«Für all jene da, die mit Beginner-Spirit operieren»

Für sein Zürich-Venture hat sich Foundry-Gründer Sacha Moser bekannten Support geholt: Pascal Baumann, vormals Partner bei Sir Mary, ist neu als «Creative Tribe Leader» an Bord. Ein Doppelinterview.

«The most hands-on guys in advertising»: Diese Rolle möchten Sacha Moser (links) und Pascal Baumann im Schweizer Werbemarkt spielen. (Bild: zVg.)

Johannes Hapig: Sacha Moser, Pascal Baumann, zu Beginn muss ich Ihnen eine Frage zum Fotoshooting stellen, das wir für dieses Interview gemacht haben: Beton-Kulisse, Berlin-Ästhetik, Tattoos – Ist das Ziel von Foundry hier in der Schweiz, «the most handsome people in advertising» zu werden? 

Sacha Moser und Pascal Baumann (unisono): Danke für das Kompliment. Aber uns wäre «The most hands-on people in advertising» lieber.

Sacha Moser Das entspricht unseren beiden Charakteren eher und ist für unsere auf Wachstum ausgerichtete Kunden auch hoffentlich der grössere Mehrwert.

 

Pascal Baumann, Sie sind nach Ihrem Ausscheiden bei Sir Mary als «Creative Tribe Leader» bei Foundry eingestiegen. Den Foundry-Gründer Sacha Moser kennen Sie aber schon länger. Wissen Sie noch, wann Sie sich das erste Mal begegnet sind?

Baumann: Puh…, das ist eine schwierige Frage. Wir haben uns damals, glaube ich, das erste Mal bei Publicis getroffen. Da war Sacha fest engagiert und ich war Freelancer. Wir haben einen gemeinsamen Kunden betreut, uns danach immer wieder gesehen – vor der Pandemie auch oft an Flughäfen, muss ich sagen, weil wir beide in normalen Zeiten viel aus Airport Lounges gearbeitet haben. Und so kamen wir nach meinem Abschied von Sir Mary ganz natürlich ins Gespräch.

Moser: Mich hat das natürlich enorm gefreut, aber auch überrascht. Ich glaube, Du hast mich zuerst kontaktiert?! Die Möglichkeit, dass Du hier mit einsteigst, hätte ich mir zuerst gar nicht träumen lassen. Aber wir haben nichts überstürzt, ganz entspannt gemeinsame Ideen entwickelt … und auch jetzt schauen wir in Ruhe, was für uns passt.

 

Sacha Moser, Sie führen ja keine «klassische» Kommunikationsagentur. Was macht Foundry genau?

Moser: Wir helfen Unternehmen dabei, zu wachsen. Unsere Kunden sind vor allem substanzielle Startups, aber auch etablierte Unternehmen, die sich neu ausrichten wollen oder müssen. Wir prüfen und optimieren die Strategie, Prozesse und Branding; kümmern uns um Marketing und Kommunikation. Wir packen aber eben auch ganz hands-on mit an, wenn mal ein Flagship-Store gestrichen werden muss (lacht). Generell sind wir für all jene da, die mit einem «Beginner-Spirit» operieren. Oder das lernen möchten. Gute Beispiele sind unter anderem unsere Kundenpartner Planted oder Alpian und ganz neu hinzu gekommen in der Tribe das Student Projecthouse, der inhouse-Startup-Inkubator der ETH.

 

Sie sind Schweizer, haben Foundry bisher aber primär in Berlin aufgebaut. Wieso nun die Rückkehr beziehungsweise Expansion in Ihre Heimat?

Moser: Unsere Strategie lautet Wachstum. Nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kunden. Bis Anfang 2020 haben wir vor allem eine internationale Klientel betreut, seit einer Weile kommen immer mehr international tätige Firmen aus der Schweiz oder mit wichtigen Schweizer Dependancen hinzu. Deswegen wollten wir unseren Standort Zürich unbedingt stärken.

 

Pascal Baumann, war das auch der Grund, warum Sie Sir Mary verlassen haben? Wollten Sie wieder «Aufbauarbeit» leisten?

