«Unser Marktanteil darf nicht unter 30 Prozent fallen»

TSR-Chef Gilles Marchand über die Konkurrenz und das junge Publikum

TSR-Chef Gilles Marchand über die Konkurrenz und das junge PublikumZum seinem Amtsantritt kündigt der neue Generaldirektor der Télévision Suisse Romande (TSR), Gilles Marchand, eine sanfte Umorientierung an. Grundtenor: Die TSR müsse sich noch stärker am Publikum und am Markt orientieren. Der bisherige TSR-Informationschef, Philippe Mottaz, wird zum Direktor Informatik und neue Medien wegbefördert.Sie haben jüngst Ihre «Antrittsvorlesung» vor dem TSR-Personal gehalten. Welches waren für Sie die wichtigsten Messages, die Sie hinüberbringen wollten?
Gilles Marchand: Zuerst einmal: Der TSR geht es gesamthaft gut. Wir halten rund ein Drittel des Westschweizer Marktes, und dies, obwohl die Konkurrenz sich verdreifacht hat. Was zu verbessern bleibt, ist das interne Funktionieren des Senders. Im September kündigen wir eine neue Programmstruktur an, und nächstes Jahr gibt es weitere Neuerungen. Schliesslich meine ich, dass wir noch vermehrt das Marketing in unsere Überlegungen einbeziehen müssen. Auch der Sektor Interaktivität wird ausgebaut.
Hört man bei den TSR-Mitarbeitern herum, bekommt man das Echo: Marchand kommuniziert zwar sehr gut, aber was er kommuniziert, ist ein bisschen übervorsichtig. Ausser der Wegbeförderung von Mottaz gebe es wenig Änderungen in der Führungsstruktur. Es heisst, Sie wollten Neues schaffen mit der alten Crew.
Marchand: Das stimmt. Ich verzichte ganz bewusst darauf, alles umzukrempeln. Denn diesem Sender geht es grundsätzlich gut. Wir haben kein Feuer im Dach. Aber dass ich übervorsichtig sein soll, kann ich nicht gelten lassen. Es gibt zum Beispiel im Bereich Produktion viele Neuerungen. Aber wie gesagt: Ich will nicht ändern um der Änderung willen. Man kann nämlich einen Sender auch kaputt machen, wenn man zu forsch einfährt.
Sie sagen, dass es der TSR gut gehe. Aber wenn man die Zuschauerzahlen betrachtet, dann stellt man für den Sender in den vergangenen Jahren eine zwar leichte, aber doch stete Erosion des Marktanteils fest.
Marchand: Ja, aber auch so ist die Leistung von TSR immer noch eine sehr gute, wenn man bedenkt, dass sich die Konkurrenz vervielfacht hat.
Wen betrachten Sie denn als Ihre Hauptkonkurrenz? Die Grossen oder die Kleinen?
Marchand: Beide. Der wichtigste Hauptkonkurrent ist natürlich nach wie vor der französische Sender TF 1 mit 16 Prozent Marktanteil in der Romandie. Daneben haben wir aber auch eine diffuse Konkurrenz von Sendern mit kleinen Marktanteilen, die aber zusammen doch ins Gewicht fallen.
TSR hat doch vor allem bei den jungen Zuschauern ein Problem?
Marchand: Achtung, Sie dürfen die Latte hier nicht zu hoch setzen. Alle grossen europäischen Sender haben ihr Stammpublikum vor allem bei den über 40-Jährigen. Wenn man uns daran misst, schneiden wir ganz gut ab, übrigens auch besser als unsere Deutschschweizer Kollegen. Wir haben ein treues Publikum über 50 Jahre, das stimmt. Doch auch bei den Jungen sind wir Nummer eins. Aber natürlich müssen wir aufpassen, dass wir die Jungen noch vermehrt gewinnen. Nicht allein ihrer Kaufkraft wegen. Sie sind nämlich die Zuschauer von morgen. Dem tragen wir Rechnung, indem wir einen Sektor «jeunes» schaffen.
Was ist für Sie die kritische Schwelle, unterhalb der es für TSR schwierig würde, die Konzessionsgebühren zu rechtfertigen?
Marchand: Ich meine, wir sollten schon einen Marktanteil von
30 Prozent halten, sonst bekommen wir Schwierigkeiten.
Haben Sie nicht auch das Problem, dass Ihr Personal tendenziell überaltert ist?
Marchand: Wir beschäftigen 1200 Mitarbeiter aus allen Altersklassen, und wir rekrutieren permanent neue Leute. Aber Sie sprechen ein reales Problem an. Ich möchte es so formulieren: Wir haben in der Romandie eine Monokultur, die TSR ist praktisch allein im Bereich audiovisuelle Medien. Unsere Mitarbeiter haben keine Alternative. Das ist der Grund, dass viele schon 20 oder 30 Jahre im Haus sind. Die Situation ist schon sehr anders als in Zürich.
Seit Jahren heisst es, die TSR müsse mithelfen, die Entstehung eines Biotops von unabhängigen TV-Schaffenden zu ermöglichen. Es ist nicht viel passiert. Haben Sie Ideen, wie dieses alte Postulat verwirklicht werden könnte?
Marchand: Wir haben einige kleine Produktionsgesellschaften, mit denen müssen wir zusammenarbeiten. Auch die Zusammenarbeit mit Frankreich könnte intensiviert werden. Aber nochmals: Unser Markt ist sehr, sehr eng. Wir sind viel kleiner als die deutsche Schweiz.
Apropos Deutschschweiz: Die Kontakte zwischen der TSR und dem Fernsehen DRS sind sehr spärlich. Sollte da nicht etwas geschehen?
Marchand: Auf Direktionsebene wird diskutiert; ich habe nicht den Eindruck, dass zwischen Schellenberg und mir Welten liegen. Aber auf der Ebene Programme ist eine Zusammenarbeit schwer, denn die TV-Kulturen sind auf beiden Seiten der Sprachgrenze sehr verschieden. Ich habe in meiner früheren Tätigkeit bei Ringier Romandie die gleiche Feststellung bei der Schweizer Illustrierten und der Illustré gemacht: Es ist schwer, bei den Inhalten eng zusammenzuarbeiten.
Sie kommen aus dem Privatsektor und arbeiten nun in einem parastaatlichen Fernsehen. Ist das ein Kulturschock?
Marchand: Nein. Ich finde es faszinierend, in einem öffentlichen TV zu arbeiten, denn es ist einer der letzten Orte, wo Schweizer unterschiedlicher Couleur zusammenkommen. Es gibt hier viele motivierte Leute. Natürlich gibt es auch hier ein Trägheitsgesetz. Aber dieses ist ja beispielsweise auch in gewissen privaten Pressegruppen am Werk.
Und der Wechsel von der geschriebenen Presse zum Fernsehen – ein Kulturschock?
Marchand: Ja und nein. Ich stelle fest, dass die Grundaktivität ähnlich ist: Man will ein Publikum möglichst gut informieren und unterhalten. Aber die Produktionsmittel sind natürlich völlig verschieden. Da muss ich auch noch viel dazulernen.
Interview: Christophe Büchi
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