No Lobby, no Lions!

Von Beat Fritsch

Von Beat FritschNicht umsonst findet das jährliche Festival der Werbung in Cannes statt. Die Franzosen haben schliesslich auch den Club Med erfunden. Und so ähnlich präsentiert sich jeweils die Stadt an der Côte d’Azur während einer Woche im Juni: als überdimensioniertes Clubdorf für Werber aus der ganzen Welt! Es herrscht eine angenehme und gelöste Stimmung – Halli und Hallo allenthalben, denn auf den Bummeltouren entlang der Croisette trifft man immer wieder auf bekannte Gesichter. Ganz zu schweigen von den langen Nächten, in denen man neben der Beziehungspflege viele neue Werber aus aller Herren Länder kennen lernen kann.Auch beim mittäglichen Lunch in einem der unzähligen Strandclubs stösst man fast immer auf Landsleute, sogar wenn man einfach auf gut Glück irgendwo reinspaziert. Aus der Schweiz waren gut hundert Gäste anwesend. Und niemals wird einem der Platz am Tisch verweigert, wenn man sich dazusetzt. Denn auch vermeintliche Geschäftsgeheimnisse erhalten in der lockeren Atmosphäre von Cannes plötzlich einen geringeren Stellenwert.
Der erste offizielle Anlass fand am Dienstag statt. Die Verleihung der Media-Lions sowie jener aus dem Press-&-Outdoor-Wettbewerb stand auf der Abendordnung. Samt anschliessendem Buffet im Beach Club des «Carlton». Von allen offiziellen Anlässen ist das der beste, denn Anfang Woche ist das Festival jeweils noch nicht so überlaufen. Und auch die Location ist unschlagbar: Direkt am Meer zu tafeln, hat schon was Mondänes; da fühlt man sich gleich wie Onassis und Trump zusammen. Das Milliardario-Feeling genossen unter anderem Otto Meier, Dani Strobel und Moreno Cavaliere von Publimedia, Martin Radelfinger und Roger Baur von Adlink, Christoph Morach von Mailprofiler und Jury-Mitglied Remy Fabrikant mit Ehefrau Mirjam Fabrikant. Anwesend auch die Mediaspezialisten Karin Baatsch von Carat, Josi Bauer von Starcom Adplus, Christoph Weber von OMD Zürich-City, Christof Kaufmann von OMD Schweiz, Axel Beckmann von Mediacom, Gerry Stadler von MPG sowie die RMB-Crew mit Corinne Blaser, Nicole Steinegger und Matthias Luchsinger. Apropos Publimedia – die Jungs hatten ja ziemliches Glück: Wegen des Streiks der französischen Fluglotsen kamen sie in den Genuss eines unfreiwilligen, aber sicher nicht unwillkommenen Verlängerungstages.
Derweil Festival-Chairman Roger Hatchuel vor Wut schäumte – der Streik kam ganz und gar ungelegen. Ganze Agenturcrews – viele Gäste kommen jeweils erst am Mittwoch nach Cannes – sollen wegen der Unsicherheit im Flugverkehr ihre Teilnahme kurzfristig abgesagt haben. Andere stiegen aufs Auto um – und blieben prompt in einem der zahlreichen Staus stecken. Cannes 2002 dürfte wohl auch als Festival in Erinnerung bleiben, das vielen Leuten eine Menge Nerven gekostet hat – nicht nur der Preise wegen, die sie nicht bekommen haben…
Nervliche Anspannung war gegen Ende Woche auch bei den Schweizern zu spüren. Migros-Werbeleiter Beat Mühlemann und Exxtra-CEO Christoph Bürge äusserten beim Lunch am Donnerstag noch die Hoffnung auf einen Löwen, die sich aber am Abend jäh zerschlug. Auf der Filmshortlist waren nur Arbeiten von Wirz (1) und Publicis (5) zu finden. Hier muss aber betont werden: Schon ein Shortlistplatz in Cannes ist eigentlich Gold wert. Und von den Schweizer Einreichungen kamen knapp zehn Prozent in die Endauswahl – da sehen aber andere Länder um einiges älter aus! Die USA beispielsweise haben mit über tausend Einreichungen gerade mal vier Goldlöwen geholt, wogegen die Briten mit etwas mehr als vierhundert (und der zweithöchsten Anzahl) Einreichungen auf sieben Goldlöwen kamen. So lässt sich sagen, dass beispielsweise die Zürcher Publicis eine sehr kluge Festivalpolitik zu pflegen scheint: Von neun ihrer Filmeinreichungen landeten deren fünf auf der Shortlist – eine sehr gute Quote. Für einen Löwen hats letztlich auch nicht gereicht – und auch beim erstmals durchgeführten DM-Wettbewerb gingen die Schweizer leer aus. Wir hatten halt ein bisschen Pech dieses Jahr! Und zwar nicht nur im Wettbewerb.
