Kein Musikgehör für ein Portal

Die SRG verzichtet vorerst auf eine Koordination ihrer Webangebote, erlaubt aber deren Kommerzialisierung

Die SRG verzichtet vorerst auf eine Koordination ihrer Webangebote, erlaubt aber deren KommerzialisierungVon Daniel SchifferleWürde die SRG ihre verstreuten Internetangebote besser koordinieren, könnte sie im Netz leicht zur Schweizer Marktführerin werden. Doch der Weg zu einem gemeinsamen Portal ist weit. Immerhin dürfen die einzelnen SRG-Sites jetzt aber kommerzialisiert werden.
Bei der SRG geht der Traum jedes Webmasters in Erfüllung: Content in Hülle und Fülle, täglich produziert für die mehr als ein Dutzend Radio- und TV-Programme, steht auch für deren Internetsites zur Verfügung. Und macht sie mit von der SRG geschätzten 15 Millionen Page Impressions pro Monat zu den erfolgreichsten in der Schweiz überhaupt.
Detaillierte Nutzungszahlen stehen zwar nicht für alle Webangebote zur Verfügung, doch nur schon der Erfolg von www.sf drs.ch lässt die Publikumsgunst erahnen, die die SRG auch im Internet geniesst. Denn laut der letztjährigen MA Comis der Wemf steht die Site von SF 1 und SF 2 an der Spitze der Deutschschweizer Mediensites überhaupt, noch vor blick.ch.
Nähme man auch noch die Radio- und TV-Sites in der Romandie und im Tessin hinzu, käme die SRG wohl spielend in die Nähe des Schweizer Marktleaders blue win.ch, dessen weitetester Nutzerkreis (WNK) mit 859000 Personen nur rund doppelt so gross ist wie jener von sfdrs.ch.
Doch genau hier liegt das grosse Problem der Internetpräsenz der SRG: Alles ist lose verstreut auf über einem halben Dutzend einzelner Sites. Zusammengefasst in einem gemeinsamen Portal würde daraus ein geballtes Angebot – und eine Plattform, die sich auch für die Kommerzialisierung geradezu anbietet.
In der Portalfrage findet die
Publisuisse kein Musikgehör
Deshalb hat Publisuisse-Direktorin Ingrid Deltenre bereits vor mehr als einem Jahr in einem Facts-Interview die Bedeutung des Internets für die SRG hervorgehoben und ihre Wünsche nach einer schnellen Erschliessung dieses Potenzials geäussert. Noch im vergangenen November kündigte sie in der WerbeWoche (WW 42/00) baldige Beschlüsse an, die den Start einer gemeinsamen SRG-Plattform freimachen sollten. Deltenres Traum: Ein SRG-Portal, das die ganze Power der jetzt noch separaten Angebote zusammenführt. Und sich vermarkten lässt. Idee, Konzept und Businessplan – alles liegt in den Schubladen der Publisuisse zum Umsetzen bereit.
Doch der Vorstoss ist stecken geblieben. Mitte Januar hätte ein Grundsatzentscheid fallen sollen, ob die einzelnen Sites in Richtung gemeinsames Portal einschwenken oder nicht. Doch nichts ist geschehen. Gegenüber der WerbeWoche erklärte Deltenre, sie sei nicht mehr zuständig für die Portalangelegenheit und sie dürfe auch nicht dazu Auskunft geben.
Ist damit der Traum vom SRG-Portal definitiv vom Tisch? SRG-Sprecherin Josefa Haas relativiert: «Der Vorstoss der Publisuisse wird auf Ebene Geschäftsleitung angeschaut und diskutiert. Entscheide dafür oder dagegen sind jedoch noch keine gefallen. Aber es wird weiterhin intensiv analysiert und diskutiert», sagt sie und präzisiert mit Blick auf ein gemeinsames Portal: «Wenn wir sehen, dass gewisse Anliegen national geregelt werden müssen, dann liegt der Entscheid bei der Geschäftsleitung». Aber zumindest im Augenblick scheinen die einzelnen Abteilungen innerhalb der SRG ihr sprichwörtliches Gärtchendenken nochmals voll durchgesetzt zu haben.
Service für Gebührenzahler, kein eigenständiges Angebot
