Fuhrer-Wenger-Strategem

Kolumne Kohorten von Kommunikationsberatern hämmern ihren Kunden ein: Setzt die Themen selber! Lasst euch nicht in die Defensive drängen! Wer reagieren muss, hat immer schlechte Karten.

Kolumne Kohorten von Kommunikationsberatern
hämmern ihren Kunden ein: Setzt die Themen selber! Lasst euch nicht in
die Defensive drängen! Wer reagieren muss, hat immer schlechte Karten.Schon recht, aber auch umgekehrt wird
manchmal ein Schuh draus. Im Fall der streitenden Zürcher
Regierungsrätinnen Dorothee Fierz und Rita Fuhrer galten die Gesetze
des Mikado-Spiels: Wer sich zuerst bewegt, verliert. Frau Fierz drückte
in der NZZ am Sonntag eine Steilvorlage ab, als sie aus heiterem Himmel
die bisher kaum wahrgenommenen Zuständigkeitskämpfe öffentlich machte.
Bemerkenswert war, wie Rita Fuhrer reagiert hat. Sie hat geschwiegen.
Für Stellungnahmen blieb sie unerreichbar. Einfach weggetaucht!

Ich vermute, Rita Fuhrer hat gemütlich unter einem Apfelbaum gesessen
und in aller Ruhe eins der wichtigsten Überlebensbücher für
PolitikerInnen repetiert. Es stammt vom Zürcher Sinologen Harro von
Senger, ist ein Kompendium uralter chinesischer Kriegslisten und heisst
«Strategeme – Lebens- und Überlebenslisten aus drei Jahrtausenden». Da
gibt es zum Beispiel das wunderschöne Köder-Strategem Nr. 17: «Einen
Backstein hinwerfen, um einen Jadestein zu erlangen». Oder das
Politiker-Strategem Nr. 15: «Den Tiger vom Berg in die Ebene locken».
Will heissen: den Gegner dazu verführen, sich auf unvertrautem Gebiet
zu bewegen. Politiker-Strategem deshalb, weil die stets bereit (oder
gezwungen) sind, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen.
Oder, in diesem Fall extrem passend: «Hinter dem Lächeln den Dolch
verbergen» (Strategem Nr. 10).

Untätig ist Frau Fuhrer natürlich nicht geblieben. Schon in der
Kantonsratssitzung vom Montag, der traditionellen Politplattform und
Nachrichtenbörse, schwärmten ihre Hilfstruppen aus Verwaltung und
Fraktion aus und streuten die «richtige» Version. Frau Fierz dagegen
liess es bei ihrem Schuss von der sonntäglichen Kanzel bewenden. Es
steht zu vermuten, dass es ein Schuss aus der Hüfte gewesen war und
kein überlegter infanteristischer Angriff mit Artillerieunterstützung
und Luftschirm. Dass Dorothee Fierz mit ihrem Problem allein blieb
(bzw. allein gelassen wurde), war weniger eine Frage der Information
als eine der Taktik – und vermutlich ein Problem der Loyalität ihrer
eigenen Truppen in Verwaltung und Partei. Entweder hat sie einen
spektakulären Alleingang gewagt oder ihre eigenen Leute haben sie
bewusst ins Messer laufen lassen, um sie rechtzeitig vor den Wahlen
loszuwerden. Näheres siehe Strategem Nr. 20: «Das Wasser trüben, um den
Fisch zu packen».

Offensiv und pro-aktiv informieren ist schon recht, vorausgesetzt, die
eigene Position ist sachlich gefestigt und politisch durch loyale und
aktive Hilfstruppen abgesichert, wenn sich Widerspruch regt (und damit
ist gerade in der Politik grundsätzlich immer zu rechnen). Fast scheint
es, als hätte Rita Fuhrer ihre Kontrahentin mit Strategem 28 erwischt:
«Auf das Dach locken, um dann die Leiter wegzuziehen».

Als listiges und besonders wirksames Strategem im Falle eines
unverhofften öffentlichen Angriffs bewährt sich – wie der vorliegende
Fall beweist – das kalkulierte Schweigen. Indem Frau Fuhrer eben nichts
gesagt hat, hat sich die vor allem im Überrumpelungseffekt begründete
Wucht der Attacke abgeschwächt. Indem sie Zeit zwischen den Angriff und
die Reaktion legte, hat sie sich den Atem verschafft, die eigenen
Schwerpunkte zu kommunizieren, statt reflexartig auf die vorgetragenen
Angriffe reagieren zu müssen. Und statt selber zu reagieren hat sie
andere – vor allem die Mehrheit ihrer Regierungskollegen – reagieren
lassen. Schon wieder ein Strategem, dieses Mal die Nummer 3: «Mit der
Waffe eines anderen töten!»

Eine interessante Handlungsvariante dieses Schweige-Strategems hat
übrigens in der gleichen Woche Nelly Wenger vorexerziert, die von der
aus Inseraten und Interviews kombinierten Attacke Philippe Gaydouls in
Sachen Cailler-Schokolade überrascht worden war. Auch sie hat sich dem
Druck der hektischen Medien entzogen und nicht reflexartig reagiert,
wodurch die Kontroverse ja nur verlängert wird und an
Betriebstemperatur gewinnt. Auch Frau Wenger hatte die Nerven, sich
wegzuducken und eine Woche lang zu schweigen, um dann ihre eigene
Agenda zu setzen. Das gestattete ihr, auf Vorwürfe zu antworten, die
gar nicht erhoben worden waren und gratis Marketing-Botschaften von
Nestlé zu platzieren, dieweil der Hauptvorwurf – erhöhte Preise nach
Verpackungswechsel – unter den Tisch fiel.

Wer das alles so kaltblütig beherrscht, kann einem anderen alten Rat
folgen: Setz dich ans Ufer des Flusses und warte, bis die Leichen
deiner Feinde vorbeitreiben. Das ist zwar indianisch, aber auch nicht
schlecht…

Karl Lüönd ist freier Publizist.
Mehr über Harro von Senger und die Strategeme: www.36strategeme.ch

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