«Autos zu bauen braucht mehr als nur eine Idee»

Smart-Vater Johann Tomforde über Geburt und Werden seiner Vision

Smart-Vater Johann Tomforde über Geburt und Werden seiner VisionDer bei Mercedes gross gewordene Automobildesigner Johann Tomforde hat im Smart seine Vorstellung eines urbanen Kleinstautomobils verwirklicht. Zwanzig Jahre dauerte es, bis die Vision des Designprofessors mit Lehrauftrag an der Hochschule Pforzheim serienreif war und durch das Joint Venture zwischen Swatch und Mercedes endlich doch noch auf die Strasse kam.Man bezeichnet Sie als den Urvater des Smarts. Wie sah denn der Ursmart aus?
Johann Tomforde: Mit der Geschichte des Smarts könnte man tatsächlich Bücher füllen. Sie begann damit, dass sich die Leute, getrieben durch die stärker an ökologischen Fragen orientierte Bevölkerung, für Fahrzeuge interessierten, die kompakter sind und weniger Energie und Fahrfläche brauchen. Bei der Entwicklung des Smarts habe ich mich an meine Studien erinnert, die ich Mitte der Siebzigerjahre bei Mercedes für einen City Car gemacht habe. Um mit dem Designteam von Mercedes und meinem kalifornischen Advanced Design Team ein Fahrzeug zu entwickeln, das nicht nur ökologisch vorbildlich war, sondern vor allem emotional ganz andere Wege gehen sollte, grub ich dieses Thema 1990 wieder aus.
Welche Vision wird im Smart repräsentiert?
Tomforde: Wir wollten ein Fahrzeug für Leute bauen, die in Balancegebieten mobil bleiben möchten und die allein oder zu zweit fahren. Das ist nach wie vor die Mehrheit. Sie brauchen nur in die Autos zu schauen morgens und abends. Es sind ein bis zwei Personen drin. Wir wollten nicht einen Zweitwagen entwickeln, der für Mütter geeignet ist, sondern erreichen, dass Männer, die normalerweise mit dem grossen Auto ins Büro fahren und es den ganzen Tag stehen lassen, mit unserem Fahrzeug sparsamer zur Arbeit fahren. Unsere Vision war kein Verzichtauto, sondern eines, das Spass machen sollte, obwohl es sehr klein und kompakt ist. Als dann die Verkündung von Herrn Hayek kam, dass er ein Swatch-Auto bauen möchte, spornte mich das noch zusätzlich an. Aus diesem Grund trieb ich mit meinem Team die Entwicklungen so weit, dass wir erste Prototypen bauten.
Was trug Nicolas Hayek zum Smart bei?
Tomforde: Der Gründung des Joint Ventures zwischen Swatch und Mercedes im Jahre 1994 gingen eineinhalb Jahre Verhandlungen mit Herrn Hayek voraus. Man kann sich vorstellen, dass auch er gross herauskommen wollte bei diesem Projekt. Aber um Autos zu bauen, braucht man etwas mehr als nur eine Idee. Da muss man auch wissen, was man zu realisieren hat. Diese Konstellation führte eben dazu, dass wir ein komplettes Konzept bereits entwickelt hatten, angefangen bei einer ganz neuen Vertriebsstrategie, einem neuen Markenauftritt und einem ganz neuen Produktionssystem.
Befürchteten Sie nie einen Flop?
Tomforde: Wir haben natürlich Studien gemacht. Wir haben auch mit unseren Prototypen lange vor der Enthüllung dieses Joint Ventures Befragungen durchgeführt und Focusgruppen interviewt. Dabei stellten wir fest, dass eine Menge Leute begriffen hatten, dass man solche Fahrzeuge brauchen wird. Aber der rationale Grund war für sie weniger interessant als der emotionale Faktor, ein originelles Auto zu fahren, das Spass macht, das einfach auch anders ist als die anderen Autos. Das war damals die Motivation der Leute, sich für ein Fahrzeug dieser Art zu begeistern. Und diese Begeisterung gab uns den Mut, das Projekt durchzuziehen. Allerdings mussten wir in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre er- leben, dass das Thema Ökologie einen immer niedrigeren Stellenwert einnahm. Diese Einstellung hat uns dann leider etwas gebremst in der ganzen Weiterentwicklung. Statt der Elektroantriebe etwa wurden zunächst der Benzin- und der Dieselmotor weiter entwickelt.
Ist der Smart nicht eher ein Luxusspielzeug als ein Auto?
Tomforde: Wenn Sie heute in die Balancegebiete kommen, sei das nun in Zürich, Mailand oder
Rom, ist der Smart in allen Grossstädten Europas das Kultauto. Ich freue mich über die Leute, die in diesen Fahrzeugen sitzen, nicht nur, weil sie begriffen haben, worum es uns geht, sondern weil diese Menschen Trendsetter für viele Dinge sind. Diese Leute setzen die Signale für alle, die erst in vier, fünf Jahren begreifen, was die Zeit geschlagen hat. Wenn es einer Marke gelingt, diese anspruchsvolle Käuferschicht zu überzeugen, hat sie gewonnen.
Weshalb sind Sie vom Auto fasziniert?
Tomforde: Vielleicht darum, weil schon mein Vater ein Autonarr war, er fuhr nämlich Ralleys. Das Auto faszinierte mich von Kindsbeinen an. Bereits mit 15 Jahren baute ich einen VW Käfer total um. Danach liess mich das Thema Automobilität nicht mehr los. Nur bin ich in meinen Gedanken viel weiter, als es die Fahrzeuge sind, die man heute auf den Strassen sieht.
Womit beschäftigen Sie sich denn heute?
Tomforde: Heute arbeite ich in der Freizeitfahrzeugbranche in der grossen Hymer-Gruppe, die europäische Marktführerin für mehrere Reisemobilarten ist. In meinem Innovations- und Designcenter in Pforzheim setze ich mich mit freizeitorientierten Fahrzeugen auseinander und entwickle neue Fahrzeugkonzepte und neuartige Produkte für die Automobilindustrie. Seit 1977 habe ich ausserdem einen Lehrauftrag für Automobildesign an der Hochschule für Gestaltung, Wirtschaft und Technik, ebenfalls in Pforzheim. Er macht mir unheimlich viel Spass, weil ich Projekte verfolgen kann, die in diesem Augenblick in der Automobilindustrie noch keine Verwendung finden. Die Hochschule in Pforzheim ist denn auch die bekannteste Ausbildungsstätte für Automobil- design in Deutschland, wenn nicht sogar in ganz Europa. Hier werden die Designer für die Automobilindustrie sozusagen gezüchtet.
Wohin steuert das Automobil?
Tomforde: Ich will Ihnen ein Stichwort geben: In Anbetracht der ungeahnten Möglichkeiten, die heute durch die neuen Medien, aber auch die Materialien, die Technologien und Entwicklungswerkzeuge gegeben sind, werden wir vor allen Dingen in punkto Nutzung und Vernetzung des Automobils und der verschiedenen Verkehrsmittel in Zukunft ganz neue Wege gehen. Man muss nicht jedes Fahrzeug besitzen. Dieses Benutzen von Artikeln, die man über einen gewissen Zeitraum hinweg als persönliches Ambiente gerne um sich hat, ist es, was mich sehr beschäftigt. Interview: Ernst Weber
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