich hinter 16 dünnen NZZ-Zeilen verbirgt, ist das Resultat eines
jahrelangen, hochkomplexen globalen Verteilungsrituals, das zum letzten
Mal in ähnlicher Form an der internationalen Wellenkonferenz von
Stockholm 1961 stattgefunden hat. RRC 06 in Genf war ein Meilenstein
der audiovisuellen Erschliessung des Erdballs. Es bedeutet mehr
Möglichkeiten für kleine Sender, für Schwellenländer, für
Spartenveranstalter. Und die Schweiz kann zufrieden sein, wie das Bakom
bestätigt. Sie hat mehr bekommen, als sie erwarten konnte.

Nun ist das alte Argument vom Frequenzmangel, mit dem in früheren
Zeiten auch in der Schweiz die privaten Radio- und Fernsehpläne
abgeblockt wurden, definitiv nichts mehr wert. Die Zahl der potenziell
übertragbaren Programme wird wesentlich gesteigert, wenn man bei dieser
Gelegenheit vom Bakom vernimmt, dass je sieben dieser Bedeckungen dem
Radio und dem Fernsehen zugeteilt werden.

Das bedeutet nicht nur digitales Radio (DAB) in besserer Qualität,
mobil und überall verfügbar, sondern – medienpolitisch gesehen – vor
allem mehr Freiraum für neue Spartensender. Schawinski war mit seinem
Klassikradio einfach zu früh dran, genauso übrigens wie der gute Felix
Matthys seinerzeit mit seinem European Business Channel. (Merke: Ideen
können auch scheitern, weil sie zwar gut gewesen wären, aber zu früh
gekommen sind.) Unter dem liberaleren Regime des neuen RTVG wird
natürlich die Lust auf Neues wieder geweckt. Hören wir richtig, dass
die SRG Pläne für ein Schweizer Radioprogramm in englischer Sprache
studiert? Und wenn man erst daran denkt, dass die digitale Technologie
die Grenzen zwischen Rundfunk und Telekommunikation durchlässig macht,
kann man sich neue Verteilungskämpfe auf anderer Ebene schon lebhaft
vorstellen.

Und wer weiss: An den Fussball-Weltmeisterschaften von 2010 und 2014
werden wir die Spartensender gleich online und im 24-Stundenbetrieb
empfangen: «Soccer Medical» mit der beliebten Rubrik von Dr. Samuel
Stutz über «Orthopädie im Offside». Oder «Corruption Worldwide» direkt
übertragen aus dem Andachtsraum der FIFA am Zürichberg mit dem
krönenden «Wort zum Endspiel» von Seiner Heiligkeit Sepp dem Einzigen.

Auf dass weiterhin die attraktiven Nebensachen Schlagzeilen machen und
sich das, was wirklich wichtig ist, diskret verschlaufen kann.

Karl Lüönd ist freier Publizist.

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