Man trägt Monster

René Worni über den Trend zur intermedialen Redaktion

René Worni über den Trend zur intermedialen Redaktion.Die New York Times und zuvor das Wall
Street Journal haben es getan. Wolfgang Fellner mit seinem
multimedialen Tageszeitungsprojekt «Österreich» hat es angekündigt und
kürzlich hat auch der Axel Springer Verlag mitgeteilt: Print- und
Online-Redaktion sollen miteinander verschmelzen. Redaktorinnen und
Redaktoren sitzen an einem veritablen Monsterdesk, einer Art
journalistischem Oval Office. Sie hecken, gleich dem Krisenstab während
einer Katastrophe oder wie heisere Broker kurz vor Börsenschluss, aus,
was an News und Geschichten ins Blatt gerückt und was davon bereits auf
den Webseiten vorausvermeldet werden soll.

Im Falle des Axel Springer Verlages fusionieren gleichzeitig die
Redaktionen seiner Berliner Printtitel: Köppels Welt inklusive Welt
kompakt, Welt am Sonntag und Berliner Morgenpost. Das journalistische
Tagesgeschäft gewinnt damit, dramaturgisch betrachtet, noch mehr an
Intensität. Man stelle sich das Gedränge der Medienschaffenden an der
langen Theke vor. Alle schreiben für alle. Jede und jeder versucht, die
Story zu platzieren. Es ist bloss eine Frage der Zeit, bis es zur
Schlacht am kalten Buffet kommt. Im allgemeinen Gedränge gehen die
Chefredaktoren unter. Sie tragen – im Fall Springer – die alleinige
Verantwortung für die Wahrung des publizistischen Profils der einzelnen
Titel.

Hier zu Lande ist man in Bern daran, erste Erfahrungen in Sachen
Monsterdesk zu sammeln. Ziel: die beste Regionalzeitung der Schweiz zu
machen. Die Ressorts sind bekanntlich verschwunden und die Leserschaft
orientiert sich am «Heute» über Relevantes. Fehlt es thematisch an
Tiefe, so wird man aufs Internet verwiesen. Das Chefredaktoren-Duo
Michael Hug/Markus Eisenhut jedenfalls ist risikoerprobt: Hug etwa als
Facts Co-Autor in der vermeintlichen Affäre Villiger Mitte der
90er-Jahre und als Chef des Espace-Kampfblattes in Solothurn, Eisenhut
als Chef von 20 Minuten und
20 minutes. Die BZ trägt Monster – ein spannendes Experiment mit
ungewissem Ausgang. Ob eine künftige Bund-Restredaktion auch mal am
Monsterdesk Platz nehmen wird?

René Worni, Redaktor

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