Dabei war der gemeinsame Weg angelegt. Denn Radio-DRS-Chef Walter Rüegg, in der SRG der führende Mann, was Internetangebote betrifft, sollte auch die Fäden ziehen für das Zusammenschnüren der diversen Sites. Doch statt eines gemeinsamen Weges wird nun daraus zumindest vorderhand ein Alleingang: Rüegg wird für Radio DRS noch in diesem Sommer ein neues Internetangebot auf die Beine stellen.
Trotzdem will SRG-Sprecherin Haas nicht von mangelnder Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen den Unternehmenseinheiten reden. «Die Internetverantwortlichen tauschen sich innerhalb der SRG SSR regelmässig aus», sagt sie.
Gleichzeitig erinnert sie an die Strategie der SRG, wenn es um neue Technologien geht. Dabei habe man sich ganz bewusst auf ein schrittweises Vorgehen geeinigt. «Wir wollen die Entwicklung sorgfältig beobachten, und nicht überstürzt auf neue Technologien abstellen, die sich im Markt noch nicht breit durchgesetzt haben», sagt Haas.
Sie streicht eine zentrale Aufgabe hervor: «Die Internetangebote sind ganz klar als Service für die Gebührenzahlerinnen und -zahler positioniert: Ein weiterer Kanal, auf dem sie Produkte konsumieren können, für die sie bereits Gebühren entrichten und zusätzliche Informationen dazu erhalten.»
Doch dies gilt nur für jene SRG-Kunden, die auch wissen, wie sie das Gesuchte finden. So lange die Sites nicht in einem Portal zusammengefasst sind, gibt es auch keine Transparenz über das gesamte Angebot. Zwar nennt die SRG zwei Hauptzugänge, mit denen sämtliche einzelne Websites verlinkt seien: Auf der internationalen Ebene die Site swissinfo.org von Schweizer Radio International, und auf der nationalen Ebene die Site srg.ch. Doch ist Letztere vor allem für die Corporate Communication reserviert, und auch swissinfo.org dürfte beim Publikum kaum als Einstiegsort bekannt sein, von dem man zu den Sites der verschiedenen SRG-Abteilungen gelangen kann.
Erschwerend für die Suche ist zudem die Tatsache, dass die Internetangebote gar nicht oder nur ganz leise beworben werden. Trotz fehlender Promotion bedient sich das Publikum jetzt schon reichlich. Mehr als 100000 Audio- und Video-Files werden pro Monat von den verschiedenen Sites heruntergeladen, schätzt Haas. Eine erstaunliche Zahl, wenn man bedenkt, wie mager die Qualität der Videostreamings heute noch ist – und Beleg für ein verbreitetes und weiter wachsendes Bedürfnis, Sendungen zeitverschoben konsumieren zu können.
Doch trotz dieser rosigen Perspektiven bleibt die Hülle und Fülle der diversen Sites vorderhand noch im SRG-Kosmos verstreut. Immerhin erhält Publisuisse-Chefin Ingrid Deltenre ein Zückerchen: Die einzelnen Sites dürfen jetzt kommerzialisiert werden.
Ein wichtiger Schritt, denn bisher wurde erst auf sfdrs.ch Bannerwerbung verkauft und auch hier nur sehr zurückhaltend. Doch auch mit dieser Öffnung behalten die SRG-Abteilungen das Sagen, denn ob und wie die Kommerzialisierung geschieht, dafür muss die Publisuisse mit jeder Unternehmenseinheit separat verhandeln.
Top-MedienSites in der Schweiz1

Site WNK2sfdrs.ch 419000
blick.ch 417000
tages-anzeiger.ch 305000
nzz.ch 255000
tv3.ch 176000
sonntagsblick.ch 170000
facts.ch 169000
cash.ch 150000
beobachter.ch 143000
bettybossi.ch 135000
sonntagszeitung.ch 121000
1 Quelle: Wemf, MA Comis 2000; 2 Weitester Nutzerkreis: Anzahl Personen, welche die Website in den letzten sechs Monaten genutzt hat.
Webangebote der srg

Site Unternehmenseinheitwww.srg.ch SRG SSR idée suisse
www.swissinfo.org Schweizer Radio International
www.sfdrs.ch SF DRS
www.drs.ch Radio DRS
www.tsr.ch Télévision Suisse Romande
www.rsr.ch Radio Suisse Romande
www.rtsi.ch Radio Televisione di Lingua Italiana

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