Miese Tricks in Las Vegas

Ein Spaziergang durch die Hölle, wo die Münzen himmlisch klingeln

Ein Spaziergang durch die Hölle, wo die Münzen himmlisch klingelnvon David H. Guggenbühl-Meile und Martin R. Bloch*
Las Vegas ist eine künstliche Oase in der Wüste Nevadas. Die von Menschen geschaffene Vergnügungswelt lullt den Besucher ein: Rasch verliert er das Gefühl für Zeit und Raum, Licht und Schatten. Das hat System, denn in Las Vegas geht es nur um eines: ums Geld.
Zeit spielt in Las Vegas keine Rolle; im Gegenteil. Je mehr davon vorhanden ist, desto besser. Wer die riesigen Katakomben von Las Vegas betritt, diese überdimensionierten Spielhöllen, der wird eines kaum zu Gesicht bekommen: eine öffentliche Uhr.
Auf tagelangen Streifzügen durch Las Vegas entdeckt man gerade eine einzige Zeitmesserin – eine grosse Rolex vor dem Schaufenster eines Juweliers. Wie der Teufel das Weihwasser fürchtet Las Vegas die Uhren. Nichts, aber auch gar nichts soll den Spieler an die Zeit erinnern. Las Vegas ist nicht auf Zeit eingestellt, dafür aber aufs Spielen.
Wenn der Spieler am Black-Jack-Tisch sitzt oder vor einem der unzähligen einarmigen Banditen, darf er nicht an die Zeit denken, die wie die Dollars durch seine Finger rinnt. In Las Vegas ist sie tabu wie Sex in einer Klosterschule. Der Spieler soll sich im zeitlosen Raum verlieren, nur mit dem beschäftigt, was den Kasinos Geld bringt: dem Spiel.
Und weil es Zeit nicht geben darf, fürchten Kasinos nebst den Uhren das Tageslicht. Kein Glimmern, kein Schatten, kein Strahl dringt von draussen in die grossen Hallen. Die Spielhallen zeigen sich vielmehr in einem seltsamen Dämmerlicht, nicht Morgen und nicht Abend, schon gar nicht Mittag und sicher niemals dunkle Nacht, Schlafenszeit. Zeitlos eben.
Viele Wege führen hinein,
aber keiner raus
Zum Beispiel das Hotel Paris. Ein Hotel wie jedes andere. Riesig, riesig, riesig; 3000 Zimmer, vielleicht auch 4000. Und im Zentrum eine gigantische Spielhalle hinter einem nachgebauten Eiffelturm im Massstab 1:2, im Dämmerlicht natürlich und selbstverständlich ganz ohne jede Uhr.
Aber auch ohne jeden Ausgang. Denn das ist gleichwohl verpönt in der Spielerstadt: der Ausgang. Alle Wege führen nach Las Vegas, aber kein Weg führt wieder hinaus. Ausgänge sind grundsätzlich nicht gekennzeichnet und eigentlich kaum zu finden. So bleibt dem Hotelgast nichts anderes übrig, als tapfer durch die Hallen zu marschieren, einmal links und einmal rechts, einmal nach oben einmal nach unten, vorbei an diesen matten Gestalten, die vor den Automaten sitzen, mit einem Popcornbecher voller Kleingeld in der Hand, apathisch das Gerät fütternd, durch die endlosen Schluchten von Spielautomaten, mit dem einen Ziel vor Augen: Es werde Tageslicht.
Doch nicht nur die Ausgänge sind fast unauffindbar: Die Réception hält sich versteckt, die Toiletten sind in der entferntesten Ecke, die Lifts kaum und die Bar nur schwach im Hintergrund zu erkennen.
Ein Klingeln, als würden
Engelein singen
Doch man höre und staune: In den Katakomben von Las Vegas erklingt ein himmlisches Bimmeln ohne Unterlass.
