Frau von heute

Anka Wessely ist AD bei Heute. Sie hat gelernt, dass heute zuweilen bis zum nächsten Tag dauert.

Anka Wessely ist AD bei Heute. Sie hat gelernt, dass heute zuweilen bis zum nächsten Tag dauert.Journalisten gelten als Nachtmenschen. Die Macherinnen und Macher der neuen Zeitung bei Ringier aber müssen Morgenmenschen und Nachtmenschen in einem sein. Arbeitsbeginn für die Heute-Schreiber ist morgens um sechs Uhr. Nur wenig später kommt die Grafik und reisst die Newsseiten auf. Der «grosse Flaschenhals» folgt kurz vor Produktionsschluss. Bis 13 Uhr können die aktuellsten Bilder und Meldungen berücksichtigt werden. Dann geht es bis weit in die Nacht hinein an die Vorproduktion der Magazin-Geschichten.Die Produktion einer Abendzeitung verändert auch den persönlichen Lebensrhythmus. Im Moment gibt es für Anka Wessely nur den Job. «Das ist aber ein Entscheid, den ich wollte. Wer nicht miterleben will, eine neue Zeitung aufbauen zu können, ist hier falsch.»
Bei Heute arbeiten entweder junge Leute oder flexible, «was nicht heisst, dass jung automatisch flexibel bedeutet», meint Wessely und präzisiert: «Man muss schnell eine Idee haben und auch mal eine Notlösung akzeptieren können. Mir macht das Spass, weil es mich fordert.» Es sei wichtig, dass man sich für diese Intensität entscheidet, «dann kann die Arbeit wirklich glücklich machen». Von Kritik müsse man sich abgrenzen können. «Wir investieren immer noch viel Zeit in die Ästhetik.»
Tests haben gezeigt, «dass das junge Zielpublikum gar nicht eine so wilde Grafik will, wie viele forderten», verrät Wessely. Jung, aber doch klassisch ist jetzt das Konzept. «Es entspricht mir. Ich finde es dann interessant, wenn etwas gebrochen wird.» Die AD wollte etwas von Bestand machen und war «nicht interessiert am schnelllebigen Gestalten mit Flyergrafik oder Computerschrift».
Man hatte sie geholt, weil sie Erfahrung mit Magazinen hatte. Das Briefing forderte einen solchen Touch für die Zeitung, weil man am Abend eher im Unterhaltungsbereich etwas längere Artikel lesen will. «Am Morgen holt man sich die Info. Bei uns ruht man sich etwas aus.»
Um verlässliche Werte zum neuen Leseverhalten zu finden, sind die Nullnummern in Echtzeit am frühen Abend getestet worden. Sie hätten zu Beginn mehr mit ausgefallenen Ideen gearbeitet. Es brauche aber klare Strukturen. «Für mich lautete die Frage: Wie mache ich die Strukturen schön, sodass sie nicht den Charakter eines Gefängnisrasters haben?» Gleichzeitig muss Heute in sehr kurzer Zeit machbar sein. «Das war die Herausforderung, wieso ich den Job schliesslich nur noch geliebt habe.» Wessely dachte nämlich zuerst nur ans Entwickeln. Jetzt möchte sie aber auf dem Projekt bleiben. «Ich bin stolz, dass ich endlich einen Job gefunden habe, wo ich mehr von mir einbringen kann als nur die Gestaltung. Ich kann mich mit dem Konzept sehr gut identifizieren.»
Anka Wessely hat in Zürich den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule besucht, dann vier Jahre eine Grafikerlehre bei Wirz. Sie war ein halbes Jahr Grafikerin bei McCann
Erickson und zwei Jahre bei Publicis. Ihre letzten Kampagnen vor dem Umstieg ins Zeitschriftendesign waren die Schauspielhausplakate «Schneekönigin» und Amnesty International «get me out of here». Mit dem Projizieren von Brands auf die Strasse hat sie für Mediabox vor vier Jahren ADC-Bronze gewonnen.
Parallel hat sie seit der Lehre regelmässig Illustrationen für die SonntagsZeitung, Annabelle und früher auch den Tagi gestaltet. Ein weiterer «Nebenjob» war die Art Direction für das Magazin Faces. «Editorials waren schon immer mein Ziel. Ich lese alles, vom billigsten Klatschheftchen bis zum dänischen Hochglanzmagazin.»
Definitiv «Blut geleckt» für solches Design hat Wessely bei Faces. Das von ihr konzipierte Gratisblatt hat inzwischen den Sprung an den Kiosk geschafft. «Solche Sachen geben einem rückwirkend die Bestätigung.» Aber erst mit einem neuen Job in Deutschland wagte sie es, die Werbung ganz an den Nagel zu hängen. «Ich brauche eben manchmal einen eindeutigen Schnitt, um etwas verändern zu können.»
In München ist die junge Grafikerin mit ihrer Mappe hausieren gegangen und konnte beim Verlag Condé Nast für GQ einsteigen. Auch für das Fitnessmagazin Shape hat sie als Freelancerin gearbeitet. Dann folgte eine Absage für eine weitere Stelle. Wessely überlegte am anderen Tag, ob sie sich darüber aufregen soll oder nicht. Dann läutete das Telefon, und Ringier war am Apparat. «Es gibt immer einen Grund, wieso etwas nicht kommt.»
Bei Ringier hat sie jetzt ihren ersten Job mit Verantwortung. «Ich wollte nie Chefin sein, aber nach diesem halben Jahr mit Daniel Steil und Bernhard Weissberg, wo wir intensiv am Konzept gearbeitet haben, sind wir auch zusammengewachsen. Die beiden haben mir die Furcht nehmen können.» Wessely konnte sich einbringen «und war plötzlich ganz drin».
Gefunden hat sie Disziplin und Leidenschaft. Diese Verbindung hat die junge AD schon immer gelockt. Als Kind hat Anka Spitzensport getrieben und es im Eiskunstlaufen bis an die Schweizer Meisterschaft gebracht. Noch heute dreht sie gelegentlich eine Runde auf dem Eis und springt zur Entspannung auch mal einen Doppelaxel. «Das ist natürlich ein Scherz», lacht sie. – Aber man könnte es ihr durchaus zutrauen.

Andreas Panzeri

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