Alte Tante macht grosse Sprünge

Die neuen Auflagenzahlen der Schweizer Presse – eine Übersicht über Auflagengewinner und -verlierer

Die neuen Auflagenzahlen der Schweizer Presse – eine Übersicht über Auflagengewinner und -verliererVon Markus Knöpfli Grosse Auflagensprünge sind auch dieses Jahr selten. Aber es gibt sie, vor allem bei Kundenzeitschriften und Specialinteresttiteln. Insgesamt ist der Deutschschweizer Markt aber weniger starken (prozentualen) Schwankungen unterworfen als die Titel in der West- und Südschweiz.
Weil sich im Herbst die Erhebungsart der Leserzahlen vom so genannten K1- zum neuen LpA-Wert (Leser pro Ausgabe) ändert, kommt der dies- und nächstjährigen Auflagenbeglaubigung eine spezielle Bedeutung zu: Im wogenden Print-Meer bleiben sie während zwei Jahren der einzige Orientierungspunkt für Verleger und Mediaplaner. Wer heuer und 2001 bei der Auflage keinen Verlust hinnehmen muss, hat deshalb nicht bloss einen Trumpf, sondern zumindest auch noch das Nell in der Hand.
Die Alte Tante von der Falkenstrasse macht grosse Sprünge
Bei den Deutschschweizer Zeitungen gehört wiederum die NZZ zu den grössten Gewinnern, ebenso der Bund. Die NZZ legte um 2593 Exemplare oder 1,6 Prozent zu, was Tobias Trevisan, Leiter Zeitungen, auf die «permanente Arbeit an der inhaltlichen Qualität» zurückführt. Weitere Gründe sind der neue Sportbund, das intensivierte Marketing, das zunehmende Interesse an Wirtschaftsthemen sowie der wachsende Bevölkerungsanteil mit guter Ausbildung. «Unsere Zielgruppe wächst», ergänzt der Verlagsleiter.
Der Bund gewann 2121 Exemplare, was gar einem Plus von 3,2 Prozent entspricht. Zu drei Vierteln sei diese Steigerung auf den Ausbau in Biel zurückzuführen, sagt Verlagsdirektor J. Pepe Wiss, in der Stadt Bern habe der Bund hingegen nur leicht zugelegt.
Bemerkenswert ist auch die Berner Zeitung, die zwar nie grosse Sprünge, aber gemäss BZ-Geschäftsleiterin Franziska von Weissenfluh schon seit mindestens zwölf Jahren regelmässig zwischen 600 und 1200 Exemplaren zulegt. Auch diesmal sind es wieder 1074.
Auf der Verliererseite fallen vor allem das St. Galler Tagblatt (SGT) und erstmals auch Cash auf. Beim SGT hat man den letztjährigen Verlust von 3,2 Prozent mit «Bereinigung nach dem Zusammenschluss» begründet und für dieses Jahr wieder bessere Zahlen angekündigt.
Doch das Blatt verlor weitere 4,4 Prozent. Die Begründung von SGT-Verlagsleiter Daniel Ehrat: «Bei der letztjährigen Beglaubigung war der Titel noch nicht bereinigt.» Die Zahlen, die der Verlag vor dem Zusammenschluss vom Fusionspartner Ostschweiz erhielt, hätten nicht den Erwartungen entsprochen. So habe sich die Leserstruktur als relativ alt herausgestellt, zudem habe es viele Doubletten gegeben.
Cash verliert erstmals Leser und Abonnenten
Das Wirtschaftsblatt Cash hat letztes Jahr seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht und ist nun um 2,6 Prozent oder 1880 Exemplare sogar unter den Stand der Wemf-Beglaubigung Basis 1997 zurückgefallen – angeblich wegen der letztjährigen Preiserhöhung. Bei Ringier gibt man sich dennoch optimistisch. «Wir sind überzeugt, dass Cash mit neuem Konzept und Layout wieder über 72000, ja bis auf 80000 Exemplare kommt», sagt Konzern-Sprecher Fridolin Luchsinger.
Die Veränderungen bei den meisten anderen Zeitungen bewegen sich im Bereich von plus oder minus einem Prozent. Einige sind dennoch erwähnenswert. Wie Cash hat auch der Blick 1999 mehr an Auflage verloren (minus 2971 Exemplare) als er 1998 zugelegt hat – trotz überarbeiteten Konzepts. «Der Blick ist in einer Stagnationsphase, die Verluste verteilen sich auf das ganze Jahr und sind nicht etwa den neuen Pendlerzeitungen zuzuschreiben», sagt Luchsinger.