Da sind einmal die Automaten, die Geld ausgeben und Gewinne auszahlen. Sie klingeln oder rasseln ab und an im Chor mit dem johlenden Jubilieren der glücklichen Gewinner. Manche sitzen aber auch einfach da und nehmen die Auszahlung hin wie die Schelte der Gattin nach zwanzig Jahren Ehe: emotionslos, gelassen, abgebrüht. So schnell haut sie nichts mehr um.
Manche Automaten setzen gar eine Sirene in Betrieb, schriller als jeder Alarm und so laut, dass sie keiner in der riesigen Halle überhört und jeder weiss: Da, jetzt gerade, in diesem Augenblick, gewinnt wieder einer! Und weil das jedermann sein könnte, auch das ärmste Schwein, sollte man, diese Botschaft will die Sirene wohl vermitteln, hoffnungsfroh weiterspielen. Bis kein Geld mehr im Portemonnaie ist.
Und all dieses Gebimmel, Geläut und Gejohle, all diese Sirenen verweben sich zu einer wunderbaren Einheit: zu einem endlosen, zeitlosen Grundton, der nach dem grossen Geld klingt. Diskret meist, zwischendurch schrill, aber immer gerade laut genug, dass es jeder hört, klimpert also der Zaster im Hintergrund. Und jeder denkt sich: Hier gibt es etwas zu gewinnen.
In Las Vegas riechen die
Träume nach WC-Ente
Wohin man auch geht, der Geruch ist schon da, überall in Las Vegas. Ob im Hotelzimmer, in den Gängen, in den Hallen, an der Réception – sogar bis in die Toiletten verfolgen sie die Besucher; diese süsslichen Duftschwaden, eine Mischung von Kaugummi und Bodenwichse, WC-Ente und Himbeersirup.
Und weil er überall ist und überall gleich, gibts dafür nur eine Erklärung. Es muss sich um den süsslichen Duft des Geldes handeln, der den Gast in Las Vegas auf Schritt und Tritt begleitet und ihn ständig daran erinnert, dass er viel gewinnen kann und wo er sein Glück in die Wege leiten soll. Sweet dreams.
Hier wollen alle nur das eine: Geld und nochmals Geld
Kennen Sie die Einrichtung der Minibar in den Hotelzimmern? Aus der man sich abends auf dem Zimmer noch etwas gönnt und sich dann entspannt noch irgendeinen belanglosen Film aus dem Fernseher reinzieht?
In den riesigen Hotels von Las Vegas gibt es grandiose Hotelzimmer. Sie sind dermassen gross, dass sich jeder Bewohner wie ein kleiner Fürst vorkommt. Ist auch gut so, denn ein Fürst gibt fürstliches Trinkgeld und findet für sein Geld wahrscheinlich auch sonst grosszügige Verwendungszwecke. Eine Minibar aber findet sich in keinem Hotelzimmer von Las Vegas. Einzig eine Flasche miesen Trinkwassers steht im Badezimmer.
Und das Fernsehprogramm ist so lausig, dass man sich im Hotel Garni in Oberglatt wähnt. Wer Unterhaltung will, soll nicht fernsehen, sondern gefälligst in die Katakomben hinunter, in die klingelnde Dämmerung, er soll bitteschön durch die Gänge wandeln und spielen, bis er kein Geld mehr hat.
Und wer Durst hat, der soll ebenfalls in die Halle runter, in irgendeine Bar, die man nur schwach im Hintergrund erkennt, soll durch die Gänge wandeln, zu den Automaten und spielen, bis auch ihm das Geld ausgeht.
Aber auch in einem solchen Fall ists noch nicht vorbei, gibt es noch Hoffnung, denn das freundliche Hotelmanagement informiert den Gast im Hotelprospekt über die vielen Möglichkeiten der Kreditvergabe. Give me cash, honey.
Das ist Las Vegas, eine Stadt mitten in der Wüste, die gelernt hat, mit der Künstlichkeit zu leben, und die es besser als jede Stadt auf dieser Welt versteht, dem Besucher das Geld aus der Tasche zu ziehen.
*David H. Guggenbühl-Meile und Martin R. Bloch sind Partner der Agentur Bloch Guggenbühl Associates AG in Zürich.
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