«Die Nachfrage nach Businessinformation boomt»

Phil Revzin von Dow Jones zur Dynamik der internationalen Wirtschaftspresse

Phil Revzin von Dow Jones zur Dynamik der internationalen WirtschaftspresseDow Jones ist Herausgeber des Wall Street Journals (WSJ), der Far Eastern Economic Review (FEER) und anderer Wirtschaftspublikationen. Der US-Medien- und Verlagskonzern steht unter anderem auch hinter den Dow-Jones-Börsenindizes. Phil Revzin ist ehemaliger Chefredaktor des WSJ-Europe und leitet heute das Asiengeschäft von Dow Jones. Ausserdem ist er Herausgeber und Chefredaktor der FEER. Deren neues Konzept und Design stellte Revzin in Zürich vor.Würden Sie die vergangenen Jahre als Boomjahre für die internationale Wirtschaftspresse bezeichnen?
Phil Revzin: Alle sind fasziniert von Wirtschaft, Börse und Geld. Das ist natürlich sehr attraktiv für die Anbieter von Businessinformationen. Das Wall Street Journal in Amerika boomt auf unglaubliche Weise, es ist so erfolgreich wie nie zuvor. In Europa war der Relaunch des WSJ im Februar sehr erfolgreich. Die Auflage wächst in Richtung 100000 Exemplare. Die Allianz mit dem Handelsblatt funktioniert für beide Seiten grossartig. Die Nachfrage nach Businessinformation boomt aber nicht nur im Print, auch Internet und Fernsehen profitieren von dem ungezügelten Appetit des Publikums.
Sie gewichten in Ihren Publikationen das Thema Geld neuerdings stärker. In der FEER etwa gibt es ein neues Ressort «Money». Ist das Thema Geld der aktuelle Wachstumsmotor für die Wirtschaftspresse schlechthin?
Revzin: Teilweise. Der andere wichtige Motor ist Technologie.
Hat Dow Jones Pläne für eigene deutschsprachige Publikationen, nachdem Konkurrentin Financial Times diesen Schritt mit der Ausgabe Deutschland bereits vor einigen Monaten vollzogen hat?
Revzin: Wir haben keine konkreten Pläne.
Wie will Dow Jones künftig mit seinen Publikationen wachsen?
Revzin: Die Strategie besteht darin, weiterhin in unsere Marken zu investieren. Wir werden zudem in Internetprojekte und elektronische Kanäle investieren, denn der Markt ist noch lange nicht gesättigt.
Wo sehen Sie Potenziale im europäischen Markt?
Revzin: Neulancierungen und grössere Expansionen hängen stark von der Stabilität der jeweiligen Wirtschaft ab. Die meisten paneuropäischen Publikationen erscheinen in Englisch, und dieser Markt wird weiter wachsen. Wir haben viel in das WSJ-Europe investiert, weil wir an Europa glauben. Ob wir uns der Financial Times auf ihrem eigenen Territorium annähern können, werden wir sehen, aber wir haben sehr ehrgeizige Wachstumsziele und sind auch bereit zu investieren.
In Deutschland schiessen derzeit neue Börsen- und Finanzblätter nur so aus dem Boden. Ist das ein Strohfeuer?
Revzin: Ich weiss es, ehrlich gesagt, auch nicht. Als Zeitung mit liberalen und kapitalistischen Ansichten denken wir natürlich, dass Konkurrenz gut tut. Informationspluralismus ist wichtig, und wir werden unser Bestes tun, um im Wettbewerb zu bleiben. Nehmen Sie zum Beispiel an irgendeinem Tag die News auf den Frontseiten der englischsprachigen Financial Times und des WSJ-Europe: Die sind total verschieden. Zwei europäische Zeitungen, aber sie sind total anders. Es gibt genug zu schreiben. Wenn man Handelsblatt und Financial Times Deutschland vergleicht, findet man viele unterschiedliche Stories. Wenn es einen Markt für all das gibt und die Leute einem neuen Produkt als zuverlässige Informationsquelle trauen, ist das grossartig. Aber ich weiss nicht, ob der Markt auch künftig so aufnahmefähig für Neulancierungen bleiben wird, wie das im Moment der Fall ist.
Der Markt boomt auch, weil private Anleger jetzt auch in Europa immer mehr auf die Börse setzen und dafür fundierte Information brauchen. Was wird mit der Wirtschaftspresse geschehen, falls die Hausse zu Ende geht?
Revzin: Ob die Börse gerade floriert oder kränkelt, spielt keine so wichtige Rolle: Die Anleger brauchen in beiden Fällen fundierte Informationen.
Aber das Publikum für Wirtschaftszeitungen ist breiter geworden in den letzten Jahren?
Revzin: Das stimmt, speziell in Europa ist das Publikum in den letzten Jahren über das Segment der wohlhabenden Geschäftsleute hinausgewachsen. Ich denke, in Europa müssen sich die Leute vermehrt um Dinge wie etwa die private Altersvorsorge kümmern. Und da kommt man an der Börse nicht vorbei. In den Vereinigten Staaten und teilweise auch in Asien weiss jeder, was an den Aktienmärkten läuft. Vom Taxifahrer bis zum Angestellten im Supermarkt. Jeder interessiert sich für die Börse, sogar meine Mutter.
Werden neue Strukturen im Arbeitsmarkt, etwa flexible Netzwerke statt fester Bindungen, einen Einfluss auf die Nachfrage nach Wirtschaftspublikationen haben?
Revzin: Ich denke, sie werden einen Einfluss im positiven Sinn haben. Je mehr sich eine Informationswirtschaft entwickelt, und je mehr die Informationsflüsse zwischen diesen Netzwerken international verlaufen, desto mehr müssen Entscheidungen auf globaler Ebene getroffen werden. Moderne Firmen haben Backoffices in Indien, Produktionsstätten in Osteuropa, Büros in New Jersey. Je mehr man sich darauf einlässt, desto mehr ist jeder in einer solchen internationalen Firma auf Informationen über alle diese Märkte angewiesen. Zusätzlich sind Leute, die mit Information arbeiten, auch Informationskonsumenten, und das spielt auch in unsere Hände. In einer Internetfirma werden mehr Angestellte Wirtschaftszeitungen lesen als in herkömmlichen Firmen.
Findet in der Wirtschaftspresse ein Konzentrationsprozess statt?
Revzin: Es gibt mehr Allianzen, von einem eigentlichen Konzentrationsprozess kann man bei der Wirtschaftspresse aber nicht reden. In den USA fanden die meisten Medienzusammenschlüsse der jüngeren Vergangenheit in den Bereichen Unterhaltungsindustrie und Fernsehen statt.
Interview: Bruno Amstutz
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