Baumann: Einerseits ist das bestimmt ein wichtiger Grund. Andererseits wurde es mir bei Sir Mary ein bisschen zu eng. Sir Mary ist ja vor allem eine lokal ausgerichtete Agentur…

 

 …die in der Schweiz extrem erfolgreich ist.

Baumann: Ja, und zu Recht! Aber ich hatte vor meiner Zeit bei Sir Mary immer eher international gearbeitet und habe gespürt, dass mir das fehlt. Ich liebe die Kolleginnen und Kollegen an der Bertastrasse, ich vermisse sie auch, denn das sind fantastische Menschen. Aber mit ihnen wird nach der Pandemie eben nur noch zusammen gefeiert, nicht mehr zusammen gearbeitet (lacht). Foundry eröffnet für mich neue Perspektiven: Hier gibt es Kunden, die ich wahnsinnig spannend finde. Planted, Alpian oder auch der ETH Startup-Inkubator sind alle sehr digital orientiert, aber noch nicht von der «Rochade» durch alle grossen Agenturen abgestumpft. Das sind Companies, die man nicht schon mehrmals in der eigenen Karriere betreut hat.

 

Was ist bei diesen Unternehmen anders?

Baumann: Die haben junge, ehrgeizige Mitarbeitende, die noch etwas erreichen wollen. Ich habe gelernt: Für mich ist der Beginn eines Projekts, also dann wann es viel zu definieren und schaffen gibt, immer am spannendsten. Sei es jetzt bei der Foundry in der Schweiz, sei es bei den Firmen, die wir als Kunden betreuen. Diese Freiheit, dass man innovativ sein kann, improvisieren, einfach mal machen darf, bereitet mir wahnsinnig Freude. Hands-on eben… Später wird es noch «verkopft» und strukturiert genug. (lacht)

 

Mir scheint manchmal, echte Freiheit hat man in der Beratung von Kunden nur noch dann, wenn man für Startups, Sanierungsfälle oder allenfalls NGOs tätig ist?

Moser: Naja, das kommt sicher auf die jeweilige Situation an. Generell würde ich sagen: Wenn jemand kommunizieren «muss» – um sich bekannt zu machen, um sein Business neu auszurichten oder einfach, weil das wirtschaftliche Überleben davon abhängt – ist die Bereitschaft zu wirklich kreativen Lösungen grösser. Da können wir dann natürlich mehr unkonventionelle Ideen einbringen. Aber man trägt auch einen sehr grossen Hut. Denn wenn ein Vorhaben scheitert, hat man noch mehr Verantwortung. Da heisst es dann: Ärmel hoch.

 

Apropos «hands-on». Pascal Baumann, ich erinnere mich noch gut daran, wie Sie einmal 8000 Exemplare unserer Werbewoche von Hand mit Graffiti besprüht haben.

Baumann: Erinnern Sie sich auch noch an die Sehnenscheidenentzündung, die ich davongetragen habe? (lacht) Ich bin einfach bei allem, was ich mache, mit Herzblut dabei. Manchmal denke ich natürlich, dass ich auch zu einer Behörde hätte gehen können. Dann würde ich sechs bis acht Stunden vor einem Bildschirm sitzen und vielleicht Zoom-Calls machen. Aber wenn wir aus dem Gröbsten raus sind mit dieser Pandemie, dann ist mir das Analoge umso wichtiger. Ich will visuelle Welten erschaffen, die man nicht nur anschauen, sondern die man fühlen kann.

 

Dazu passt ja, was Sacha Moser vorhin über das Anstreichen der Ladenlokale gesagt hat.

Moser: Ich möchte das gern noch einmal betonen: Brand Building funktioniert für uns auf verschiedenen Ebenen – natürlich digital, aber wir bauen auch Räume. Jetzt haben wir gerade ein Projekt in Genf, wo wir auf 1400 Quadratmeter Studios für den neuen, digitalen Kundenservice ausbauen. Ein wichtiger Touchpoint. In Berlin haben wir für den Kabelnetz- und Internetanbieter Pyur das Konzept für 120 Shops entwickelt. Das sind Markenerlebnisse über Grenzen hinweg, über Dimensionen. Wir orientieren uns bei allen Aufgaben, die an uns herangetragen werden, an Pippi Langstrumpf – wie hat sie einmal gesagt? «Das haben wir noch nie probiert – also geht es sicher gut!» Natürlich haben wir die nötigen Erfahrungen und Spezialisten, doch es ist eine Frage der Haltung.