Auch bei der TA-Media stellt man einen Einfluss des 1999 neu lancierten Zürich Express in Abrede, obwohl der Tages-Anzeiger mit einem Minus von 1880 Exemplaren gut dreimal mehr verloren hat als im Vorjahr. Weiter kontinuierlich auf dem Vormarsch ist dagegen die Sonntagszeitung, die 0,72 Prozent zulegte, während der SonntagsBlick, wenn auch auf höherem Niveau, bloss ein Plus von 0,05 Prozent verzeichnen konnte.
Auch die Weltwoche legt seit 1998 zu, nur in kleinen Schritten zwar, aber doch stetig. Bei der aktuellen Beglaubigung sind es wieder 700 Exemplare mehr. Die Wiedereinführung des Wirtschaftsbundes hat sich offenbar bezahlt gemacht.
Enttäuschend schneidet hingegen die Aargauer Zeitung ab: Die Steigerung um 0,25 Prozent oder 299 Exemplare fällt nicht nur schwächer aus als vor einem Jahr, sie liegt auch deutlich unter dem, was man vom Projekt «Mehrwert AZ» und dem Ausbau von fünf auf neun regionalen Splits hätte erwarten können.
Auch die Neue Luzerner Zeitung hat ihren Zuwachs verlangsamt: Legte sie in den beiden Vorjahren noch je um die 1500 Exemplare zu, hat sie jetzt mit einem Plus von nur 169 Exemplaren wohl ihren Plafond erreicht. Bei den Westschweizer und Tessiner Zeitungen waren die Veränderungen viel ausgeprägter als in der Deutschschweiz – und mit nur drei Ausnahmen positiv. Den grössten Gewinn verzeichnete der Nouvelliste mit 6,2 Prozent, gefolgt vom Mattino della Domenica (plus 5,1 Prozent) und La Presse Riviera-Chablais (plus 4,7 Prozent). Das 1998 lancierte Ringierblatt Il Caffè konnte sich um 898 Exemplare steigern.
Wiederholt haben Le Matin Dimanche und l’Impartial an Auflage verloren, wenn auch auf ganz unterschiedlichen Niveaus. Der Verlust von 906 Exemplaren macht denn auch beim l’Impartial ein Minus von 4,03 Prozent aus, Le Matin Dimanche verliert dagegen mit 3111 Exemplaren «nur» 1,4 Prozent. Einen Verlust in gleicher Prozentzahl hat auch l’Express zu verzeichnen.
Schweizer Illustrierte über 250000 Exemplare
Die Veränderungen bei den Deutschschweizer Zeitschriften lassen sich wie folgt zusammenfassen: Gesundheitstitel legen weiter massiv zu (Gesundheit-Sprechstunde: plus 11552, Puls-Tip: plus 7854 Exemplare), Frauentitel dagegen verlieren (Modeblatt: minus 7322, Annabelle: minus 6196, Glückspost: minus 5295, d’Chuchi: minus 695 Exemplare), und zwei bisherige Ausreisser scheinen an ihre Grenze gekommen zu sein (Facts: plus 136, K-Tip: plus 857 Exemplare)
Auffallend ist auch die unterschiedliche Entwicklung bei Schweizer Illustrierte (SI) und Schweizer Familie (SF). Während die SI mit einem Zuwachs von 3003 Exemplaren den Sprung über die Marke von einer Viertel Million Exemplaren gemäss Luchsinger «locker» geschafft hat, fiel die SF wieder um zehn Prozent zurück (minus 17301 Exemplare).
Das ist umso gravierender, als man bei der TA-Media 1999 nach einer deutlich abflachenden Verlustkurve damit gerechnet hatte, den seit Jahren anhaltenden Niedergang des Blattes endlich gestoppt zu haben. René Gehrig, zuständig für Verlagsmarketing aller TA-Media-Zeitschriften, erklärt das neuerliche Loch mit dem grossen Anteil vierteljährlicher Abos. Jedesmal, wenn man Rechnung stelle, verliere man drei Prozent der Abonnenten, was jährlich zwölf Prozent ausmache, sagt er. Für das kommende Jahr gibt er sich dennoch zuversichtlich. «Das Neukonzept kommt gut an, das zeigt die Umwandlungsrate von Kennenlern- zu Festabos», sagt Gehrig. Und dann fügt er hinzu: «Ich freue mich auf die nächste Beglaubigung.»
Der Verlust bei der Glückspost sei auf die erste Hälfte 1999 zurückzuführen, sagt Ringier-Sprecher Luchsinger, seit jedoch Helmut Maria Glogger als Chefredaktor das Zepter übernommen habe, sei am Kiosk wieder eine Zunahme festzustellen.
