Virus sendet aus Hülle mit Fülle

Er ist erst seit 14 Monaten auf Sendung und hat schon das modernste Studio der Deutschschweiz: Die Rede ist vom DRS-Radio Virus, das am 18. Januar sein volldigitales, 4,5 Millionen Franken teures Studio einweihen konnte.

Er ist erst seit 14 Monaten auf Sendung und hat schon das modernste Studio der Deutschschweiz: Die Rede ist vom DRS-Radio Virus, das am 18. Januar sein volldigitales, 4,5 Millionen Franken teures Studio einweihen konnte.Doch weder der Toast auf die neueste Technik noch der unbekümmert auf Zweckoptimismus eingestellte Virus-Programmleiter François Mürner konnten davon ablenken, dass der junge Sender (jährliches Betriebsbudget: 2,75 Millionen Franken) vor Problemen steht: Der Ausbau des digitalen Radios (DAB) ist seit Monaten sistiert – dabei hatte Virus beim Start so sehr auf dieses Konzept gesetzt. Die Empfangsgeräte sind nach wie vor zu teuer und zu benutzerunfreundlich. Kommt dazu, dass Virus längst nicht in allen Kabelnetzen präsent ist. Erst rund die Hälfte der 2,5 Millionen Deutschschweizer Kabelhaushalte können den Sender empfangen. Dieses Problem will DRS-Radiodirektor Walter Rüegg allerdings «bis Ende Jahr in den Griff kriegen». Und obwohl er vom Bundesamt für Kommunikation im letzten Sommer zurückgepfiffen worden war, werde er früher oder später den «Fight for Frequency» (Kampf für eine UKW-Frequenz) wieder aufnehmen, sagt er. Dennoch: Ein grosser Teil der von Virus digital produzierten Daten verpufft derzeit ungehört und unbeachtet.
Berufsbedingt redet Virus
seine Zahlen schön
An diesem Befund ändert auch die Tatsache nichts, dass Mürner eine Zahl hinaus posaunt, die er gemäss Publica Data unter Verschluss halten müsste, weil sie anders erhoben wurde als die Radiostudie: Laut einer Konso-Umfrage (1300 Telefoninterviews) kam Virus im letzten September im weitesten Hörerkreis auf 300000 Personen ab 15 Jahren.
Viel sagt diese Zahl nicht, vor allem sagt sie nicht, wie oft und wie lange der Sender genutzt wird. Zudem ist sie ohne die Zahl von Radio 105, die von Konso mit erhoben wurde, ziemlich wertlos. Und die gibt niemand heraus. Heinrich Anker, Medienreferent von Radio DRS, sagt immerhin so viel: «Nach einem Jahr sind wir gegenüber Radio 105 mit seinem zweijährigen Vorsprung noch immer im Hintertreffen.»
PR-Aussagen wie «Virus wird…in der Jugendszene weiterhin den Ton angeben» (Pressetext) sind deshalb unglaubwürdig. Andere wie «Der DAB-Ausbau geht rasant vorwärts» (www.virus.ch) klingen geradezu hohl und werfen die Frage auf, ob man bei Virus mehr Gewicht auf volldigitale Hülle denn auf Inhalt legt oder ob bewusst schöngefärbt wird. Wer François Mürner schon live erlebt hat, tippt eher auf Letzteres. (mk)
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