Aufgefallen: Die Zeit des schnellen Wandels ist alles andere als fiktiv oder ein Hirngespinst westlicher Prognostiker. Und aus lauter Gewohnheit nehmen wir sie schon gar nicht mehr wahr.

AufgefallenDie Zeit des schnellen Wandels ist alles andere als fiktiv oder ein Hirngespinst westlicher Prognostiker. Und aus lauter Gewohnheit nehmen wir sie schon gar nicht mehr wahr. Die Tendenz zur Banalisierung des Phänomens bringt neben ein

Aufgefallen Die Zeit des schnellen Wandels ist alles andere als fiktiv oder ein Hirngespinst westlicher Prognostiker. Und aus lauter Gewohnheit nehmen wir sie schon gar nicht mehr wahr. Die Tendenz zur Banalisierung des Phänomens bringt neben einem sich ständig erweiternden Umfeld auch zwei grössere Problemkreise mit sich. Einerseits den Verlust des Gefühls für echte Werte: Was gestern galt, ist heute veraltet und morgen vom Markt verschwunden. Andererseits die Kommunikation dieser wie Pilze aus dem Boden schiessenden Neuerungen – was nützt eine Veränderung, wenn sie nur intern kommuniziert wird? Dazu kann die Werbung als wertvolles Sprachrohr eingesetzt werden. Etwa im Fall der Neufirmierung von Oerlikon-Bührle. Wäre diese Anzeige am 1. April erschienen, hätte sie gute Chancen gehabt, als Scherz durchzugehen. Warum? Weil sie einen für die Schweiz – wenn auch umstrittenen – doch sehr traditionellen Namen fast etwas sarkastisch in die Versenkung befördert. Zurück bleibt ein leicht bitterer Nachgeschmack, weil diese Anzeige unverblümt klarmacht: So schnell kanns gehen.
Surrealer dann das zweite Beispiel mit Selfmade-Multi Richard Brandson. Der Slogan «You know me as Richard. But now I’m going to be Frank» ist ein klassisches Beispiel für gelungene Verwirrung. Erst durch die Lektüre des Kleingedruckten fällt auch bei mir der Groschen. Frank – auf Deutsch «ehrlich» – vergibt in England Hypotheken an seine Fans. Ehrlich, Frank, ich hielt dich bis jetzt für einen sympathischen Geschäftsmann – und nicht für einen, der seine Ehrlichkeit ans Hemd heften muss. Vielleicht wärst du besser Richard geblieben. Chandra Kurt
Sprachbeobachter Anonymität (II): Die Aura des Ursprungslosen
Im WWW gibt es einen Service namens DéjàNews, der es ermöglicht, in sämtlichen Newsgroups zu recherchieren, was jemand im Verlauf der bisherigen Internetgeschichte «gesagt» hat. Zudem ist die Firma Internet Archive daran, das gesamte WWW zu archivieren – jeden Spruch, den Sie in einer Onlinediskussion vor Jahren von sich gegeben haben. Stellen Sie sich vor, Ihr künftiger Chef würde sich zuerst im Net schlau machen, bevor er Sie einstellt.
Viele wissen nicht, dass das WWW ein lebendes Archiv ist. Sie schalten sich als Moritz Kleinert zu und plaudern munter
drauflos. (Gleichzeitig ereifern sie sich über irgendwelche Lausbubenstreiche des so genannten Staatsschutzes.) Bei der Internetgemeinschaft Well entschlossen sich 1997 einige Mitglieder, ihren gesamten Record rückwirkend zu löschen. Dieser Vorgang, der im WWW normalerweise gar nicht möglich ist, wurde online heftig diskutiert. Einige Netizens gingen so weit, die Aktion mit Selbstmord gleichzusetzen.
Oracle heisst ein Internet-spiel, in dem Anonymität ausdrücklich erwünscht ist: Sie stellen eine Frage, die an andere Mitspieler weitergeleitet und schliesslich beantwortet wird. Die besten Fragen und Antworten werden ohne Namensangabe publiziert. Die Idee des Spiels ist, dass Oracle die kollektive Weisheit und Intelligenz aller Mitspielenden verkörpert.