Baumann: Das ist auch für mich ein total wichtiger Punkt, der Foundry ausmacht. Ich meine, klar ist es Werbung, klar ist es Kommunikation, aber ich habe selten so viel Variation in einer Agentur erlebt. Wir machen eben nicht nur digitale Kampagnen, Social Media – sondern auch Interior Design, entwerfen Bücher, Kleider, Filme… Wo gibt es das sonst?

 

Ihr inoffizielles Firmenmotto, so erfuhr ich im Vorgespräch, sei «Mindset Beats Skillset».

Moser: Stimmt! Das steht bei uns sogar auf den Tassen, die wir in der Teeküche haben. Das kommt von Markus, einem unserer führenden Mitarbeiter, und prägt Foundry – respektive die Leute, die bei Foundry sind. Wir sind gleichsam strategisch geleitet und kreativ getrieben und leiten daraus unsere Prinzipien ab. Wir haben beispielsweise letzten März 2020, als alles losging, gesagt: Egal was passiert, wir werden in den kommenden zwölf Monaten niemanden entlassen. Als es dann Richtung Juni, Juli 2020 ging und die Situation so komplex blieb, habe ich schon ein bisschen geschwitzt. Aber es hat sich absolut gelohnt. Denn wir haben nochmal in das Team investiert, haben extra Gas gegeben in den letzten zwei Quartalen und haben neue Kunden gewonnen. Und bereits im Q4 2020 durften wir auch unser grösstes Wachstum seit Firmenbeginn verzeichnen. Für viele war diese Krise auch eine Chance; speziell im digitalen Bereich haben wir enorm viele Anfragen. Deshalb haben wir eine neue Performance- und Media-Unit aufgebaut.

 

Ihr Geschäftsmodell ist die Hilfe bei der Verwirklichung von Ideen. Denken Sie, dass es nach der Pandemie zu einem Gründungsboom kommt – und dass Foundry dann noch mehr spannende Klienten gewinnt?

Baumann: Da sprechen Sie einen sehr wichtigen Punkt an. Man kann über Corona und die ganzen Massnahmen denken, was man will. Aber sie hatten einen genialen Aspekt – und das war die Zeit zum Neudenken. Die Ruhe gab einem die Chance, den eigenen Standpunkt zu sehen und vor allem wo man hin will. Wenn man sich während der Krise an alten Verhaltensweisen festgehalten hat, hatte man da natürlich keine Chance. Aber wenn man die Zeit genutzt hat, um sich zu orientieren, um zu schauen, welche Möglichkeiten es gibt, um sich zu entwickeln … dann war es unglaublich. Und – ohne zynisch klingen zu wollen – irgendwie werde ich das vermissen, sobald es vorbei ist. Dieser Pioniergeist, den man spürt, begleitet uns in die Zukunft. Wehe, wenn man ihn nicht genutzt hat.


Bei Foundry arbeiten nach Angaben der Agentur «Macher mit Hands-on-Mentalität», die es «lieben, Marken aufzubauen, die langfristig Bestand haben». Dabei setzt das Team um Gründer Sacha Moser auf die «Kraft relevanter und differenzierender Inhalte, prägender Ästhetik, kühner Ideen und wegweisender Partnerschaften».

In den vergangenen Jahren ist Foundry stark gewachsen, unterhält mittlerweile Standorte in Berlin, Zürich und New York City. Die Grundprinzipien haben sich aber nicht verändert: «Kreativ getrieben und strategisch gelenkt, unterstützen wir Unternehmen und Organisationen dabei, eine gemeinsame Vision zu entwickeln. So sorgen wir für nachhaltiges Wachstum und schaffen Lösungen, die Menschen berühren und positiv bewegen», heisst es von der Agentur. 

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