Tyrannei der Intimität

Kolumne Oliver Fahrnis Fazit nach einer Nacht in der Blogosphäre: Privat mag sie nützlich sein, gesellschaftlich verhandelt aber wird per Netz nichts.

Kolumne Fazit nach einer Nacht in der Blogosphäre: Privat mag sie nützlich sein, gesellschaftlich verhandelt aber wird per Netz nichts.Zurück aus dem wilden Blogistan. Mit
sturmmüdem Gemüt. Die Nacht war kurz, wie immer bei Fernreisen.
Eigentlich sollte es nur ein kurzer Trip werden. Zu Robert von
Heusingers Herdentrieb («So funktioniert Kapitalismus», http://blog.zeit.de/herdentrieb): Dort findet sich mehr Erhellendes zur gegenwärtigen Wirtschaft als irgendwo sonst. Dann zu Niels Boeings Technosphären-Blog (http://www.heise.de/tr/blog): alles über Nanotechnologie und die Zukunft, wie sie gerade in den Labors geplant wird.

Doch ich wurde weitergereicht. Von Spindoctor zu Softmachines, über
Sixtus und China-in-the-news zu netzkultur, WeMedia, netzpolitik,
weiter zu Blogorama und PressThink zu Instapundit zu Blogger zu Gawker
Media … Ein paar Dutzend Bookmarks weiter ist man hellwach, unendlich
informiert und selbst die letzte aller Fragen ist vom Tisch: Was man
tun wird, wenn die Fifa diesen Planeten demnächst zu einer «lärmenden,
infantilisierten Hölle» (SZ) macht – klar: in der Blogosphäre surfen.

Weblogs, Blogs eben, stehen im Geruch, über Dinge zu reden, die man so
genau nicht wissen will. Bilder zu zeigen, die man bitte nicht sehen
möchte. Geschwätzig zu verbreiten, was eher der Magensäure denn einem
Gedanken geschuldet ist.
Der schlechte Ruf der Blogs ist redlich erworben. Das meiste, was da in
eine der leicht zu bedienenden Blogsoftwares gestammelt wird, ist
Schrott. Privat. Irrelevant. Aber mit grossem Gestus dargereicht. Will
man wissen, was der uns völlig unbekannte Hansmeiermüller aus Saftigen
über Islam, Mehrwertsteuer und seine Hormonwallungen beim Anblick von
Shakira mitteilt? Will man nicht.

Nur ist damit noch fast gar nichts über die Blogosphäre gesagt. Denn
sucht man dieser Tage relevante Fakten und Erhellung, Überraschendes
und Zusammenhang, landet man immer öfter auf einem Blog. Auf Dutzenden
von brisanten, glänzend verfassten E-Journalen denkender Köpfe.

Das sollte schon rein arithmetisch nicht überraschen. 70 Millionen
Blogger sinds inzwischen. Nehmen wir – unfreundlich – an, 99 Prozent
davon speisten den Ozean von Beliebigkeit. Blieben immer noch 700000
Sites, die einen regelmässigen Besuch lohnen.

Blogs decken auf. Blogs sind für Dissidenten mancherorts die einzige
Chance, sich Gehör zu verschaffen. Blogs vernetzen (automatisch), was
sonst kaum zusammenkäme. Was Wunder, fördert die NGO Reporter ohne
Grenzen das Bloggen.
Da geschieht eine fulminante Umwälzung. Mikromedien wie Blogs,
Podcasts, Wikis stecken das Terrain zwischen persönlicher Kommunikation
und Medien neu ab. Mit noch kaum absehbaren Folgen für Wahrnehmung,
Gesellschaft und Politik.

Jay Rosen, Neugründer des Public Journalism, erkennt enthusiastisch den
Beginn eines wahren Bürgerjournalismus und erwachender lokaler
Demokratie («We are the Media»). Die grossen Medien bedienen sich
zunehmend in der Blogosphäre, mit Bild und Text, etwa nach den
Bombenanschlägen von London oder der Flut in New Orleans. Anfang Mai
wurden die immensen Möglichkeiten an einem Kongress in London
abgesteckt (
www.mediacenterblog.org/events/06/wemedialondon/home).
Medienökologisch reizvoll, diese Vision: Immer mehr Bürger entziehen
sich den altbekannten Medien der Verdummungsindustrie und vernetzen
sich, ihren Neigungen und Bedürfnissen folgend, zu Communities.
Reichlich blauäugig auch: Firmen, kommerzielle Anbieter und
Partei-Apparate steigen gerade massiv in die Bloggerei ein – und sie
arbeiten an Prozessen, auch die dezentrale Netzwelt unter Kontrolle zu
nehmen.

Unabhängig davon, ob ihnen das gelingen kann, sind Mikromedien in einem
fundamentalen Problem gefangen – der Vernichtung von Öffentlichkeit.
Der Blogger sagt Ich. Er spricht zur Dachluke hinaus und hofft, man
höre ihn. 400 Besuche auf einem Blog gelten schon als exzellente
Einschaltquote. Und so sehr sich die Blogger auch um Vernetzung mühen –
sie bleibt ein Popanz. Privat und für kleine Communities mag sie
nützlich sein, gesellschaftlich verhandelt aber wird per Netz nichts.

Darin sind Blogs & Co., wie die herkömmlichen Medien, nur ein
weiteres Krankheitssymptom der Tyrannei der Intimität. Würde mich
freuen, sollte ich irren.

Oliver Fahrni ist freier Publizist.

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