So wurde Rudi Haller von HA Productions die Kreditkarte geklaut. Als er den Verlust drei Stunden später bemerkte, hatte sich der «Finder» bereits ein Nachtessen (300 Euro) und einen Ausflug in die «Martinez»-Bar (200 Euro) auf fremde Kosten geleistet. Doch damit nicht genug. Noch deftiger trafs Reiner Roduner von Absolutturnus. In der Nacht auf Samstag wurde sein Haus in Mougins leer geräumt: Laptop weg, Synthesizer weg, Kreditkarten weg, Pässe weg, alle Wertsachen und alles Geld weg. Dafür zusätzlich ganz viel Stress kurz vor der Abreise. Trotzdem erreichte man den gebuchten Rückflug noch knapp. Weniger Glück hatten Reinis Kollegen aus Deutschland: Sie parkten ihr Mietauto etwas unglücklich, weshalb es abgeschleppt wurde. Auslösen konnten sie den Wagen erst nach der polizeilichen Mittagspause, die in Frankreichs Midi bis in den Nachmittag hinein dauert. Folge: Flug verpasst!
Zurück zu den angenehmeren Seiten von Cannes. Der traditionelle Swisslunch war dieses Jahr auf Freitag angesetzt und fand neu auf der Plage Miramar statt. Der Anlass schien uns in den letzten Jahren allerdings etwas besser besucht – just an diesem Tag nämlich stiegen auch in Cannes die Aussentemperaturen ins Unerträgliche. Sodass der eine oder andere geladene Gast wohl dem Verbleiben im klimatisierten Hotelzimmer den Vorzug gegeben hatte.
Am Samstag gabs endlich das grosse Finale. Wegen der Sicherheit wurde einiges anders abgewickelt als auch schon. So achtete man darauf, dass keine grossen Menschenansammlungen entstehen konnten, weshalb die Tore des Palais de Festival zwei Stunden früher geöffnet wurden als sonst. Die Gäste wurden einzeln mit Metalldetektoren gescannt, und die Damen mussten sich eine Kontrolle ihrer Handtaschen gefallen lassen. Diese Prozedur gehörte übrigens auch während der Woche zum Prozedere, wenn man ins Palais rein wollte.
Weil die Jury heuer weniger Löwen vergab als in anderen Jahren, ging die Verleihung zügig über die Bühne. Leider sah man bei der Party danach im «Palm Beach» nur gerade vier Eidgenossen (Shortlist-Autor inklusive). Das ist natürlich ganz schlecht: Denn in Cannes gute Werbung einzureichen, reicht heute einfach nicht mehr. Da muss man lobbyieren, mit Leuten aus anderen Teilnehmerländern sprechen – der CD nebenan könnte ja nächstes Jahr ein Jurymember sein – kurz:
Exzellent machten dies Ingrid Thommen von Condor, die bei den Belgiern am Tisch sass, und Nicole Spring und Melanie Auerbach von Central Kontra Productions, die sich zu den Chilenen gesellten. Also ihr Leute: Nicht den Schweizer Igel machen, sondern politisieren. Zu verstecken brauchen sich die Schweizer nach allem, was man in Cannes gesehen hat, nämlich nicht!
Zu guter Letzt: Dem Scherzkeks, der mir am Sonntagmorgen kurz vor elf Uhr den Escort-Service aufs Zimmer orderte, möchte ich hiermit und coram publico bestellen, dass er das vielleicht nächstes Jahr etwas früher tun sollte (bei Bestellung gleich auch die Kreditkartennummer angeben!) – oder grad ganz bleiben lassen könnte. Weil ich verschlafen hatte und gar gräuslich im Stress war, um noch rechtzeitig auf den Flughafen zu kommen, konnte ich die nicht unansehnliche Dame nicht mal mehr auf einen Kaffee einladen – und wer hier jetzt weiterdenkt, kann gleich noch die Bilder auf Seite 9 angucken und den Text dazu lesen…
Bleibt noch, den Sponsoren kräftig die dankende Hand zu schütteln. Die diesjährige Berichterstattung sowie die tägliche Shortlist auf dem Internet wurden ermöglicht durch die Firmen Absolutturnus, Adlink, Mailprofiler und Publimedia. Und ein Extra-Dankeschön geht an Nicole Steinegger von RMB. Sie organisiert jeweils weltmeisterlich den Cannes-Aufenthalt für viele Schweizer Gäste, samt Rahmenprogramm – und das mit der routinierten Perfektion eines Schweizer Uhrwerks.
Beat Fritsch

mit «Wilbert dem Grossen», Produzent und Flugzeugverpasser aus Germany, an Reiner Roduners Gartenparty in Cannes. Das war aber nur einer der unzähligen Events, die letzte Woche an der Côte über die Festivalbühnen gingen. Zusätzlich trifft man sich nicht nur an Fiestas, sondern jeweils auch noch zum abschliessenden Schlummertrunk auf der «Martinez»-Terrasse. Und das sind sehr spät angesetzte Schlummis (oder früh – hängt vom Zeitgefühl ab), denn im «Martinez» gehts erst um zwei Uhr morgens so richtig los. Weshalb auch diese Woche noch einzelne Cannes-Besucher mit Augenringen unterwegs gewesen sein dürften.
Welche Werber sich an Partys, an Festivals oder einfach auf einen Drink treffen, orten wir an den verschiedensten Veranstaltungen der Branche. Haben Sie jetzt schon etwas Spannendes zu berichten? Greifen Sie zum Hörer (01
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