Kein Ende des mehrjährigen Negativtrends ist bei Das Beste (Reader’s Digest) – übrigens auch in der Westschweiz – absehbar. Das Blatt hat wiederum gut 12000 Exemplare verloren und liegt jetzt deutlich unter der 200000er-Marke. Die lapidar anmutende Begründung von Verlagsleiter Beat Stalder: Man konzentriere sich auf die «Kernzielgruppe 40 plus». Die TV-Zeitschrift TR 7 aus der Basler Medien Gruppe dagegen macht einen Sprung um 3,5 Prozent und hat damit in zwei Jahren fast 9000 Exemplare zugelegt.
Rekord 1: Welscher K-Tip mit plus 34,8 Prozent
In der Westschweiz verläuft die Entwicklung zum Teil anders: Das K-Tip-Pendant Bon à savoir beispielsweise legt stolze 24528 Exemplare zu (plus 34,8 Prozent) und ist bezüglich Zuwachs Spitzenreiter aller verkauften Schweizer Printtitel. Gut geht es auch Générations, das sich um 12,47 Prozent steigern kann, und Vinum, das auch in der Deutschschweiz um 7,2 Prozent wächst.
Erneut zulegen kann Ringiers L’Illustré (plus 4266), das nun fast 100000 Exemplare erreicht. Das Lifestylemagazin Edelweiss dagegen gewinnt in seinem zweiten Jahr bloss 25 Exemplare hinzu.
Bei den Gratistiteln hat sich mit Ausnahme der neuen, noch nicht beglaubigten Pendlerzeitungen in Zürich nicht viel verändert. Der Zürich Express weist nach einem unbeglaubigten Jahr neu 191937 Exemplare aus, grössere Steigerungen verzeichnen Lausanne-Cités (plus 4,2 Prozent), die Winterthurer Woche (plus 2,9 Prozent) und der Anzeiger St. Gallen/Appenzell (plus 2 Prozent). Deutlich verloren hat dagegen der Schaffhauser Bock (minus 2,3 Prozent).
Rekord 2: PC-Tip legt 95 Prozent zu
Bei den Specialinteresttiteln sind es zwei, die ins Auge stechen: Der Hauseigentümer legt allein im vergangenen Jahr um 22287 Exemplare (plus 9,26 Prozent) zu, nachdem er schon 1999 eine Steigerung von 10,27 Prozent verzeichnen konnte.
Einen prozentualen Rekord weist zudem die ehemalige Tagi-Beilage PC-Tip aus: Er sprang um 95,78 Prozent auf 44652 Exemplare. Manuela Van Audenhove, zuständig für Vertrieb und Marketing beim Herausgeber IDG Communications, erklärt sich den Riesensprung so: Der PC-Tip bringe die News publikumsnah, einfach und verständlich, und der Abopreis sei mit 29 Franken relativ tief (12 Ausgaben pro Jahr).
Die Handelszeitung stagniert bei 36596 Exemplaren, Finanz und Wirtschaft dagegen legt 4,4 Prozent zu. Bei den Berufszeitschriften sticht der Landwirtschaftstitel Die Grüne heraus, der seit 1997 15 Prozent verloren hat, während die anderen Bauerntitel stagnieren. Bei den Kundenzeitschriften liefern sich CoopZeitung (1879660) und Brückenbauer (1808000) (Migros) bezüglich Gesamtauflage ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Der Brückenbauer hat 1999 mächtig aufgedreht und setzt allein in der Deutschschweiz eine halbe Million Exemplare mehr ab. In der Westschweiz hat Construire Coopération bereits um 20000 Exemplare überrundet.
Weiter zu erwähnen ist Strom, das seine Auflage um 252000 Exemplare (18,7 Prozent) reduzieren musste. Auch die Kinderzeitschrift Junior, die vorab in Kantonalbanken abgegeben wird, verliert 10,69 Prozent, weil die Zürcher Kantonalbank sich für eine eigene, werbefreie Zeitschrift, ebenfalls aus dem Hug-Verlag, entschieden hat.
Wie man die neuen Auflagenzahlen liest

Nicht alle vorliegenden Zahlen sind beglaubigt, ein Teil basiert erst auf Selbstdeklaration. Der Grund: Weil vergünstigte Posttaxen nur noch beglaubigten Titeln gewährt werden, hat die Wemf-Kundschaft auf dieses Jahr hin um das Vierfache auf rund 2500 Titel zugenommen. Die diesjährige Beglaubigung dauert deshalb bis etwa März 2001. Gemäss Christel Plöger, Projektleiterin bei der Wemf, werden zwar die werberelevanten Titel zuerst beglaubigt, doch die Einführung zusätzlicher Mitarbeiter habe auch hier eine Verzögerung bewirkt. «Die selbstdeklarierte Auflage gilt deshalb so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist», erklärt Plöger.

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