«Niemand interessiert sich für parteiisch gefärbte Informationen» /Hermann Strittmatter zu den Zeitungsprojekten von SP und SVP

«Niemand interessiert sich für parteiisch gefärbte Informationen»Hermann Strittmatter zu den Zeitungsprojekten von SP und SVPSowohl die Schweizerische Volkspartei (SVP) als auch die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS, siehe auch Seit

«Niemand interessiert sich für parteiisch gefärbte Informationen»Hermann Strittmatter zu den Zeitungsprojekten von SP und SVP
Sowohl die Schweizerische Volkspartei (SVP) als auch die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS, siehe auch Seite 21) wollen ihre kantonalen und internen Mitgliederinfos zusammenlegen und je eine mittelgrosse, teils werbefinanzierte Zeitung auf den Markt bringen, die auch beim Publikum ausserhalb der beiden Parteien bestehen soll. Haben beide Projekte überhaupt eine Chance? Hermann Strittmatter, Inhaber der GGK, Zürich, und SP-Mitglied, meint klar: Nein.
Hermann Strittmatter, ist das zeitliche Zusammenfallen dieser Projekte ein Zufall?
Hermann Strittmatter: Woher soll ich das wissen? Auf jeden Fall überschätzt Ihre Frage das intellektuelle Planungspotenzial einer Partei. Und falls Sie äussere Einflüsse ansprechen: Für die Gleichzeitigkeit besteht höchstens der Zusammenhang, dass die SVP noch kein Parteiblatt und die SP fast keines mehr hat.
Glauben Sie an das Wiedererstarken einer Art Parteipresse?
Strittmatter: Nein, weil sich ausser den Apparatschiks niemand für parteiisch gefärbte Informationen interessiert. Es handelt sich hier um reine Arbeitsbeschaffung. Das ist ja eigentlich eine gute Sache. Die Gefahr der ideologischen Nabelschau bleibt aber akut.
Das sagen Sie als SP-Mitglied auch von einem SP-Projekt?
Strittmatter: Ja natürlich, ich würde mich sonst nicht trauen, mich so darüber auszulassen.
Sie geben also der Parteipresse keine Chance mehr. Wie steht es aber um die NZZ? Als FDP-
nahes Blatt konnte sie sich bis heute halten und erst noch ein gutes Ansehen gewinnen.
Strittmatter: Aber nur, weil sie den Wandel des Schweizer Freisinns seit 150 Jahren mitgestaltet hat und in den unpolitischen Ressorts wie Feuilleton, Sport und sogar Lokales sehr liberal, intelligent und gut geschrieben ist.
Auch SVP und SP betonen, dass sie keine ideologisch gefärbte, sondern journalistisch gemachte Zeitungen auf den Markt bringen wollen. Trauen Sie das diesen Parteien nicht zu?
Strittmatter: Doch, doch, und es ist auch durchaus legitim, eine solche Zeitung machen zu wollen. Aber das Bedürfnis danach scheint mir in beiden Fällen nicht genügend ausgelotet zu sein. Überhaupt ist es kein Widerspruch: Ideen sind die Voraussetzung für Kommunikation.
Heisst das, dass eine Partei im besten Fall nur ein (selbst)kritisches Szenenblatt auf die Beine stellen kann?
Strittmatter: Das heisst, dass eine Partei keine publizistisch und finanziell erfolgreiche Zeitung machen kann. Sonst könnten diese Leute ja erfolgreich in der Wirtschaft arbeiten und dort das Zehnfache verdienen.
An welchen Hürden werden sie denn scheitern?
Strittmatter: An der Anforderung, über Themen und Geschehnisse so schreiben zu können, dass sie die Leser interessieren, und nicht so, wie sie den Verfasser interessieren. Dazu sind allerdings meiner Meinung nach Parteischreiberlinge nicht in der Lage, weil sie eine Parteiaufgabe erfüllen müssen: PR-Schreibe nennt man das.
Ab wann könnte man von Erfolg oder Misserfolg sprechen?
Strittmatter: Überhaupt nie, darüber muss man gar nicht sprechen, denn Parteiblätter mit dem erwähnten Anspruch sind ein Widerspruch in sich und darum nicht lebensfähig.
Werden die beiden Zeitungen auch auf dem Werbemarkt erfolglos sein? Immerhin öffnen sie sich neu für Werbung und haben voraussichtlich klar definierbare Zielpublika, die mittlerweile auch recht kaufkräftig sind.
Strittmatter: Das Zielpublikum mag noch so gut oder gross sein: Wenn in diesem Zielpublikum niemand diese Produkte konsumiert, ist es sinnlos, darüber zu sprechen. Und wenn die beiden Blätter sich neuerdings für Werbung öffnen, mag das zwar interessant sein, aber bei den Linken werden nur Inserenten mit esoterischen Angeboten, Kulturveranstalter oder Denner mit seinen Initiativen inserieren. Und bei der SVP werden nur jene inserieren, die versuchen wollen, in diese Kreise reinzukommen.
Welche Konsequenzen könnten das SVP-Blatt auf die Schweizerzeit und das SP Blatt auf die WochenZeitung (WoZ) haben?
Strittmatter: Die WoZ und die Schweizerzeit verfügen über eine Eigenständigkeit, die vom Parteizirkus nicht tangiert wird. Wie der Blick, der Tagi, die NZZ und andere erfolgreiche Medien.
Interview: Markus Knöpfli
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