Le Matin wird werktags handlicher

(Fast) alles neu macht beim welschen Verlagshaus Edipresse der Mai

(Fast) alles neu macht beim welschen Verlagshaus Edipresse der MaiVon Christophe BüchiNach langem Hin und Her wagt Edipresse den grossen Schritt: Ab 8. Mai kommt Le Matin an Wochentagen im Tabloidformat zu den Leserinnen und Lesern. Die Sonntagsausgabe LeMatin-Dimanche wird teilweise verselbstständigt, bleibt aber beim alten Format.
Das Soft-Boulevardblatt Le Matin, welches aus der einstigen Tribune de Lausanne herausgewachsen ist, bildet einen eigenartigen Zwitter. Werktags tritt es als sprachregionale Morgenzeitung mit einer Auflage von gut 66000 Exemplaren auf, die teilweise die Edipresse-Zeitungen 24 Heures und Tribune de Genève konkurrenziert. Am Sonntag dagegen ist LeMatin-Dimanche einsamer Leader auf dem welschen Markt. Sein Monopol wurde auch durch das neue Ringier-Blatt dimanche.ch nur marginal angeknabbert. Die Auflage übersteigt am Tage des Herrn 220000 Exemplare, womit die Zeitung eine fabelhafte Reichweite von 603000 Lesern erreicht – und dies auf einem Markt, der nur etwas mehr als das Doppelte an Einwohnern zählt.
Le Matin hat nicht nur zwei Seelen in der Brust, sondern auch zwei ganz unterschiedliche Bilanzen. Die Sonntagsausgabe ist die eigentliche «cash cow» im Stall Edipresse und dürfte zweistellige Millionengewinne eintragen. An Wochentagen dagegen befindet sich Le Matin unter der Wasserlinie. So genau lässt sich das aber nicht eruieren, da Le Matin und LeMatin-Dimanche nicht getrennte Profitcenter sind und die Kosten gemeinsam getragen werden. Dennoch wird die Werktagsausgabe von der Sonntagsausgabe eigentlich quersubventioniert. Deshalb bieten welsche Medieninsider regelmässig das Gerücht über eine Einstellung der Werktagsausgabe herum. Doch Edipresse ist vor diesem Schritt noch immer zurückgewichen, in der Überzeugung, dass er auch die Rentabilität der Sonntagsausgabe einschränken würde.
Widerstände in der Redaktion gegen das neue Format
Immerhin: Nach langem Zögern haben die Edipresse-Manager nun doch beschlossen, bei Le Matin einen Neuanfang zu wagen. Von Verlagsleiter Théo Bouchat wusste man schon seit längerem, dass er einen Übergang zum Tabloidformat wollte. Freilich wurde der endgültige Entscheid ständig verschoben. Denn der neue Le-Matin-Chefredaktor, Daniel Pillard, ein Macher, der letztes Jahr von der Spitze des Ringier-Magazins L’Illustré weggelockt wurde, hatte bis Weihnachten mit einer eigentlichen Redaktions-Fronde zu kämpfen, die ihn fast Hals und Job gekostet hätte.
Offensichtlich fürchteten alte «Le-Matin-Hasen» eine radikale Boulevardisierung des Blatts. Zudem scheinen gruppendynamische Prozesse gespielt zu haben. Pillard kommt, wie Bouchat und 24-Heures-Chefredaktor Jacques Poget, von Ringier. «Fremde Fötzel» haben es aber im Treibhausklima der Edipresse schwer: Dies musste bereits Bouchats Vorgänger Jacques Pilet erfahren, der nach nur kurzem Gastspiel als Edipresse-Verlagsleiter wieder hinausgeekelt wurde.
Aber nun ist der Sturm vorüber. Wie Le-Matin-Chefredaktor Pillard gegenüber der WerbeWoche bestätigt, steht fest, dass Le Matin ab 8. Mai im Tabloidformat erscheint. Genaueres zum neuen Layout wird noch geheim gehalten. Zwar wurden bereits mehrere Nullnummern produziert, aber zuerst will man noch die Feineinstellung verbessern, bevor man Kunden und Medien aufklärt. Die Marschrichtung steht für Pillard aber fest: Le Matin soll frischer, frecher und urbaner werden.
Zudem soll künftig zupackender recherchiert und geschrieben werden. Das halbierte Format zwingt ja auch zu stärkerer Konzentration und Fokussierung. Auf die Frage, ob jetzt die Redaktion hinter dem neuen Konzept stehe, versichert Pillard: «Bestimmt. Die Konflikte, die wir hatten, drehten sich nicht ums Konzept, sondern um meine Managementmethoden. Viele Redaktoren wollten im Grunde genommen keinen richtigen Chef, sondern weiterhin nach eigenem Gusto schalten und walten.»
Werden die Pendlerzeitungen ausgebremst?
Der Übergang zum Tabloidformat kommt also einem Befreiungsschlag gleich, der die Redaktion wie auch die Aussenwelt gleichermassen aufrütteln soll. Bouchat und Pillard dürften aber auch die Erfahrungen mit den Deutschschweizer Pendlerzeitungen genau verfolgt haben.
Mit dem neuen, handlichen Format soll dafür gesorgt werden, dass solche Konkurrenten gar nicht erst auf den Plan treten. Fragt sich nur, wie die eher konservativen welschen Medienkonsumenten auf die kleine Revolution aus dem Haus Edipresse reagieren werden. Immerhin ist ihnen das Tabloidformat bereits von den Wochenzeitungen Coopération (Coop) und Construire (Migros) her vertraut.
Vor einer radikalen Revolution am Sonntag dagegen will Edipresse nichts wissen: Le Matin-Dimanche kommt weiter im trauten Zeitungsformat daher. Doch ist auf den 13. Mai ein renoviertes Layout der Sonntagsausgabe angesagt. Zudem bekommt sie eine eigene Redaktion, die ab April unter der Leitung von Michel Zendali steht.
Der «Pilet-Boy» (Zendali über Zendali) ist ein politischer Journalist ohne Berührungsangst vor dem Boulevard, der bei Le Nouveau Quotidien und L’Hebdo seine Sporen abverdient hat. Als Chef einer eigenen Equipe hat Zendali die Möglichkeit, Le Matin-Dimanche eine eigene Unternehmenskultur mit einer Wochenzeitungsidentität zu verleihen. Aber Zendali wird Pillard unterstellt: Die Trennung zwischen Werktags- und Sonntagsausgabe geht bei Le Matin also weniger weit als bei Blick/SonntagsBlick und Tages-Anzeiger/SonntagsZeitung.
Man sieht: Wenn schon eine Revolution, dann will Edipresse am Sonntag eine Revolution ohne Blutvergiessen. Das bereits legendäre Misstrauen der Lamunière-Gruppe vor allzu radikalen Veränderungen ist nachvollziehbar: Le Matin-Dimanche ist so erfolgreich, dass man sichs schon zweimal überlegt, bevor man etwas ändert.
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