Oracle-Texte sind ein Mischmasch aus Bonmots, Philosophie, Studentenwitzen, weltanschaulichen Statements, Platitüden und Ironie. Ein Organisator des Spiels, der Englischprofessor David Sewell, schreibt der Anonymität zwei entscheidende Vorteile zu. Zunächst die Freiheit im Ausdruck: «Ich wäre weniger spontan und hätte vielleicht nicht den Mut, gewisse Dinge hinzuschreiben, wenn ich wüsste, dass mein Name damit verbunden wird.» Der wirkliche Thrill aber ist die mystische Aura der Allgemeingültigkeit. Die gesammelte Weisheit des Universums scheint hier zu sprechen, nicht bloss die schwache Stimme eines Menschen.
In vorbiblischer Zeit durfte Jahwe (ich bin, der ich bin) nicht angeredet werden, weshalb er keinen Namen trug. Bei Goethe hiess Er Der Unausgesprochene, bei Klopstock Der Namenlose und bei den Gnostikern – Anonymos. Wie in der Bibel sollen «Oracles» den Anschein erwecken, direkt aus Gottes Mund zu kommen. Eine E-Mail-Adresse bei Oracle lautet denn auch god@heaven.com.
Einige Autoren des Mittelalters verzichteten darauf, ihre Texte zu signieren, weil es ihnen nicht um ihre Selbstverwirklichung oder um persönlichen Ruhm ging, sondern darum, den Gegenstand des Textes zu preisen und zu vertiefen. Ein Oracler schreibt: «Ich würde mich bei meinen Beiträgen weniger anstrengen, wenn meine Identität öffentlich bekannt wäre.» Ein anderer: «Wer etwas geschrieben hat, ist mir egal, aber es verlöre an Wert, wenn ich darunter eine Unterschrift sähe. Das zerstört den Mythos.»
Anonymität erlaubt es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf eine Aussage zu lenken, ohne sie durch die eigene Person zu stören. Wer der Sache dienen will, publiziert anonym. So gesehen gehören Werbetexter zu den leuchtenden Vorbildern. Beat Gloor, www.textcontrol.ch
Kolumne Mehr
Teamgeist
Von Michael Barney
Warum sind Sie in die Werbung gegangen? Weil Sie gut zeichnen können? Oder toll im Geschichtenerzählen oder Lügen sind? Oder weil Sie schon immer sehr eitel waren? Wie auch immer, Werbeleute sind gerne eitel. Und deshalb mögen sies auch, wenn ihr Name möglichst oft in der Presse steht. In den Anzeigen oben links oder rechts, in den Fachzeitschriften unter den Kampagnenmotiven. Am liebsten wäre es den meisten, wenn auch noch erwähnt würde, dass es ihre Idee zu der Anzeige, dem Plakat oder dem Spot war. Dabei, sind wir doch mal ehrlich, gehören meistens mehrere dazu, einer Kampagne den entsprechenden Glanz zu verleihen. Ich für meinen Teil war und bin allen dankbar, die mir bei der Arbeit helfen. Selbst grübelt und grübelt man, rennt sich fest – und da kommt der Texter Jürg zur Tür herein und sagt die bessere, treffendere Zeile. Danke, Jürg. Und Reto, mein AD, tippt erst dann eine meiner Headlines in den Computer, wenn er sie mag. Sonst zögert er. Und ich ahne schon, Barney, da musste nochmals ran. Teamarbeit ohne Eitelkeiten macht Spass: Den hatte ich mit Frank Bienenfeld und Oli Schneider, mit Paolo Tonti und sogar mit Remy, dem Fabrikanten, oh ja! Aber ebenfalls mit der Beratung, am liebsten auch mit den Kunden. Wenn die unsere Begeisterung schätzen und fördern, muss ja was Gutes dabei rauskommen, klar. Dabei ist das Geheimnis guter Teamarbeit überhaupt keins: gegenseitige Achtung genügt. Rechthaberei dagegen ist Gift für eine gute Zusammenarbeit. Besserwisserei ebenso. Wahre Wunder bewirkt, jedenfalls bei mir, auch die Nähe schöner Frauen. Ihr Lächeln allein reicht aus, um mich zu Höchstleistungen zu pushen. Stimmts Claudine? ADC-Würfel hin oder her, nichts dagegen, aber wenn im fernen Berlin Christiane eine meiner Arbeiten lobt, dann klingt das für mich erhabener als jede noch so ehrenvolle Würfelei. Merken Sie was? Natürlich, auch ich bin eitel.
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