Foltern auf dem Paradeplatz

Menschenrechte Amnesty International will mit der Agentur Walker zusammen das Thema Folter hautnah zur Diskussion bringen.

Menschenrechte Amnesty International will mit der Agentur Walker zusammen das Thema Folter hautnah zur Diskussion bringen.Folter ist ein Schwerpunktthema von Amnesty International in diesem Jahr. Ein harter Brocken – aber eine einfache Botschaft. Dass weltweit schreckliche Folterungen geschehen, ist uns aus TV-Nachrichten und Zeitungsmeldungen bekannt. Die Bilder mit Opfern und Szenen von Misshandlungen sind uns «vertraut». Aber was tun wir dagegen? Was sieben Flugstunden entfernt passiert, vermag uns nicht hautnah zu packen. «Wir lassen deshalb einfach sieben Flugstunden weg und zeigen, in welcher Welt wir uns dann befinden», erklärt Pius Walker das Konzept seiner neuen Kampagne für Amnesty International (Schweiz). Visuell dramatisiert wurde die Idee mit echten Fotos von Gefolterten. Diese werden aber nicht in ihrer Umgebung gezeigt, sondern grafisch ausgeschnitten und neu in schweizerische Realitäten wie Einkaufsstrassen, SBB-Bahnhöfe, idyllische Uferpromenaden oder stark frequentierte Plätze versetzt. An solchen Orten wie zum Beispiel Paradeplatz in Zürich oder vor einer freundlichen Altstadt hat Walker eine Plakatstelle fotografiert. In diese Aufnahme wurde dann ein Folteropfer hineinkopiert – und die neue Montage vor ihrem alten Hintergrund wieder aufgehängt.  Entstanden sind mit diesem visuellen Trick Plakate, bei denen man «wie durch die Oberfläche hindurch» auf eine ansonsten verborgene Welt sehen kann. Zwei Realitäten wurden so miteinander verbunden. Ein Gehängter an einem Baum in Afrika hängt plötzlich an einer Plakatwand vor einem Baum – zum Beispiel an der Uferpromenade in Genf. «Es passiert nicht hier – aber jetzt», heisst dazu die aufrüttelnde Botschaft.
Für diese provozierende Aktion hat Walker 70 Unikate gestaltet. Die APG zeigte viel Engagement beim Suchen nach geeigneten Plakatstellen. Die Fotos mit Folterszenen sind mit viel Goodwill aus dem – leider – endlosen Fundus von Keystone recherchiert worden.
Technisch ist man so vorgegangen, dass eine Plakatstelle im frühen Morgengrauen bei möglichst neutraler Wetterstimmung fotografiert worden ist. Dann wurde am Computer das Folteropfer hineinmontiert und in der Helligkeit angepasst, bis die Werber mit ihrem Eindruck von «durchsichtig» zufrieden waren.
Die Plakate werden ab Woche 22 einen Monat lang präsent sein. Die Motive an den einzelnen Standorten werden dabei wechseln, was der Aktion zusätzliche Aufmerksamkeit verleihen soll. Einschusslöcher, Kindersoldaten, Gefesselte, kopfüber Aufgehängte: Die Aktion provoziert bewusst eine Diskussion in den Medien. Dazu werden auch die Mechanismen der PR ins Spiel gebracht. «Wir haben ein beschränktes Media-Budget, also müssen wir mit anderen Mitteln in die Medien kommen», erklärt Walker. Bei allem Einsatz für die ernsthafte Sache war es für die Gestalter der Kampagne aber ein erstes Gebot, dass die hilflosen Gefolterten in dieser gesellschaftspolitischen «Kunstaktion» nie entwürdigend im Bild erscheinen. Um politisch korrekt neutral zu bleiben, sind Folterszenen aus allen Lagern der aktuellen Krisengebiete ausgewählt worden.
Amnesty International (Schweiz) hat ein Sammel-Budget von 11 Millionen Franken pro Jahr. Davon wird rund ein Drittel an die weltweite Dachorganisation abgeliefert. Als länderübergreifende Kampagnen laufen zurzeit eine Aktion «Control Arm» sowie eine Aufklärung rund um Gewalt gegen Frauen. Für die nationalen Themen kann die Sektion Schweiz frei entscheiden, wie Daniel Meienberger, Leiter Kommunikation der Schweizer Sektion von AI, erklärt. Für ihre Aufklärung zum Thema Folter lautet das Konzept: «Öffentlich machen ist der Kern des Handelns.»
    
Andreas Panzeri
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